Jutta Griess: “Unsere Branche ist eine Beziehungsbranche, da sind Frauen in ihrer genetischen Ausstrahlung prädestiniert”


"Frei, Vital, echt Klasse" mit diesem Motto begrüßt Jutta Griess, Hotelchefin vom 4-Sterne Hotel "Rheinischen Hof" in Garmisch-Partenkirchen, ihre Website-Gäste und signalisiert auf den ersten Blick ihre aufgeschlossene, Menschen zugewandte Mentalität, die zugleich auch voll mitreißendem Elan ist. Eine Eigenschaft, die im persönlichen Gespräch noch deutlicher wird. Frau Griess zählt zu den bewundernswerten Geschäftsfrauen, die sich vielseitig im Beruf und Verbänden engagieren, ohne dass dabei die zwischenmenschlichen Kontakte auf der Strecke bleiben.

Die gebürtige Iserlohnerin (Jahrgang 1953) ist verheiratet und hat zwei volljährige Söhne. Am Anfang ihrer beruflichen Laufbahn war Jutta Griess im Lehramt tätig, absolvierte eine Ausbildung zum Hotelmeister und übernahm bis 2000 in der IHK den Prüfungsvorsitz. Seit 1979 leitet sie zusammen mit ihrem Mann, Franz Griess, das Hotel Rheinischer Hof (40 Zimmer, 17 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter), seit Herbst 2006 fungiert sie als 2. Vizepräsidentin im Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband (BHG).

Eine besondere Leidenschaft hegt Jutta Griess: Sie beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit den Zusammenhängen von Bewusstsein und Unterbewusstsein sowie Gesundheit und Selbstheilung. Aus dieser selbst verinnerlichten Erkenntnis heraus bezieht sie Maßstäbe für ihre eigene wertneutrale Betrachtung anderer Menschen, und diese psychologische Sichtweise ist es denn auch, mit der sie so überzeugend auf ihr Gegenüber wirkt. Für sie persönlich bringen diese positiven Erfahrungen Lebensqualität, innere Harmonie und Zufriedenheit.

Wie vereinbaren Sie eine eher nüchterne, an Sachverhalten orientierte Verbandsarbeit mit einer vergeistigten Selbstfindung? Anders gefragt, wie gehen Sie mit dem Wechselspiel von äußerlich aktivem Handeln und passivem In-sich-Hinein-Horchen um?
Meine Arbeit im Beruf und als Therapeutin basiert auf "Berufung" und findet nur auf unterschiedlichen Ebenen statt. Beide Bereiche haben eines gemeinsam: der Umgang mit Menschen, also den Menschen in seiner Position zu betrachten und ihn dort abzuholen, wo er sich befindet.

Was bedeutet das ” bezogen auf Ihre Tätigkeit im Bayerischen Hotel- und Gaststättenverband?
Im BHG mit seinen rund 14.000 Mitgliedern liegen die Bedürfnisse naturgemäß so unterschiedlich, da kann man nicht allen gerecht werden, das ist klar. Für mich heißt das immer wieder, Toleranzstärken zu trainieren, stets offen, bereitwillig und aufnahmefähig zu bleiben für Wünsche und Forderungen ” auch bei massiven Gegenangriffen. Zudem muss man Machtpotentiale, aber auch Aggressionen, positiv einsetzen und gewisse Dinge in einen geordneten strukturellen Ablauf bringen. Auch hier ist der Umgang mit Menschen reine Psychologie.

Welches waren für Sie die Gründe, sich im Bayerischer Hotel- und Gaststättenverband (BHG) überhaupt zu engagieren?
Ich habe mich innerhalb des BHG von der Orts- zur Kreisvorsitzenden, dann in den Bezirksvorstand und zur 2. Vizepräsidentin "hinauf entwickelt", wobei ich derzeit die Interessen der Kollegen sowohl in Garmisch-Partenkirchen als auch an der Verbandsspitze gleichzeitig vertrete. Warum? Wenn ich Probleme erkenne und glaube, mithelfen zu können, sie zu lösen, dann sehe ich einen Sinn darin, mich zu engagieren, dann muss ich mich für Problemlösungen einsetzen.

Was konnte Sie bisher im BHG erreichen?
Nun, ich habe einige der Baustellen aufgeräumt. Nach vielen Reisen und unendlich vielen klärenden Gesprächen vor Ort, gelang es mir, dass sich die meisten BHG-Mitarbeiter nun wieder motiviert ihrer eigentlichen Sacharbeit zu wenden. Einige andere Problemfelder liegen allerdings noch vor mir.

Wie beurteilen Sie die viel zitierte Chancengleichheit von Frau und Mann in der Hotellerie- und Gastronomie-Branche?
Unsere Branche ist eine Beziehungsbranche, da sind Frauen in ihrer genetischen Ausstrahlung als Gastgeberinnen prädestiniert, ebenso um einen Betrieb zu leiten und Mitarbeiter zu führen. Doch die ideale Kombination ist das Zusammenwirken von Frau und Mann. Das sehe ich völlig wertneutral. Manchmal ist jedoch die Außendarstellung für den Mann in unserer Gesellschaft einfacher.

Was müsste sich in der Branche zum Positiven für die Frau noch ändern?
Für die Frau gibt es in unsere Gesellschaft keine klar definierte Rolle mehr, die sie in ihrem weiblichen Wesen unterstützt. Aber in der Ausbildung und Qualifikation ist die Frau heutzutage den Männern mindestens gleichgestellt. Männer hingegen verfügen nur sehr selten über die Kommunikationsfähigkeit von uns Frauen, hier haben die Männer noch einen großen Lernprozess vor sich. Wünschenswert wäre die Fähigkeit gegenseitiger Wertschätzung und Anerkennung. Wenn eine wirkliche Partnerschaft erzielt werden könnte, lassen sich ungeahnte Potenziale erschließen.

Wie sieht es in der Branche für die Frau ” als Unternehmerin und Arbeitnehmerin – mit der Vereinbarkeit von Familie und Beruf aus?
Im Hotelbereich kann ich als die Unternehmerin für meine Angestellten flexible Arbeitszeiten schaffen, der Rest ist eine Frage der Organisation. Ansonsten muss eine Unternehmerin in unserer Branche ein Tausendsasa sein. Wenn eine Unternehmerin Familie und Betrieb unter einen Hut bringen will, muss sie über alle Maßen kompetent sein und einen richtigen Führungsstil haben, dann ist sie auch erfolgreich. Für mich persönlich ist dies eine enorm hohe Belastung. Doch ich schöpfe aus den herzlichen Beziehungen zu den Gästen und deren wohltuendem Feedback meine seelischen Energien, ebenso von den Mitarbeitern, die im Team wie eine Familie arbeiten. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl schaffen eigentlich nur Frauen, die an der Spitze eines Hotelbetriebes stehen. Wichtig ist auch, dass man seine Grenzen erkennt und sie nicht leichtfertig überschreitet.

An welchem Projekt arbeiten Sie in Ihrem Hotel derzeit? Bzw. gibt es neue Projekte?
Mittelfristig arbeiten wir an dem Übergabeprozess des Betriebes an meinen Sohn Andreas. Das bedeutet die Einführung eines neuen Konzeptes, das von der Jugend erstellt werden muss. Im Zuge dessen werden auch bauliche Maßnahmen erfolgen müssen. Ich schaffe ihm die Basis dafür und biete ihm dann meine Mithilfe, sofern er sie braucht, an. Das Wichtigste ist, loslassen zu können, damit die nächste Generation sich frei entfalten kann.

Welche persönlichen Ziele streben Sie an?
Ich möchte gerne meine "Lebensschule Garmisch-Partenkirchen", die ich zusammen mit meiner Freundin Christiane Seiwald (China Akademie) seit Jahren betreibe, weiter ausbauen. Damit kann ich meine Energien als Therapeutin im Rahmen einer ganzheitlich verstandenen Unterstützung von Menschen voll entfalten.

Wie lautet Ihr Lebensmotto?
Ganz einfach: Handeln zum Wohle aller!

Was denken Sie über das Altern?
Altern findet im Kopf statt. Mein Ziel ist es, möglichst zufrieden und in Verbundenheit mit lieben Menschen nicht zu alt zu werden. Ich möchte es schaffen, mir selber ein Sinnerfülltes Alter zu ermöglichen, weil ich es für fürchterlich halte, von jungen Frauen oder Familien versorgt zu werden. Ich hege die Idealvorstellung eines harmonischen Lebensabends.

Weitere Informationen:
www.rheinischerhof-garmisch.de und www.dagusta.de.

(Der Link wurde am 07.01.2008 getestet.)

Text und Foto: Brigitte Karch©