Münchner Kammerspiele: Lilienthal verabschiedet sich mit 24-Stunden-Marathon

Bildunterschrift: Pressekonferenz Spielzeit 2019/2020. Intendant Matthias Lilienthal (Mitte). Foto: © Josef Beyer

München. – Intendant Matthias Lilienthal setzt noch eins drauf: nach dem „extrem erfolgreichen 10-Stunden-Marathon Dionysius“ der abgelaufenen Spielzeit fordert er nun lustvoll im Mai 2020 Zuschauer*innen, Schauspieler*innen und Techniker*innen (die Kammerspiele sind verliebt in das Gendersternchen!) mit einer 24-Stunden-Performance „Olympia 2666“quer durch die Stadt München heraus.

Sozusagen als Krönung der 2020 endenden Münchner Karriere Lilienthals begeben sich im Mai (genaue Daten stehen noch nicht fest) abenteuerlustige Kulturfreunde bzw. *innen um 12.00 Uhr mittags auf dem Olympiagelände an Bord eines Busses, um dann möglicherweise im Morgengrauen im Entwicklungszentrum für selbstfahrende Autos von BMW zu stranden; das heißt, ein Frühstück ist nach dem 24-Stunden-Marathon schon vorgesehen. (Das darf ja dann schon einige Zeit dauern, sonst ist der 24-Stundenplan nicht erfüllt.)

Die Inszenierung haben Ligia Lewis, Toshiki Okada, Christopher Rüping und Mariana Villegas u.a. übernommen.

Bildunterschrift: Kammer 1. Foto: © Gabriela Neeb

Ihren Ursprung hat die Performance im Roman „2666“ des mexikanischen Schriftstellers Roberto Bolano. In seinem Vorwort zur neuen Spielzeit schreibt Matthias Lilienthal dazu: „“Über ein kunstvoll ausgebreitetes Labyrinth verworrener Handlungsstränge in der Tradition eines Jorge Luis Borges landet die Handlung bei einer tatsächlich bis heute andauernden Serie unaufgeklärter Frauenmorde an der mexikanisch-amerikanischen Grenze“. Beruhigend fügt er an: „Natürlich ist München nicht Ciudad Juárez, dem realen Schauplatz der schrecklichen Verbrechen.“ Aber es sei herausfordernd, gerade aus der Differenz zu denken. „Olympia 2666“ werde an vielen besonderen Orten Münchens spielen.

Der Schriftsteller Roberto Bolano ist übrigens kurz nach Fertigstellung des Romans an Hepatitis eines natürlichen Todes gestorben.

Bildunterschrift: Kammer 2. Foto © Gabriela Neeb

Weitere Uraufführungen und Premieren der Spielzeit 2919/2020 sind u.a. „König Lear“, inszeniert von Stefan Pucher, „Die Kränkungen der Menschheit“, inszeniert von Anta Helena Recke, „Nirvanas Last“, inszeniert von Damian Rebgetz, und die beiden noch bemerkenswerteren Stücke „These Teens will save The Future“ in der Inszenierung von Verena Regensburger und „Die Räuberinnen“ in der Inszenierung von Leonie Böhm.

Bildunterschrift: Leonie Böhm.
Foto: © Josef Beyer

In „Die Räuberinnen“ bringt Leonie Böhm ausschließlich Frauen auf die Bühne. Sie sagt: „Mich interessiert, wie kann man sich radikalisieren und befreien“. Das Stück biete eine gute Möglichkeit, zu untersuchen, was es bedeutet nur mit Frauen zu arbeiten, und zu überdenken, was es bedeutet, Banden zu bilden, Ideale scheitern zu sehen.Leonie Böhm arbeitet als Regisseurin, Performerin und bildende Künstlerin.

Bildunterschrift: Verena Regensburger.
Foto: © Josef Beyer


Mit „These Teens will save The Future“ will Verena Regensburger jungen Menschen zwischen 10 und 21 Jahren eine Bühne geben. „Ich habe den Begriff der ‚Teens‘ etwas ausgeweitet.“ Ihre Protagonist*innen hat sie auf Friday for Future-Demos gecastet. Das ganze Projekt steht unter dem Motto „Wie kann man die Zukunft retten?“ Die Premiere findet im Haus der Kunst statt.

Zwei der Jugendlichen, welche Klima und Welt retten wollen, waren zur Pressekonferenz geladen: Konstantin Klippe und Lilli Biedermann. Lilli Biedermann sagt: „Wir sind ja eigentlich schon zu spät, wir müssen jetzt und gleich aktiv werden, und auch die 15-, 16-, 17-jährigen müssen jetzt ran. Wir müssen vorpreschen in Sachen Gleichberechtigung.“ Wobei sie mit Gleichberechtigung nicht nur Frauen und Männer meint, sondern eben Jugend und Erwachsene. Chancen dazu böte die Gegenwart reichlich: „So viele Möglichkeiten stehen uns offen wie noch nie, es ist für uns so einfach wie noch nie uns zu vernetzen.“

Einen Glanzpunkt der neuen Spielzeit setzt wieder ein Stück der tonangebenden Choreographin Europas, der von den Kapverdischen Inseln stammenden Marlene Monteiro Freitas. Die Uraufführung ihres neuen Werks „Le Mal“ findet im April 2020 statt. Faszination verspricht „Oracle“ von Susanne Kennedy und Markus Selg. „Oracle“ stellt einen orakelnden Roboter in den Mittelpunkt.

Was treibt Matthias Lilienthal nach seinem Abschied von München? Er privatisiert erst ein bisschen, ist dann in Beirut, um eine Ausgabe des „Homeworks“-Festivals zusammenzustellen. Aber erst einmal freut er sich darauf, es in der kommenden Spielzeit „nochmals richtig krachen zu lassen“.
Autorin: Doris Losch

Weitere Informationen:
www.muenchner-kammerspiele.de