





Dr. Antje-Britt Mählmann, Leiterin der Kunsthalle St. Annen in Lübeck, spricht im Interview über die Sonderausstellung „Female View“ - Modefotografinnen von der Moderne bis zum Digitalen Zeitalter (Laufzeit: 20. März 2022 – 03. Juli 2022)
Lübeck. - Schönheit und Glamour der Modefotografie, ein wachsendes Bewusstsein Frauen mehr Raum in Museeumseinrichtungen einzuräumen, aber auch der Wandel von vor rund 90 Jahren zur Gegenwart zählen zu den Kernaussagen von Dr. Antje-Britt Mählmann.
Lassen Sie sich begeistern von „Female View“ in dieser einzigartigen Motivauswahl! Und nutzen Sie die Sonderausstellung zu einem Ausflug für die ganze Familie. Freude, Spaß und Unterhaltung garantiert!
1 Welche Gründe hat Sie bzw. die Kunsthalle St. Annen in Lübeck bewogen, Modefotografinnen eine Sonderausstellung zu widmen?
Das ist ein Thema mit dem ich mich schon sehr lange beschäftige. Ich habe in Brighton und London Fotografie studiert und habe mehrere Modefotografie-Serien gestaltet und ausgestellt. Viele der jetzt für Lübeck ausgewählten Fotografinnen haben mich seit damals inspiriert. Für die Vorbereitung habe ich mir auch alle meiner vor circa 20 Jahren gestalteten „Sketchbooks“ wieder angesehen. Kurz, es handelt sich um mein Herzensprojekt – und ich freue mich sehr darüber es in Lübeck verwirklichen zu können.
2 Spielte dabei z.B. auch der Trend mit, die Kunstform Modefotografie von Frauen für Frauen in Modezeitschriften betont in den Fokus der heutigen Gender-Diskussion zu rücken?
Nein, überhaupt nicht. Es hat wirklich mehr mit der Qualität der Künstlerinnen zu tun und dem Gefühl, dass diese in musealen Präsentationen bislang nicht genug gewürdigt wurde. Generell gibt es immer noch tendenziell eine Unterrepräsentation von Frauen in Museumssammlungen- und Ausstellungen. Aber glücklicherweise bricht dies langsam auf – und das ist vielleicht eine Generationenfrage.
3 Anders gefragt, ist der zunehmende Anteil von Frauen in Wirtschaft und Politik Anlass für die Kunsthalle St. Annen in Lübeck, sich dem Trend von „mehr Frauen“ auch auf fotokünstlerischem Aspekt anzuschließen?
Nein, zumindest nicht aus inhaltlicher Sicht. Aus struktureller Sicht kann man sagen: Ja. Denn es braucht eben Frauen in Führungspositionen, um die „weiblichen“ Perspektiven nachhaltig und gleichberechtigt in den Diskursen unserer Gesellschaft zu positionieren.
4 Wie interpretieren Sie „Female View“? Was ist das spezifisch Weibliche im Gegensatz zur männlichen Modefotografie? (z.B. in der Wahl der Sujets, Aufbau des Fotos, Ästhetik etc.).
Das „Female View“ hätte man auch gut mit einem Fragezeichen versehen können – und die Frage, die Sie stellen, zieht sich wie ein roter Faden durch die gesamte Schau. Es gibt einige Fotografinnen, deren Blick auf weibliche Models tatsächlich von Empathie und Verständnis geprägt zu sein scheint – aus dem Wissen heraus, wie es sich anfühlt als Frau vor der Kamera zu stehen. Andere Fotos könnten ebenso von männlichen Fotografen aufgenommen worden sein. Das zeigt, dass der männliche oder weibliche Blick eher eine soziale Konstruktion ist, als eine biologische Tatsache.
5 Wie hat sich die Modefotografie von Modefotografinnen im Laufe der Jahrzehnte gewandelt?
Die Modefotografie der 1920er und 1950er Jahre richtete sich definitiv vorwiegend an sehr wohlhabende Damen, die sich die exklusiven Entwürfe von Chanel und Dior leisten konnten. Das änderte sich mit der Zeit. Mode wurde bezahlbarer und richtete sich an breitere Zielgruppen. Heute gibt es mit „Fast Fashion“ und Instagram sogar eine Überverbreitung modischer Designs und Bilder. Und Trends laufen parallel.
Sie werden nicht mehr von Saison zu Saison von den Designer:innen und Chefredakteurinnen großer Frauenzeitschriften bestimmt. Und die Influencer*innen auf Instagram und Tiktok kreieren Modebilder im Selbstentwurf. Damit findet erstmals eine Demokratisierung in Sachen (Selbst-)Darstellung der Frau statt und die Bildwelt ist diverser und viel inklusiver, als im 20. Jahrhundert. Allerdings entstehen dort andere Normen der Frauenbilder, die durch die sozialen Medien geprägt sind. Es gibt Filter und Nachbearbeitungsmöglichkeiten, die auch hier unerreichbare Körperbilder in den Fokus rücken.
6 Bitte nennen Sie einige Namen der wohl bekanntesten Modefotografinnen und deren Werke, die in der Sonderausstellung „Female View“ zu finden sind. Welches sind die Highlights der Sonderausstellung „Female View“ bzw. aus welchen Ländern kommen die Exponate?
Es ist schwierig hier einzelne Künstlerinnen zu nennen. Die Modefotografinnen waren und sind Influencerinnen ihrer Zeit. Die Amerikanerin Lee Miller zum Beispiel arbeitete im Paris der 1920er Jahre mit ihrem Liebhaber Man Ray in dessen Fotoatelier und gehörte damit zum damals ultrahippen Kreis der Surrealisten. Nach der Trennung von Man Ray hatte Miller eine weitere Karriere als Mode- und Dokumentarfotografin. Ihre Fotografien sind kompromiss- und zeitlos.
In Deutschland war Regina Relang ab den 1950er Jahren eine überaus erfolgreiche Fotografin, die Eindrücke europäischer Großstädte wie Berlin, Paris und Rom mit extravaganten Fotografien u.a. des „New Look“ von Dior kombiniert hat. Eine besondere Popularität genießt sicher Ellen von Unwerth. Sie hat 1989 eine große Kampagne für GUESS mit dem damals noch unbekannten Model Claudia Schiffer aufgenommen, die den Weg beider Frauen zum Weltruhm ebnete. Heute hat von Unwerth eine große Reichweite auf Instagram und ist neben ihren Modekampagnen auch für ihre Auftritte in bekannten TV-Formaten wie „Emily in Paris“ und „Germany’s Next Topmodel“ bekannt. Es gibt aber auch einige junge Talente in der Schau zu entdecken.
7 Fazit: Welches sind die wichtigsten Gründe fürs Publikum, die Sonderausstellung „Female View“ in der Kunsthalle St. Annen in Lübeck zu besuchen? Bzw. welche Botschaft wollen Sie mit der Sonderausstellung den Besuchenden vermitteln?
Die Ausstellung zeigt auf eindrucksvolle Weise die Schönheit und den Glamour der Modefotografie, öffnet den Blick aber auch für politische Aspekte des Genres, wie Diversität und Nachhaltigkeit. Darüber hinaus ist „Female View“ eine Schau für Alle, Jung oder Alt, die auch Spaß machen soll. Man braucht weder Vorwissen, noch eine museale Distanz zum Thema, sondern kann sich mit der ganzen Familie auf eine Reise durch viele Dekaden der Mode und Schönheit begeben. Zu guter Letzt gibt es einen Selfie-Raum, in dem man den eigenen Fashion-Style in Szene setzen und unter einem Hashtag hochladen kann.
(Die Fragen stellte Brigitte Karch)
Über Dr. Antje-Britt Mählmann, Leiterin / Director Kunsthalle St. Annen Kulturstiftung Hansestadt Lübeck.
Antje-Britt Mählmann (*1979) studierte Fotografie und Kunstgeschichte in Brighton, London und Düsseldorf und promovierte über das Spätwerk der Künstlerin Louise Bourgeois. Sie arbeitete freiberuflich in verschiedenen Museen und Kunstvereinen in Nordrhein-Westfalen, absolvierte ihr wissenschaftliches Volontariat an der Kunsthalle Emden und wurde daraufhin dort wissenschaftliche Mitarbeiterin. Seit 2018 ist sie die Leiterin der Kunsthalle St. Annen in Lübeck und wird im April 2022 ihre Tätigkeit als künstlerische Direktorin am Museum Schloss Moyland in Bedburg-Hau aufnehmen.
Weitere Informationen:
https://kunsthalle-st-annen.de/female-view
www.kunsthalle-st-annen.de
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Zuerst auf Facebook veröffentlicht. Zum Originalbeitrag ↗


