Dr. Sonja Schwestka-Krause: “Ich wünsche mir, dass SoSch auch in 25 Jahren noch als eigenständiges Unternehmen existiert!”


Nach dem Studium der Publizistik und der Politikwissenschaften an der Universität Wien ging Frau Schwestka-Krause, gebürtige Wienerin, 1980 der Liebe wegen nach Berlin. Dort promovierte sie zum Dr. phil. (Titel der Dissertation: "Agitation und Propaganda der kommunistischen Frauenbewegung Deutschlands in der Weimarer Republik"). Zunächst als freie Journalistin tätig und einem Praktikum in einer Berliner Buchhandlung, eröffnete sie 1985 die Buchhandlung "SoSch" (das Kürzel steht für Sonja Schwestka). Seither erfolgten mehrfache Umzüge und Vergrößerungen innerhalb des Geländes bzw. innerhalb der Gropius Passagen.

Neukölln galt lange Zeit als "Kulturwüste" Berlins. Der im Laufe der Jahre gewachsene Zustrom an Kunden ist der Beweis, dass es an Möglichkeiten, nicht an Bedarf fehlte. Wie sind Sie dem Stadtteil verbunden?
Ich empfinde es als besondere Aufgabe, daran mitzuwirken, das kulturelle Angebot in diesem Bezirk zu verbessern. Darum sind Lesungen und andere Veranstaltungen, die Menschen, die dem Medium Buch sonst eher weniger verbunden sind, hier besonders wichtig. Ich betrachte dies als besonders interessanten Teil meiner Arbeit.

Was ist das Besondere an Ihrer Buchhandlung?
Qualifizierte Mitarbeiter, insgesamt zwanzig, sind immer darum bemüht die Wünsche unserer Kunden zufrieden zu stellen. Wir sind noch nicht so groß und kopflastig wie die allgemein bekannten Buchhandelsketten, sondern schon eher eine große Familie. Wir reagieren unmittelbar auf neue Anforderungen oder Themen und bleiben immer in Bewegung.

Auf welche Lesungen und Veranstaltungen schauen Sie besonders gerne zurück?
Es war Anfang der 90er Jahre, Hera Lind hatte gerade ihr erstes Buch "Ein Mann für jede Tonart" geschrieben, und es war recht erfolgreich. Ich habe mich dafür interessiert, Frau Lind zu einer Lesung zu uns einzuladen, aber das von ihr geforderte Honorar, damals 1000 DM, war mir zu hoch. Ich habe darum abgelehnt. Frau Lind rief mich an und versicherte mir, sie garantiere einen supertollen Abend und das Publikum werde vor Lachen brüllen. Ich habe mich also breit schlagen lassen. Am Abend der Veranstaltung, ich war gerade dabei die Stühle aufzustellen, klopft es an der Tür, eine mir unbekannte Frau wollte herein. Als ich ihr bedeutete, dass wir geschlossen hätten, zeigte sie auf das Veranstaltungsplakat – es war Hera Lind!
Sie bat mich, ihr zu zeigen, wo sie sich mal eben die Haare waschen könnte, wir hatten nur ein kleines Handwaschbecken auf der Toilette, nach zwanzig Minuten kam eine durchgestylte Hera Lind, und wir hatten wirklich eine unglaublich gelungene Veranstaltung.

Auch der Abend mit dem "Pferdeflüsterer" Monty Roberts war sehr ergreifend, als ihm bei der Schilderung vom Tod seines Lieblingspferdes die Tränen kamen. Und Harald Juhnkes Auftritt mit den Worten "Keene Angst, ick bin nüchtern" hatte auch die Lacher auf seiner Seite. Ein weiteres Highlight, auf das ich sehr gerne zurückblicke, ist die Veranstaltung mit Désirée Nick.

Viele Ihrer Mitarbeiter sind schon seit Eröffnung der Buchhandlung mit im Boot, ein Umstand, der heute nur noch selten anzutreffen ist. Wie erklären Sie sich diese Glückssituation, die für Sie persönlich ja auch ein großes Kompliment ist?
Wir sind noch klein genug, um einen familiären Umgang miteinander zu pflegen. Auch haben alle Mitarbeiter ihre Bereiche, für die sie eigenverantwortlich zuständig sind. Es hat sich herausgestellt, dass Verantwortung haben bei den meisten Mitarbeitern den Spaß an der Arbeit fördert.

Bleibt Ihnen als engagierte Buchhändlerin genug Zeit für Ihr Privatleben?
Tja, das ist nicht immer ganz einfach, zumal auch mein Mann einen anspruchsvollen Beruf hat. Ich habe aber, dank der modernen Technik, mit meinem Laptop jederzeit Zugriff auf alle benötigen Daten, kann E-Mails empfangen und beantworten, Bestellungen machen und die Lagerhaltung überwachen.

Welches ist Ihr Lieblingsbuch?
Es sind Oliver Twist und David Copperfield gleichermaßen.

Haben Sie jemals an der Erfolgsgeschichte SoSch gezweifelt? Und wenn ja, warum? Wenn nein, warum nicht?
Ich war schon sehr unsicher, als ich 1985 den Mietvertrag unterschrieb. Davor hatte ich mich bei Banken im Einzugsbereich des damaligen Einkaufszentrums Gropiusstadt erkundigt. Man hielt allgemein nicht viel von der Idee, dort eine Buchhandlung zu etablieren. Eigentlich hatte ich bei jeder Vergrößerung Bauchschmerzen. Es hingen ja immer enorme finanzielle Verpflichtungen daran. Außerdem mussten wir immer schon umziehen, bevor sich der Laden davor zu amortisieren begann.

Wie wichtig ist Ihnen der persönliche Kontakt zu den Kunden? Wie man hört, erfreuen Sie mittlerweile schon 3 Generationen mit Ihren Büchern?
Ich finde es ein großes Kompliment, heute noch Kunden von 1985 bei uns zu sehen. Ich betrachte es aber mit gemischten Gefühlen, die Kinder von damals jetzt selbst Kinderwagen schiebend bei uns zu sehen – es zeigt mir, wie rasend schnell die Zeit vergeht.

In diesem Jahr feiern Sie das 25-jährige Bestehen von SoSch. Was passiert in den kommenden 25 Jahren?
Ich wünsche mir, dass SoSch auch in 25 Jahren noch als eigenständiges Unternehmen existiert, nicht verdrängt von Ketten oder Internethändlern. Ich wünsche mir, dass auch dann noch "richtige" Bücher in den Regalen stehen und nicht "Downloadmaschinen" für E-Books oder ähnliches. SoSch soll auch dann noch mit interessanten Veranstaltungen viele Leser, vor allem Kinder und Jugendliche, von der Schönheit des Lesens überzeugen.

Weitere Informationen:
www.sosch.de

Bildunterschrift: Dr. Sonja Schwestka-Krause. Foto: Tobias Bohm

(Der Link wurde am 09.08.2010 getestet.)