Wäre sie Führungskraft in einem erfolgreich agierenden Unternehmen mit rund 60 Mitarbeitern, zahlreichen Gebäuden, darunter eine Mädchenrealschule, würde sie möglicherweise mit "Chefin" bezeichnet.

Mit ihrer ausgeklügelten Strategie ist es der weit vorausblickenden Äbtissin gelungen, für die vom Untergang bedrohte Abtei die Grundlagen für eine tragfähige Zukunft für Menschen und Klosteranlage zu schaffen. All dies gelang ihr mit zäher und beharrlicher Arbeit. Nicht zuletzt öffneten sich ihr auf ihren Bitt- und Spendengängen oftmals fest verschlossene Türen – mit ihrem umwerfenden Charme und Charisma. Kraft und Durchhaltevermögen für ihr Handeln bezieht Äbtissin M. Laetitia aus ihrem unerschütterlichen Glauben und Vertrauen zu Gott.
Als Tochter eines Altphilologen, kam die heutige Äbtissin M. Laetitia, geborene Agathe Fech, am 21. Mai 1957 in München zur Welt. Aufgewachsen in Augsburg, wurde sie Hauswirtschaftsmeisterin. Danach absolvierte sie ein Pädagogisches Jahr an der damaligen Pädagogischen Hochschule in München-Pasing und wurde Hauswirtschaftslehrerin. Nach ihrer Gesellenzeit und Meisterprüfung als Paramentenstickerin wurde Sr. M. Laetitia 1988 bayerische Landessiegerin und erhielt für ihre herausragenden handwerklichen Leistungen die Goldmedaille. In den Jahren von 1989 bis 1993 studierte sie Kunst an einer privaten Kunstschule bei Prof. Seeger. 1977 trat sie dem Zisterzienserinnen Kloster Lichtenthal/Baden-Baden ein und wurde 1979 eingekleidet. 1980 legte sie ihr erstes Versprechen ab und 1983 ihre ewige Profess. 1995 wählte sie der Konvent der Zisterzienserinnen-Abtei Waldsassen zur Äbtissin auf Lebenszeit.

Die Lebensordnung der Zisterzienserinnen zwischen Gebet, geistlicher Lesung, Betrachtung und Handarbeit ist an der Regel des hl. Benedikt orientiert. Äbtissin M. Laetitia ist letzt verantwortlich für: die Abtei Waldsassen mit 11 Schwestern, die Betreuung der weltberühmten Stiftsbibliothek, die Mädchenrealschule mit 468 Schülerinnen und angegliederter Ganztagsschule, die Paramentenstickerei, die sie als Meisterwerkstatt aufgebaut hat, die Stiftung "Kultur- und Begegnungszentrum Abtei Waldsassen" mit Umweltstation, die sie 1998 gegründet hat, sowie das Gästehaus St. Joseph, mit vier Seminarräumen, einem Klosterladen und dem Klosterstüberl, das 2008 eröffnet wurde. Seit ihrem Amtsbeginn 1995 traten sieben neue Schwestern in den Konvent ein.

Was hat Sie dazu gebracht, Ihr Leben dem Zisterzienserorden zu widmen?
Eigentlich wollte ich nie ins Kloster gehen. Doch bei einem Besuch im Jahr 1976 bei meiner Freundin in den Kunsthandwerkstätten im Zisterzienserinnenkloster in Lichtenthal/Baden-Baden hat mich das geistliche Leben, das Chorgebet so berührt, dass ich mich im Herzen für Gott entschieden habe. Religiosität kannte ich von zu Hause aus. Ich war nicht übermäßig fromm und prädestiniert zum Ordensleben, eigentlich wollte ich heiraten und Kinder bekommen. "Aber der Mensch denkt und Gott lenkt." Ich bin glücklich, und würde jeden Tag diese Entscheidung wieder treffen.

Der Anfang war für Sie gewiss nicht leicht!
Im Jahr 1995 war das Kloster Waldsassen in baulicher, wirtschaftlicher und personeller Hinsicht fast vor dem "Aus". Im Kloster Lichtenthal/Baden-Baden erfasste mich der tiefe Gedanke, dass ich zum Überleben des Kloster
Waldsassens mit beitragen möchte. Es ist meine Lebensaufgabe geworden. Wenn wir Menschen im Vorfeld alles wüssten, was auf uns zu kommt, könnte man verzagen, aber mit dem Glauben und Vertrauen auf Gott kann man alles meistern!
Zunächst wurde eine Studie vom Institut für Entwicklungsplanung und Strukturforschung in Hannover für den Standort Waldsassen entwickelt. Dann habe ich zusammen mit einem großen Netzwerk von Menschen aus Politik und Wirtschaft ein Finanzierungskonzept für die erste Gesamtsanierung der vorwiegend barocken Bausubstanz der Klostergebäude erstellt. Mittlerweile wurde die gesamte Klosteranlage saniert und restauriert. Hinzu kamen die umfangreichen Umbauten der letzten mittelalterlichen Mauersubstanzen zu unserem Gästehaus St. Joseph als modernem Beherbergungsort mit 28 Zimmern, vier Maisonetten, vier Seminarräumen, Klosterstüberl und Klosterladen. Die Fertigstellung konnten wir im September 2008 feiern. Die Gesamtinvestitionen der Generalsanierung der Klosteranlage belaufen sich rund 30 Mio. Euro, die von etwa zehn verschiedenen Zuschussgebern finanziert werden, die des Gästehauses auf 6,7 Mio. Euro. Bis zum Jahr 2010 soll die erste Gesamtsanierung des Klostertraktes abgeschlossen sein.

Wie vereinbaren Sie weltliche mit kirchlichen Aufgaben? Immerhin muss ja eine Abtei ähnlich wie eine große Firma geleitet werden. Oder anders gefragt: wie sieht bei Ihnen ein "ganz normaler Arbeitstag" – innerhalb und außerhalb des Klosters – aus?
Das ist eigentlich ganz einfach zu beantworten. Unser Tagesablauf ist klar strukturiert. Wir 13 Schwestern finden uns sieben Mal zum Gemeinschaftsgebet ein. Aus dem Gebet heraus, versuche ich meine Arbeit zu tun. Ganz nach dem Leitgedanken der Benediktiner und Zisterzienser "Ora et labora" ("Bete und Arbeite") nehme ich mir die Zeit fürs Beten und Arbeiten. Mein Amt als Äbtissin mit dem geistlichen Tagesablauf und den weltlichen Herausforderungen zu meistern ist eine täglich neue Herausforderung und echt spannend.

Sie kennen möglicherweise die TV-Film-Serie "Um Himmels willen!" Sind die dort geschilderten
Begebenheiten und Charaktere überzogen?

Ich kenne eigentlich nur die TV-Schauspielerin Jutta Speidel, die ich bewundere. Dass in dieser TV-Serie ein positives Bild von Ordensleben dargestellt wird, finde ich gut. Die alten Klischees über das Ordensleben in den Köpfen vieler Menschen entsprechen der heutigen Realität von Klosterleben nicht mehr. Wir sind zwar an unsere religiösen Regeln gebunden, aber herzhaftes Lachen ist erlaubt und wir gehen keineswegs "griesgrämig" durchs Leben. Wie sehr sich das Klosterleben verändert hat, belegen folgende Zahlen: 36 Jahre lang gab es hier im Kloster keinen Nachwuchs an Schwestern. Es wird bei uns immer wieder "angeklopft und angefragt". Wir können durch neu geschaffene Arbeitsbereiche jungen Frauen Zukunftsperspektiven geben. Wer will, kann jederzeit zu uns kommen und "Tage der Stille" verbringen. Zudem besteht die Möglichkeit für "Kloster auf Zeit", wo man am Chorgebet der Schwestern teilnehmen und auf Wunsch auch mitarbeiten kann. Wir pflegen hier ein harmonisches Miteinander.

An welchem Ort im Kloster finden Sie am besten Ruhe zu sich selbst?
In der Klosterkapelle, beim Meditieren in der Zelle, im Garten am Brunnen.

Über welche menschlichen Voraussetzungen muss man verfügen, um eine "gute Äbtissin" zu sein?
Als Äbtissin soll man die "geistliche Mutter" der Gemeinschaft sein. Reife und Erfahrung im geistlichen Leben haben ebenso wie Hingabebereitschaft, Gelassenheit und die Fähigkeit, Menschen für das Klosterleben zu begeistern.. Man sollte stets den richtigen Schlüssel finden, um die verschiedenen "Herzenstüren" zu öffnen. Ob man aber als Äbtissin wirklich gut ist, entscheidet der Herr einmal und man sieht es auch daran wie es im Evangelium heißt "an den Früchten die wachsen".

Welche Aufgaben möchten Sie zukünftig noch in Angriff nehmen?
Ich möchte vor allem den Klosterbestand festigen und alles, was ich aufgebaut habe, in eine gute Zukunft führen.
Wenn mir das gelingt, dann war meine Amtszeit gesegnet.

Haben Sie ein persönliches Lebensmotto – wie lautet es?
Ich bitte täglich um die Glaubenskraft, denn ohne Glauben könnte ich die mir gestellten Aufgaben nicht erfüllen. Mein Wahlspruch bzw. mein Lebensmotto als 4. Äbtissin von Waldsassen,lautet: "Die dem Herrn vertrauen, schöpfen neue Kraft" (Jesaja 40,31) – das habe ich immer wieder erlebt. Wenn ich bei Finanzsorgen nicht mehr weiter wusste oder wenn Bausorgen an mir nagten, dann wandte ich mich an den Heiligen Joseph und sagte ihm: "Ich hab alles Menschenmögliche getan, jetzt bist du dran!" Er hat mir in den vergangenen 14 Jahren, in denen ich hier als Äbtissin tätig bin, immer geholfen. Er ist gewissermaßen mein persönlicher "Coach und Finanzminister"!

Welche Perspektiven sehen Sie für sich im Alter bzw. wie wollen Sie ihr Alter gestalten?
Ich kann hier im Kloster nach den Konstitutionen unserer Kongregation bis zum 70. Lebensjahr Äbtissin sein. Danach, falls es der Wunsch der Gemeinschaft ist und zu deren Wohle dient, weitere fünf Jahre im Amt bleiben. Danach kann ich mich, so Gott will, wieder vielem widmen, das mir jetzt zeitlich nicht möglich ist, wie: Geige spielen, sticken, malen, kochen … Es wird mir gewiss nie langweilig werden. Ich lass mich überraschen, was Gott noch mit mir vor hat!

Das Gespräch führte Brigitte Karch
Weitere Informationen:
www.kloster-waldsassen.de
www.dagusta.de

(Die Links wurden am 12.04.2009 getestet.)