Telekom: Joana Breidenbach: „Landkarten für die Digitalisierung“

Bonn. – Digitalisierung – ein Schlagwort, das derzeit in allen Bereichen unseres täglichen Lebens blitzschnell an Bedeutung gewonnen hat. Vielen von uns bereitet es Unbehagen aus Unkenntnis, wie sich Digitalisierung auf jeden von uns auswirken wird. Andere hingegen sehen in der Digitalisierung technischen Fortschritt, der sich nicht aufhalten lässt. Mit freundlicher Genehmigung der Telekom veröffentlichen wir ein Interview mit der Kulturanthropologin Joana Breidenbach, einer Befürworterin der Digitalisierung.

Wir brauchen Landkarten für die Digitalisierung: Wir stehen vor einer neuen Ära und wir brauchen neue Landkarten dafür, um zu navigieren, um uns zu orientieren, um zu wissen, in welche Richtung wir gehen. Interview mit Joana Breidenbach, Mitbegründerin betterplace.org und Gründerin betterplace lab.

Das Internet und die Digitalisierung schaffen ganz neue Möglichkeiten: Transparenz, einfacher Zugang zu Informationen und auch Möglichkeiten der Vernetzung. Macht die Digitalisierung die Welt besser?

Erst einmal sind digitale Medien natürlich einfach nur neutrale Werkzeuge, sie können sowohl für prosoziale Ziele genutzt werden als auch für Destruktives. In meiner Erfahrung sind allerdings die meisten Menschen gut und möchten zu einer besseren Welt beitragen, und deswegen würde ich die Frage mit Ja beantworten.

Was ist der größte Nutzen der Digitalisierung?

Joana Breidenbach

Für mich erweitert Digitalisierung zuerst einmal das Spielfeld der Menschheit. Zum ersten Mal können wir eins zu eins potenziell mit jedem Menschen auf der Welt zusammenkommen und uns mit ihm austauschen. Das ist deswegen so wichtig, weil wir ja mit großen globalen Herausforderungen konfrontiert sind – sei es, dass wir unsere Umwelt zerstören, sei es, dass wir offensichtlich auch ein neues Wirtschaftssystem aufbauen müssen, bei dem die Kluft zwischen Reich und Arm nicht so eklatant groß ist.
Das sind alles Fragen, die wir nicht mehr als einzelne Akteure lösen können, sondern für die wir ganz, ganz viele Akteure brauchen. Und in diesem Falle bietet uns Digitalisierung die notwendigen Tools dafür an. Wir können zusammenarbeiten, wir können gemeinsam Wissen teilen, wir können zusammen an Projekten arbeiten.
Und das Tolle ist, dass es eben nicht nur die Länder des Westens betrifft, sondern dass das eine Sache ist, die weltweit so funktioniert. Wenn man sich zum Beispiel anschaut, wie viele Gesellschaft “leapfroggen” können, die ältere Technologie einfach überspringen und über ihr Smartphone oder auch über ihr ganz normales Featurephone teilnehmen können! Da gibt es so viele positive Beispiele, wie Lebensqualität verbessert werden kann. Zum Beispiel gibt es Dienste, die Mikroversicherungen für afrikanische Subsistenzbauern anbieten, die dadurch zum ersten Mal die Chance haben, eine Versicherung gegen Ernteausfall abzuschließen und sich dadurch wirklich vor Leben und Tod abzupuffern.

Digitalisierung macht vielen Menschen Angst. Es gibt auch noch viele offene Fragen. Können Projekte, die dem Gemeinwohl nützen, das Bild der Digitalisierung positiv verändern?

Ja, wir brauchen mehr von diesen positiven Beispielen, wie Digitalisierung Lebensqualität beeinflussen kann. Und ich glaube, die gibt es, aber die sind in der Öffentlichkeit nicht so sehr präsent. Gerade im gemeinnützigen Bereich sehen wir so viele Möglichkeiten, wie zum Beispiel Vereine ihre Arbeitsweisen neu – viel flexibler und effizienter – aufstellen können, indem sie zum Beispiel über die Crowd zusammenarbeiten, indem sie Cloud-Technologien nutzen. Ich denke, dass aus dem Gemeinwohlbereich ganz viele positive Beispiele kommen können, die einem mehr Sicherheit in Bezug auf diese neue Ära geben.

Und zugleich sehe ich auch eine Gefahr. Ich sehe eine ziemliche Kluft auseinandergehen: zwischen auf der einen Seite etablierten Akteuren, zum Beispiel gemeinnützigen Vereinen, die schon lange unterwegs sind, aber jetzt nicht so digital aufgesetzt sind, und auf der anderen Seite neuen Akteuren – häufig gerade jungen Initiativen -, die im sozialen Bereich sich gründen und die ganz selbstverständlich digitale Medien nutzen. Die Kluft zwischen diesen beiden Gruppen, zwischen den etablierten gemeinnützigen Vereinen, die häufig sehr viel Wissen haben, sehr gut verwurzelt sind in den Zielgruppen, mit denen sie zusammenarbeiten, aber die diesen digitalen Anschluss und diese digitale Denke nicht haben, und den neuen Akteuren, die häufig einfach arbeitstechnisch fitter sind und mehr darüber wissen, wie man Kampagnen macht, wie man Projekte über Online-Fundraising finanziert – das ist für mich eine echte Herausforderung, wie wir diese beiden Gruppen zusammenbekommen, damit sie gemeinsam die Welt besser machen.

Was muss getan werden, damit die Zukunft sich für alle in eine positive Richtung wendet?

Nun, ich denke, wir stehen da schon vor einer großen Herausforderung, weil uns nämlich bislang die Vorstellungskraft davon, was wirklich Digitalisierung bedeutet in der Gesellschaft, fehlt. Das sieht man an allen Ecken und Enden, dass uns die Landkarten für diese neue Zeit einfach fehlen, deswegen auch die Orientierung fehlt und viele Menschen Angst haben, weil sie nicht wissen, in welche Richtung sie gehen, was das für sie und ihr Lebensumfeld bedeutet.

Für mich ist das ein bisschen vergleichbar mit dem Aufkommen des Buchdrucks. Man hat gesehen: “Oh, da ist ein neues Medium”, aber wusste nicht, dass darauf die Reformation folgen würde, die wissenschaftliche Revolution und die Aufklärung. Dieses Bewusstsein, dass Digitalisierung wirklich eine neue Ära einleitet, verunsichert erst einmal. Deswegen brauchen wir Orientierung. Mir ist es deswegen ganz wichtig, dass wir viele Potenziale aufzeigen und zeigen, wie digitale Technologien wirklich genutzt werden können, um Lebensqualität von Menschen weltweit zu verbessern.

Eine weitere Thematik, die sehr, sehr wichtig ist, ist die digitale Bildung: Wir sehen, dass viele Menschen Digitalisierung immer noch mit bestimmten Werkzeugen und Technologien in Verbindung bringen, obwohl es eigentlich ein viel fundamentalerer Wandel ist, der unser ganzes Wesen, unsere Subjektivitäten auch mit beeinflusst, die Art und Weise, wie wir arbeiten, und vieles darüber hinaus.
(Quelle: Telekom/Digitale Verantwortung)

 

Joana Breidenbach

Über Joana Breidenbach:
Joana Breidenbach promovierte in Kulturanthropologie und ist Autorin zahlreicher Bücher zu den kulturellen Auswirkungen von Globalisierung, Migration und Tourismus. Einschließlich Tanz der Kulturen (Rowohlt 2000), Maxikulti (Campus 2008) und Kultur überall sehen (University of Washington Press, 2009). Joana ist Mitbegründerin von betterplace.org, Deutschlands größter Spendenplattform. 2010 gründete sie das betterplace lab, einen Think und Do-Tank, in dem der Einsatz digitaler Technologien für das Gemeinwohl erforscht wird. Ausgehend von ihrem Interesse an digital-sozialen Innovationen unterstützt sie Initiativen wie die Redi School für digitale Integration, CRCLR, die Stiftung Neue Verantwortung und die Alfred Herrhausen Gesellschaft. Joana investiert auch in missionsgetriebene Startups wie Clue, BESolutions und nebenan.de.

 

Weitere Informationen:
www.telekom.com/de/konzern/digitale-verantwortung
www.betterplace.org

Titelbild: Joana Breidenbach im Interview mit Telekom: „Landkarten für die Digitalisierung“