WOW: Karin Jaggi: “Windsurfen – Liebe auf den ersten Blick”


Claudia Biker von World of Windsurfing e.V. sprach mit der Schweizer Sportlerin.

Wer ist Karin Jaggi? Erzähl uns kurz von dir. Was für ein Charakter bist du?
Ich bin eher der ruhige überlegte Typ. Dazu sehr zielstrebig und äußerst ausdauernd. Ganz nach dem Motto
"Wo ein Wille ist – da ist auch ein Weg" glaube ich nicht, dass einem Sachen geschenkt werden, sondern
dass man sich sein eigenes Leben erarbeitet. Weiter bin ich ein Adrenalin-Junkie und der Wettkampftyp: je
belastender und risikoreicher eine Situation ist, desto interessanter erscheint sie mir.

Du bist die schnellste Windsurferin der Welt. Wie fühlt es sich an mit über 76 km/h über die Wasseroberfläche zu schießen?
Beim Rekord fühlt sich dies alles ganz leicht, fließend und überhaupt nicht schnell an. Denn wenn man einen Rekord fährt muss alles stimmen. Die Läufe zuvor und danach – wo ich nach Zeitmessung langsamer war – fühlten sich dagegen viel krasser an. Wen man nicht hundert Prozent Kontrolle hat, denkt man öfters mal daran, dass das Wasser beim Sturz mit dieser Geschwindigkeit wie Beton sein wird, der Wind erscheint einem unendlich böig und man kämpft dagegen,…

Windsurfen ist immer noch eine Männerdomäne, obwohl immer mehr Damen im Profizirkus aufhorchen lassen. Wie hast du es geschafft, dich über die Jahre so gut zu behaupten?
Als ich angefangen habe waren die Damenfelder immer voll – d.h. immer 32 Frauen am Start. Dann wurde es finanziell schwieriger auf Tour zu überleben – und als erstes mussten die Mädels daran glauben. Sie verloren ihre Sponsoren und somit auch die Lust in dieser Männerdomäne zu überleben. Unterdessen geht es den Jungs finanziell genau so schlecht und somit gleicht sich die Bewegung wieder etwas aus. Wer heute auf Tour ist, macht es ganz bestimmt nicht wegen dem Geld – sondern weil Windsurfen sein Leben ist – und die PWA Worldtour sein Kindheitstraum. Bei mir stand dies von Anfang an im Vordergrund – deshalb bin ich auch noch heute dabei. Ich habe wohl so lange auf der Tour überlebt, weil ich ein wirklicher Wettkampftyp bin. Und weil ich so viele gute Freunde im Windsurfen gefunden habe.

Wie war das als du dich entschlossen hast, professionelle Windsurferin zu werden? Wie kam es dazu? Hattest du auch manchmal Bedenken?
Als Kind machte ich viele andere Sportarten auch wettkampfmäßig. Erst mit 17 Jahren entdeckte ich das Windsurfen: Liebe auf den ersten Blick. Von da an wollte ich nichts anderes mehr machen, und ich war mir immer klar, dass ich Windsurfen wettkampfmäßig betreiben möchte. Ich habe nie an mir gezweifelt – ich habe gar nie daran gedacht, dass ich es nicht schaffen könnte – alle anderen (vor allem die Schweizer Medien) allerdings schon. Schlussendlich habe ich es nur geschafft, weil mich Freunde unterstützt haben. Thomi Keusch von Spinout hat mir viel gezeigt, mich zu meinen ersten Regatten begleitet und mir auch finanziell geholfen, in dem er mich in seiner Station einstellte. Einige Windsurfbegeisterte von Magglingen (unsere offizielle Sportschule in der Schweiz) haben mich optimal gefördert: Ausgleichssport, medizinische Beratung, Mentaltraining. Alles was sonst wohl kaum ein anderer Profiwindsurfer hatte.

Vom Windsurfen leben zu können ist sicher nicht einfach? Was sind für die positiven Seiten am Beruf Profi- Windsurfer?
Positiv ist definitiv die Stimmung in der Szene. Man kann nur gemeinsam überleben und deshalb hält man zusammen. Windsurfen ist eine kleine Sportart ohne große finanzielle Mittel – für mich ist dies das schöne daran: Windsurfer halten zusammen, leben zusammen für ihren Sport und helfen sich gegenseitig. Dazu kann ich hier 27 Weltmeistertitel sammeln und doch noch sozusagen unbekannt über die Straße gehen. Für mich persönlich ein großer Pluspunkt.

Was waren die größten Erlebnisse in deiner Laufbahn als Windsurferin?
Extreme Bedingungen: sehr viel Wind beim Speedrekordversuch in Südfrankreich oder riesige Wellen in Australien. Es ist das Naturerlebnis, welches Windsurfen so einzigartig macht. Und wenn die Natur aus den Fugen gerät ist dies einfach beeindruckend.

Und was waren die größten Rückschläge, die du überwinden musstest?
Wie bei jedem Sportler – wenn es mal nicht mehr so läuft. Das kommt natürlicherweise mit einer Unsicherheit, was man machen sollte und möchte… Der wirklich erfolgreiche Sportler zeichnet sich nicht durch errungene Medaillen aus, sondern durch die Überwindung von Niederlagen. Im 2003 und 2004 konnte ich keinen einzigen Weltmeistertitel erringen – damals hätte ich fast meine Karriere beendet – außer dass ich immer träumte, auf dem Höhepunkt auszusteigen und nicht im Tief… so habe ich weitergemacht und bis heute 12 weitere Weltmeistertitel errungen.

Von wem bekommst du am meisten Unterstützung? Wer ist dein sprichwörtlicher "Fels in der Brandung"?
Eigentlich bin ich ein Einzelkämpfer und glaube auch, dass ich es ganz alleine geschafft habe. Aber Freunde sind mir trotz allem wichtiger als alles andere. Das hat nicht mit Leistung sondern mit Lebensqualität zu tun. Patrik Diethelm ist zweifellos der wichtigste Mensch in meinem Leben. Anm. WOW: Patrik Diethelm hat 2008 den Speed Weltrekord auf einem handelsüblichen Serien-Windsurfboard von F2 erobert

Schilder uns doch bitte einmal kurz deinen Windsurfalltag. Wie sieht der aus? Z.B. ein Tag während der Saison in einem "Alltagsmonat"?
Einen Windsurfalltag gibt es nicht. Jeder Tag ist anders – das macht dieses Leben so schön! Im Allgemeinen bin ich aber ein Morgenmensch. Deshalb klingelt mein Wecker eher früh – nach 6 Uhr war er nie in den letzten paar Monaten. Dann kommt erst mal die "Büroarbeit" – früher habe ich um die Zeit für die Uni gebüffelt (als meine Zimmergenossen alle noch schliefen) heute kümmere ich mich um PWA Angelegenheiten, Medienarbeit und vor allem um F2. Ist es ein Wettkampftag, muss ich dann meistens so gegen 10 Uhr an den Strand – der Laptop kommt immer mit, weil vielleicht windstill sein könnte. Auch wenn kein Wettkampf ist, richtet sich der ganze Tagesablauf natürlich nach dem Wind: es gibt einfach kein besseres Training als Windsurfen zu gehen. Erst wenn ein Tag keine Action bringt denke ich an Ausgleichssport, Wellenreiten, Laufen, Radfahren oder auch nur Stretching stehen dann auf dem Programm. Abends verbringe ich dann meistens Zeit mit meinen Freunden.

Du bist nun auch ins Management des Profisports eingestiegen durch dein Engagement bei der PWA. Welche Aufgaben hast du nun? Und was sind deine Ziele?
Ich bin als Fahrervertreter gewählt – von allen – aber natürlich vertrete ich da insbesondere die Frauen auf Tour.

Wie sieht ein perfekter Tag aus im Leben von Karin Jaggi?Schöne Windsurfbedingungen, mit einigen guten Freunden auf dem Wasser (alleine macht es nicht halb soviel Spaß!) und kein Internet oder Mobiltelefonempfang.

Die Fragen stellte Claudia Bieker

Weitere Informationen:
www.karinjaggi.com
www.worldofwindsurfing.org

(Die Links wurden am 16.04.2009 getestet.)