Emily D. Bilski: “Ich hätte gerne auch Gabriele Münter gezeigt!”


Nach ihrem Studium an der Harvard Universität und an der New Yorker Universität war Emily D. Bilski mehrere Jahre als Kuratorin am Jüdischen Museum in New York tätig, bevor sie nach München wechselte. Die unabhängige Wissenschaftlerin und Kuratorin ist auf die Kunst- und Kulturgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts spezialisiert.

Unter dem Oberbegriff Sammelbilder präsentiert das Jüdische Museum München seit einem Jahr Beispiele zur Geschichte des Sammelns. Emily D. Bilski kuratierte bereits die Ausstellungen Sammelbilder (02) "Nichts als Kultur" – Die Pringsheims sowie Sammelbilder (05) Die Kunst- und Antiquitätenfirma Bernheimer. Mit der Ausgabe Sammelbild (6) Die "Moderne Galerie" von Heinrich Thannhauser stellt sie zum dritten Mal ihr sensibles Gespür für Sammlerpersönlichkeiten unter Beweis.

Sie sind Kuratorin dieser Ausstellung. Bedeutet das, dass Sie auch das Thema dieser Ausstellung vorgeschlagen haben?
Ja, das Thema Die "Moderne Galerie" von Heinrich Thannhauser habe ich vorgeschlagen.

Nach welchen Überlegungen konzipierten Sie die Ausstellung konzipiert?
Das ist schlecht zu sagen; denn es handelt sich ja hier um etwa 30 Exponate, also um keine große Ausstellung. Da steht jedes Werk für sich, jedes Bild, jede Skulptur und jedes Plakat ist für sich betrachtet interessant und spannend.

Auf Heinrich Thannhauser fiel unter anderem deshalb die Wahl, weil er sehr vielseitig, zunächst als Kaufmann, später als Kunsthändler und Galerist in München gearbeitet hat. Bereits 1909 gründete er in München die "Moderne Galerie" im Arcopalais (Maffei-/Ecke Theatinerstraße), was damals einer Art Kunsthalle entsprach. 1913 veranstaltete er die 1. Retrospektive von Picasso ” zwei seiner Bilder sind hier zu sehen. Heinrich Thannhauser förderte vor allem individuelle Künstler wie etwa Max Oppenheimer, dem er 1911 in München eine "One man show" (Einmannschau – Anm.d.Red.) ermöglichte. Thannhausers Verdienst ist es im Wesentlichen zuzuschreiben, individuellen Künstlern eine Plattform zu bieten, er verfocht eine kosmopolitische Ansicht, was das Publikum in München an Künstlern sehen sollte, durfte und musste! Er versuchte, die Bilder- bzw. die Kunstsprache internationaler und deutscher Künstler in München einem kunstinteressierten Publikum näher zu bringen.

So war das hier gezeigte Ölgemälde "Die Stadt" (1911) von Robert Delaunay für die damalige Zeit etwas total Neues. Oder etwa Werke von Paul Gauguin, der seinerzeit weder in Frankreich noch in Deutschland bekannt war, dennoch sammelte Heinrich Thannhauser weitsichtig dessen Bilder. Er stellte das Gemälde "Haere Mai" (1891) schon sehr früh aus, das in den 30-er Jahren sein Sohn, Justin Thannhauser, kaufte und später in das Guggenheim Museum in New York gelangte. Auch hier wieder ein Beispiel, wie Heinrich Thannhauser gewissermaßen Netzwerke im Kunsthandel aufbaute.

Welches sind hier die künstlerisch bedeutendsten Werke?
Auch diese Frage lässt sich nicht so ohne Weiteres beantworten. Dennoch möchte ich sagen, dass beispielsweise im "Bildnis Heinrich Thannhauser" (1912) von Max Oppenheimer gemalt, der visionäre Charakter und die tiefe Intellektualität des Kunsthändlers wunderbar zum Ausdruck kommt. Auch das "Kinderbild" (1861/62) von Edouard Manet zählt hier mit zu den Meisterwerken dieser Ausstellung.

Haben Sie hier ein persönliches Lieblingsbild?
Ja, eines meiner Lieblingsbilder ist die "Gelbe Kuh" von Franz Marc. Ich bin ja in New York geboren und hatte das Glück, gegenüber vom Guggenheim Museum aufzuwachsen. Dort befindet sich im Thannhauser-Flügel dieses Gemälde. Ich bin praktisch mit diesem Bild groß geworden.

Man sieht hier in der Ausstellung kein einzige Gemälde einer Künstlerin…
Ja, das stimmt. Ich wollte sehr gerne ein Gemälde von Gabriele Münter zeigen, aber was Sie hier sehen ist "The art of the possible" (eine Ausstellung des Machbaren ” Anm.d.Red.), also, was Sie hier vorfinden, war auch nur so zu realisieren ” hinsichtlich Zeitplan, Räumlichkeiten und natürlich auch unter finanziellen Gesichtspunkten.

Werden Sie mal eine Ausstellung nach dem Motto "Von Frauen über Frauen" durchführen?
Das Thema "Frauen" liegt mir sehr nahe. Ich darf in diesem Zusammenhang auf mein Buch "Jewish Women and Their Salons: The Power of Conversation" ("Jüdische Frauen und ihre Salons: Die Macht der Unterhaltung" – Anm.d.Red.) hinweisen, das nur in Englisch vorliegt. Dort habe ich auf die Bedeutung des Salons in Richtung Kunst, Politik und Musik hingewiesen. Das ist ja ein vielseitiges Thema. Eine meiner nächsten Aufgaben wird es sein, unter dem Motto "Jüdische Kultur in München" auch einen frauen-spezifischen Part zu bearbeiten.

Wann wird es diese Ausstellung eben?
Etwa ab 2011.

Wann werden Sie mit den Arbeiten dazu beginnen?
(Schmunzelt). Ich werde mich nächste Woche daranmachen, um ein Konzept zu entwickeln.

© Das Gespräch führte Brigitte Karch

Die Ausstellung Die "Moderne Galerie" von Heinrich Thannhauser findet vom 30. Januar bis 25. Mai 2008 im Jüdischen Museum in München statt. Emily D. Bilski verfasste den begleitenden Katalog, erschienen bei Edition Minerva München 2008.

Weitere Informationen:
www.juedisches-museum-muenchen.de

(Der Link wurde am 28.01.2008 getestet.)

Bild: Emily D. Bilski. Foto: Brigitte Karch©