Gabriele Bickel: Die Kräuterhexe im Kloster Maulbronn


Wer durch das Eingangstor vom Kloster Maulbronn schlendert, kann das Lädchen Millefolia im Klosterhof Maulbronn nicht verfehlen. Gleich zu rechter Hand der weit ausladenden ehemaligen Zisterzienserabtei aus dem Jahr 1147, die seit 1993 auf der Liste der UNESCO als Weltkulturdenkmal steht, fühlt sich der Besucher beim Anblick des malerischen Lädchens direkt ins Mittelalter zurückversetzt.

Ein Blick durch die Fenster des moosbedeckten, geduckt liegenden Fachwerkhäuschens lädt spontan zum Betreten Geschäfts. Gleich auf den ersten Blick glaubt man sich in einer anderen, verwunschenen Welt. Der Lärm eines hektischen Alltags verebbt, Augen und Nase stattdessen fühlen sich einladend herausgefordert. Eine kaleidoskopartig-bunte Vielfalt von duftenden, zumeist selbst gesammelten Kräutern und Kräutermischungen, edlen Gewürzen, Ölen, Essigen, Likören, und hochwertigen Tees finden sich hier ebenso wie reich bebilderte Kräuterbücher und -kalender, niveauvolle Papeterie und anspruchsvolle Wohnaccessoires.

Mittendrin, beim Beraten der Kunden oder beim Zusammenrichten der Einkäufe steht Gabriele Bickel. Freundlich lächelnd, zurückhaltend, unaufdringlich. Sie ist "einfach da" und lässt die Kunden auf sich zu kommen. Im Interview mit brikada gibt die alleinerziehende Mutter einer mittlerweile erwachsenen Tochter über ihren beruflichen Werdegang und ihre Lebensphilosophie Auskunft. Gabriele Bickel hat den Mut, anders zu sein als alle anderen, die Ausdauer, ungewöhnliche Wege unbeirrt zu beschreiten und sich entschlossen den Unwägbarkeiten zu stellen.

Sie sind Inhaberin des Geschäfts Kräuterhexe – Millefolia im Klosterhof Maulbronn. Sie hatten bei ARD eine eigene Fernsehreihe mit dem Titel "Die Hex von Sternenfels". Sie sind Autorin und schreiben viel beachtete Kräuterhexenbücher und veröffentlichen seit Jahren einen Kräuterhexenkalender. Was hat Sie zu dieser bunten Berufsmischung aus Kräuterhexe, Einzelhändlerin und Buchautorin gebracht?
Das liegt sicherlich an meinen mehrfachen Berufsausbildungen. Eigentlich wollte ich Grafikerin werden. Aber mein Vater meinte, das sei ein Hungerleiderberuf und ich müsse "was G´scheidt´s" in der Hand haben. Also entschloss ich mich, Apothekenhelferin zu werden und machte den PTA-Abschluss. Danach arbeitete ich als PTA in der Apotheke und konnte mir erst Jahre später meinen eigentlichen Traumberuf als Designerin erfüllen. Ich besuchte eine Meisterklasse für Malerie und schloss als Diplom Designerin meine kreative Ausbildung ab. Anschließend arbeitete ich als freie Malerin mit zwei Galerien zusammen und arbeitete, nachdem meine Tochter zur Welt kam, von zu Hause aus als Werbegrafikerin.

Die Bezeichnung "Kräuterhexe" klingt ja recht eigenwillig – zumal man heutzutage das Gefühl hat, alles muss – wenn man erfolgreich sein will – voller Glamour, top-stylisch sowie absolut cool oder "in" sein. Spüren Sie da manchmal eine Diskrepanz – oder gehört das mystisch wirkende mittelalterliche Kräuterhexen-Image auch zu einer zeitgemäßen Nostalgie-Sehnsucht?
Die Bezeichnung "Kräuterhexe" hängt ja eng mit meinem Basisberuf als Apothekenhelferin zusammen. Während meiner Tätigkeit als Grafikerin sammelte ich Kräuter und stellte Kräutermischungen aus Hobby her. Zudem habe ich Exkursionen durchgeführt, um mein Wissen an andere Menschen weiterzugeben. Während dieser Kräuterwanderungen wurde ich öfters als "Kräuterhexe" bezeichnet – allerdings mit eher süffisantem Unterton. Ich habe mir das -zig Mal angehört, bis ich mir sagte, mit dem Negativimage einer Kräuterhexe mache ich Schluss. Vielmehr stehe ich dazu, ich akzeptiere den Begriff und kehre ihn ins Positive um; denn über weite zeitliche Abschnitte des Mittelalters war es eine Ehre, als Kräuterhexe hilfreich tätig zu sein. Diese Tradition setze ich voller Selbstbewusstsein und Fachkompetenz fort und werde mittlerweile dabei voll anerkannt.

Und was hat es damit auf sich, dass Sie sogar ein Geschäft eröffneten?
Das ergab sich ebenfalls aus den Gesprächen und Nachfragen der Menschen, die an meinen Kräuterwanderungen teilnahmen und um Ratschläge baten. Anfangs habe ich von zu Hause aus Kräuter, Essige und Tees für Ostern und Weihnachten zusammengestellt und wie ´verrückt´ verkauft. Die Kunden haben mir meine Wohnung eingerannt und haben mich dort auch noch nachts nicht mehr in Ruhe gelassen. Daher eröffnete ich 1996 die Kräuterhexe – Millefolia im Klosterhof Maulbronn – mit festen Öffnungszeiten.

Sie verfassen ja auch Bücher, die – bis auf ihren Erstling – alle im Franckh-Kosmos Verlag, Stuttgart, erschienen sind. Was hat Sie veranlasst Bücher zu schreiben?
Ich hatte ja eine eigene Fernsehreihe in den ARD mit dem Titel "Die Hex von Sternenfels", außerdem wurden Hörfunkbeiträge von mir veröffentlicht. Als dann die Gemeinde Sternenfels auf mich zu kam und vorschlug, auch noch Bücher zu schreiben, wehrte ich mich zunächst mit Händen und Füßen dagegen und wollte nur dann zustimmen, wenn die Gemeinde einen Verlag findet, der meine Themen veröffentlicht. Das erfüllte sich schneller als gedacht. Seither habe ich im Franckh-Kosmos Verlag rund 10 Kräuterbücher und Kräuterkalender veröffentlicht.

Welches sind Ihre Lieblingsbücher?
Pflanzen- und Gartenbücher lese ich am liebsten. Aber auch Geschichtsbücher oder Bücher über Lebensweisheiten gefallen mir. Mein Favorit ist allerdings Wilhelm Busch, der genial mit spitzem Stift und Worten umgehen konnte.

Haben Sie schon mal Ihren Beruf wechseln wollen?
Nein, nie, ich lebe in meinem Beruf.

Was unternehmen Sie in Ihrer Freizeit?
Ich bin mit meiner Familie zusammen oder arbeite still im Garten oder bin kreativ in der Wohnung tätig.

Gibt es in Ihrer beruflichen Karriere noch "weiße Flecken"? Das heißt, möchten Sie noch andere Berufsfelder testen? Falls ja, welche?
Ja, zum Beispiel möchte ich etwas in Richtung Schmuck- und Textildesign unternehmen, aber auch Floristik und Malerei reizen mich sehr.

Nach welcher Philosophie gestalten Sie Ihr Leben?
Ich bin der Ansicht, dass man nach dem Motto ´leben und leben lassen´ handeln sollte. Man kann nichts Erzwingen. Auch sollte man mit dem zufrieden sein, was sich mit Zuversicht und Gelassenheit erreichen lässt.

Wer oder was inspiriert Sie?
Menschen und Verhaltensweisen, neue Gedankengänge und der Umgang mit der Natur.

Was denken Sie über das Altern? bzw. möchten Sie nochmal 20 sein?
Mein bisheriges Leben war absolut spannend, interessant und reich an Lebenserfahrungen. Als ich mich 1996 mit einem eigenen Geschäft selbstständig machte, haben mich alle Menschen um mich herum für verrückt erklärt. Klar, ich musste auch Niederlagen einstecken, aber mit gesundem Selbstbewusstsein lies sich der Weg – auch wenn er holprig war – als allein erziehende Mutter und Hausfrau durchaus erfolgreich gehen. Angst vorm Altern habe ich nicht, man muss zu seinem Alter stehen. Ich möchte auch nicht noch einmal 20 sein, mit dem Wissen und der Lebenserfahrung von heute auch nicht.
Das Interview führte Brigitte Karch

Weitere Informationen: www.kraeuterhexe-galerie.de

(Der Link wurde am 07.05.2007 getestet.)