Sigrid Engelbrecht: “Es war gut so, wie es war und es ist gut so, wie es ist”


Die gebürtige Bayreutherin (Jahrgang 1954) studierte Publizistik, Textil- und Grafik-Design; später schloss sie eine Ausbildung als Trainerin und Beraterin an. Mit 36 Jahren machte sich die vielseitig Talentierte als Diplom- Designerin selbständig, leitet auch Workshops und Seminare mit den Themenschwerpunkten Kreativität, Selbstmanagement und Gesundheit. Neben dem Verfassen von Werbe- und Informationstexten für Printmedien und Internet wandte sie sich auch der Malerei und der Lyrik zu, initiierte Ausstellungen zu ihren Bildern und organisierte Lesungen zu ihren Texten. Seit Ende der 90er Jahre wurde die schriftstellerische Seite zunehmend bedeutsamer. Gleichwohl engagiert sich Sigrid Engelbrecht, Mutter einer erwachsenen Tochter, als Stadträtin in Bayreuth. Dort setzt sie sich u. a. für Projekte in den Bereichen Stadtentwicklung und Gewaltprävention ein.

Was hat Sie bewogen, mit dem Buch “Heiße Jahre” das bei Gräfe & Unzer im Herbst 2006 erschien, an die Öffentlichkeit treten?
Mich beschäftigten die Fragen: Was verändert sich wirklich beim Älterwerden? Welchen Einfluss hat es auf unser Potenzial, unser Selbstverständnis, unsere Fähigkeiten, Gaben und Werte? Ich fand es immer schon ärgerlich, dass in Bezug auf Frauen nicht nur das jung-sein-sollen sondern auch das schön-sein-sollen einen derart überzogenen Stellenwert hat. Nicht nur unser medialer Alltag ist voll von Botschaften, wie "frau" auszusehen hat, damit sie geliebt, geschätzt und anerkannt wird – vom Schönheitsbegriff an sich ganz zu schweigen. Das Wort "Verblühen" wird zum Beispiel nur in Bezug auf Frauen verwendet. Die unterschwelligen Botschaften und negativen, einseitigen Klischees haben in mir den Impuls ausgelöst, diesen etwas entgegenzustellen, ein anderes Bild, ein optimistisches, ein ganzheitlicheres von Frau-Sein mit einem stabilen Selbstwertgefühl, mit gelebten Potenzialen und großer Lebenszufriedenheit – unabhängig von Alter oder Schönheit.

Ihr Buch versteht sich eher als Ratgeber. Welche Leseempfehlung würden Sie einer noch unschlüssigen Leserin geben, damit sie den Einstieg in das Buch findet? Oder sollte man Ihr Buch von der ersten bis zur letzten Seite durchlesen, um dann die für sich passenden Passagen auszuwählen?
Ja, es ist in einer Ratgeber-Reihe erschienen … ich würde es selbst aber eher einen "Impuls-Geber" bezeichnen. Und Impulse können in einem selbst als Leserin eigene Vorstellungen, Empfindungen und Ideen hervorlocken. Die fünf Abschnitte des Buches sind in sich "rund". Wenn die Leserin sich über verschiedene Aspekte der Wechseljahre – körperlich, seelisch, kulturell usw. informieren möchte, empfiehlt sich Kapitel "Heiße Jahre – Wahrnehmung und Wirklichkeit", möchte sie konkret Impulse für mehr Lebensfreude praktisch umsetzen, findet sie Anregungen dazu im Kapitel "Die Macht der inneren Haltung" usw.

Bücher schreiben bedeutet ja nicht nur, anderen Menschen etwas mitteilen zu wollen. Vielmehr wächst und entwickelt sich man ja auch als Autorin. Empfinden bzw. empfanden Sie das auch so? Und falls ja, was hat Sie während des Schreibens persönlich verändert, berührt oder gar betroffen gemacht?
Ganz genau – das Buch zu schreiben war gleichzeitig ein wichtiger eigener Entwicklungsschritt. Nicht nur, weil ich als junges Mädchen davon geträumt hatte, eines Tages Autorin zu sein und damit ein Traum Wirklichkeit wurde, sondern weil das Recherchieren, das Durchdringen des Stoffes, das Formulieren, der ganze Prozess mich innerlich sehr bereichert hat. Ich bin an den einzelnen Etappen mit eigenen Ängsten, Wünschen und "Baustellen" in Kontakt gekommen.

Wie sieht bei Ihnen ein “ganz normaler Arbeitstag” aus?
Bei mir findet ja Leben und Arbeiten unter einem Dach statt. Im Erdgeschoss des Hauses ist das Büro, die Wohnung liegt darüber. Ich stehe um 5.30 Uhr auf, mache mir einen Kaffee und schreibe anschließend eine Stunde über Themen, die mich bewegen. Dann erst geht’s ins Bad und anschließend über zu meinem persönlichen Fitnessprogramm (letzteres ist oft ein Kampf mit dem inneren Schweinehund, der Fitness für völlig verzichtbar hält). Gegen sieben sitze ich dann mit meiner Tochter beim Frühstück. Danach kommen Mails, Post und die Tageszeitung. Einen "typischen" weiteren Ablauf gibt es so nicht. Das folgt dann ganz der Auftrags- und Aufgabenlage: Arbeit an einem Design-Projekt, ein Exposé entwickeln, ein Seminar oder einen Vortrag vorbereiten, einen Artikel schreiben, Termine außer Haus oder im Büro, Arbeit für den Stadtrat, Telefonate etc. Zwischendrin gibt’s immer wieder Pausen und Aus-Zeiten.

Gibt es Aufgaben, die Sie nicht so gerne machen?
Ja, ich bin ein Hausarbeitsmuffel, zumindest was Putzen und Bügeln angeht, und die vierteljährliche Umsatzsteuervoranmeldung find’ ich auch nicht so prickelnd.

Was unternehmen Sie in Ihrer Freizeit?
Ich lese viel und gern, unternehme Gemeinsames mit Freunden, führe gerne gute Gespräche, liebe es, bummeln zu gehen (vor allem in Berlin, wo ich häufiger mal bin), mag Musik und Tanzen, surfe viel im Internet herum, lass’ mich gerne von interessanten Filmen inspirieren und bin ganz allgemein sehr erkenntnishungrig, freu’ mich immer, wenn ein neuer Vorhang sich hebt und ich staunend sagen kann "Aha, so ist das also."

Was denken Sie über das Altern?
Es hat viele unterschiedliche Aspekte. Zum einen macht es schon Angst, wenn die Gewissheit steigt, eines Tages sterben zu müssen – dass die vor einem liegende Zeit geringer und geringer wird. Sich mit dem Älterwerden des Körpers wirklich anzufreunden, ist ebenfalls eine große Herausforderung. Doch andererseits kann die Lebenszufriedenheit im Alter gewaltig steigen, eben dadurch, dass der Mensch seine Entwicklungspotenziale genutzt hat, reifer und gelassener geworden ist und im Lauf seines Lebens gut das Wesentliche vom Unwesentlichen zu unterscheiden gelernt hat. Zudem sind auch im hohen Alter noch großartige geistige und kreative Leistungen möglich, wie man zum Beispiel an Grandma Moses, der Malerin, sehen kann, die ihr Werk überhaupt erst mit über 70 begonnen hat. Am besten gefällt mir der Ausspruch von Irmgard von Stephani, der jetzt ältesten Deutschen: "Bin wunschlos glücklich". Sie ist 111 Jahre alt.

Sie sind Stadträtin in Bayreuth ” was hat Sie dazu veranlasst? Welches sind Ihre dortigen Arbeitsschwerpunkte?
Veranlasst hat mich eigentlich die Frauenbewegung. Ich war sehr sensibel für Benachteiligungen, Gewalt und das Fehlen von Frauen in wichtigen Positionen und Beschlussgremien. Als ich 1990 in den Stadtrat gewählt wurde, war es meine erste "Amtshandlung", eine achtteilige Veranstaltungsreihe zum Thema "Die alltägliche Gewalt gegen Frauen und Mädchen" auf die Beine zu stellen – wofür ich sehr kluge und interessante Frauen als Referentinnen gewinnen konnte. Die Erfahrung, dass durch dieses sehr öffentlichkeitswirksame Projekt wichtige andere Projekte angestoßen werden konnten (Frauenhaus, Prävention gegen sexuellen Missbrauch usw.), hat mich darin bestärkt, politische Aktivität als wirksam anzusehen. Mein aktueller Arbeitsschwerpunkt ist die Stadtentwicklung im Zusammenhang mit demographischen Faktoren – also auch wieder das Älter-Werden, für mich verbunden mit der Frage: "Was müssen wir ändern an Bildern in den Köpfen und an Strukturen vor Ort, um uns auf die Bedürfnisse einer älter werdenden Gesellschaft einzustellen?"

Würden Sie etwas anders machen, wenn Sie nochmals vor der Berufswahl stünden?
Eine sehr gute Frage. Und eine schwierige zugleich. Möglich wäre vieles gewesen. Vielleicht hätte ich Psychologie studiert. Wäre ich in Berlin geblieben … dann wäre der Weg vielleicht geradliniger verlaufen, kann gut sein, aber andererseits gäbe es dann vielleicht meine Tochter nicht … und sie bedeutet mir sehr viel! Zudem hat mir gerade dieser verschlungene und facettenreiche Weg, den ich gegangen bin, viele Impulse, Erfahrungen und Erkenntnisse beschert, für die ich heute sehr dankbar bin. In das Abwägen fließen also viele Aspekte mit ein. Gemessen an meiner heutigen Lebenszufriedenheit kann ich aber ganz klar sagen: "Es war gut so, wie es war und es ist gut so, wie es ist."

Welche beruflichen Pläne beschäftigen Sie derzeit?
Ich möchte gern weitere Bücher veröffentlichen, das ist mein größter Wunsch. Derzeit habe ich Stoff für mindestens fünf in der Schublade – vier Sachbuchthemen und auch einen Roman.

Das Interview entstand nach Aufzeichnungen von Sigrid Engelbrecht.