ARD/Das Erste: Regisseurin Britta Becker: “Die Anspannung war direkt zu fühlen”


Sie durften dort filmen, wo sonst nur Mannschaft und Betreuer hineinkommen. Wie haben Sie das Vertrauen des Teams gewonnen?
Es ging ein Prozess des Kennenlernens voraus. Der Algarve-Cup im März 2007 in Portugal war dafür ein guter Test. Der Dreh mit der Mannschaft hat gut funktioniert, obwohl die deutschen Frauen kein gutes Turnier gespielt haben und nur Siebte wurden. Es kam da auch schon mal der Kommentar ‚Du bringst uns ja nicht gerade Glück’. Trotzdem ist ein schöner kleiner Film entstanden, der die Mannschaft überzeugt hat und aufgrund dessen dann die Entscheidung für den WM-Film gefallen ist.

In China ist dann ja auch alles anders gelaufen…
Der Verlauf der WM war für uns natürlich super. Da haben wir auch gespürt, um wie viel professioneller so eine Weltmeisterschaft organisiert ist und welche Dynamik ein solches Turnier bekommt. Es ging mit einem 11:0-Sieg gegen Argentinien ja sehr locker los. Aber spätestens vom Viertelfinale an hat man eine unheimliche Energie in der Mannschaft erlebt. Beim Spiel gegen Nordkorea war die Anspannung direkt zu fühlen; das war ein fast unbekannter Gegner, da war der Bammel schon größer. Aber es ist typisch für deutsche Mannschaften: Wenn es drauf ankommt, reißen sich alle zusammen und kämpfen gemeinsam…"

Wie unterscheidet sich Ihr Film von Sönke Wortmanns "Deutschland – ein Sommermärchen"?
Wir wollten keine Kopie vom ‚Sommermärchen’ machen. Es war immer klar, dass wir näher ran müssen an die Spielerinnen, da den meisten Zuschauern die Mannschaft nicht bekannt ist. Der Film nimmt sehr stark die Perspektive der Spielerinnen ein und lässt sie viel über sich, den Frauenfußball und ihre Erfahrungen mit China erzählen. Ich war auch froh, dass die WM in China stattfand, einem exotischen Land, wo eine Nationalmannshcaft mit ganz anderen Gegebenheiten konfrontiert ist als in Europa. Meine Kamerakollegin Ulrike Sülzle und ich haben neben den Geschichten rund um den Ball viele wunderbare Bilder einfangen können, die einen interessanten Einblick in das chinesische Großstadtleben geben. Der Film ist emotional, sehr unterhaltsam, will bei allem Spaß, aber auch die Ernsthaftigkeit und die Anspannung für die Spielerinnen rüberbringen."

Gab es auch Parallelen zum ‚Sommermärchen’?
Natürlich gibt der Turnierverlauf schon eine bestimmte Dramaturgie vor. Aber es sind tatsächlich auch weitere Parallelen innerhalb der Mannschaft zutage getreten. Auch in der deutschen Frauenmannschaft stellte sich zur WM die Torwartfrage. Für die langjährige Torfrau Silke Rottenberg, die 123 Länderspiele absolviert hat und verletzungsbedingt ihren Platz räumen musste, stand nun Nadine Angerer im Kasten – und das sehr erfolgreich. Mit dieser Situation, plötzlich als die Nr. 2 auf der Ersatzbank zu sitzen, konnte sich Silke nicht anfreunden. Auch der Generationswechsel von jüngeren und älteren Spielerinnen innerhalb der Mannschaft war ein Thema.

Wie ist es Ihnen gelungen, nah an die Spielerinnen ranzukommen?
Die Nähe war unser großes Ziel. Deshalb mussten wir immer unsere Antennen aufstellen, um zu sehen: Wann kann ich nah ran, wann muss ich mich mit der Kamera zurückziehen? Das war das eigentlich Anstrengende in dieser spannenden Zeit."

Was unterscheidet noch den Frauen- vom Männerfußball?
Da sind schon noch Riesenunterschiede. Die Männer sind Stars, die Frauen bei weitem nicht so bekannt. Die Spielerinnen arbeiten nebenher, studieren oder sind bei der Sportfördergruppe der Bundeswehr. Sie müssen vorsorgen für die Zeit nach dem Fußball. Aber es hat sich in den letzten Jahren viel getan im deutschen Frauenfußball. Das spielerische Niveau hat sich enorm verbessert. Das ganze Team wird immer professioneller. Auch in der Frauenmannschaft ist der Trainerstab deutlich gewachsen; es gab, ein ganz neues und innovatives Trainingsprogramm bei den sehr intensiven Vorbereitungslehrgängen, einen Medientrainer, einen Sportpsychologen und einen zusätzlichen Spielanalysten. Und zum ersten Mal in der Geschichte des Frauenfußballs durften die Frauen einen eigenen Koch zum Turnier mitnehmen.

Über die Regisseurin:
Nach einer kaufmännischen Ausbildung und ersten Berufserfahrungen in einer Münchner Dokumentarfilmproduktion war Britta Becker (Jahrgang: 1965) viele Jahre als Kameraassistentin für Kino- und Fernsehfilme sowie Werbespots tätig und arbeitete dabei mit renommierten Regisseuren u.a. Doris Dörrie zusammen. Seit 1998 ist die gebürtige Recklinghäuserin als freie Kamerafrau tätig und drehte unter anderem Dokumentarfilme über "Straßenkinder in Deutschland", den Flamenco ("El Flamenco", 2004, Regie: Kirsten Esch), ein Frauenprojekt in Marokko ("Hchouma! – Schande!", 2005, Regie: Sylvie Banuls) oder die Leidenschaft des Fliegens ("Reise zum Horizont", 2006. Selbst führte sie zuletzt bei "Im Abseits-Boxenstopp" (2006) Regie und auch beim Testlauf mit der deutschen Frauen-Nationalmannschaft beim "Algarve Cup 2007" ist unter ihrer Regie ein Film entstanden. Seit 2005 ist Britta Becker Dozentin an der Bayerischen Akademie für Fernsehen.
Quelle: ARD/Das Erste

Bild: ARD Die besten Frauen der Welt Dokumentation, Deutschland 2007, am Mittwoch (02.01.2008) um 18.00 Uhr im Ersten. Regisseurin Britta Becker.
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