„Es ist Zeit zu den Werken Cranachs nach Sachsen-Anhalt zu reisen“

Bereits zum jetzigen Zeitpunkt möchten wir für alle Menschen, die sich für die Kunst und Kultur des Mittelalters und der Reformationszeit interessieren, eine Reiseempfehlung aussprechen: Machen Sie sich auf den Weg, folgen Sie auf den Spuren der Familie Cranach! Die Cranach-Region zwischen Kronach und Wittenberg überrascht mit einzigartigen Gemälden und Kunstwerken von Lucas Cranach d.J.

Als Einstimmung laden wir Sie ein, sich mit dem damaligen Umfeld der Cranach-Familie vertraut zu machen. Die Parallelen zur Gegenwart sind verblüffend – und auch das macht diese Kulturentedeckungsreise so ungemein reizvoll!

Zur Audienz beim Kaiser! Als Karl V. (1500-1558), Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, im Jahre 1547 in dem nur wenige Kilometer von Wittenberg entfernten Piesteritz weilte, ließ er den kursächsischen Hofmaler Lucas Cranach d. Ä. zu sich rufen. Aber nicht etwa, um sich ein Konterfei anfertigen zu lassen. Man rätselte, ob es sich beim Gemälde, das Karl einige Zeit zuvor vom Kurfürsten als Geschenk erhalten hatte, um ein eigenhändiges Werk des berühmten Hofmalers handele oder ob es aus der Hand seines Sohnes Lucas Cranach dem Jüngeren stamme! Welche Auskunft Lucas dem Kaiser gab, ist leider nicht bekannt. Womöglich hätte seine Antwort einen Anhaltspunkt auf die Frage nach der stilistischen Unterscheidbarkeit zwischen Vater und Sohn geben können, die Cranach-Experten auch heute noch beschäftigt.
 

Firma Lucas Cranach und Sohn“
Lucas Cranach d. Ä. schuf mit seiner ab ca. 1506 in Wittenberg angesiedelten Werkstatt einen unverkennbaren Stil – ein Markenzeichen, durch das er rasch zu einem der gefragtesten Künstler seiner Zeit avancierte. Das Geheimnis seines Erfolgs lag gleichermaßen in der Organisationsstruktur wie auch in der handwerklichen Qualität. Man setzte, einer modernen Firma vergleichbar, auf Effizienz und Leistungsfähigkeit: Stil und Themen wurden nahezu gänzlich standardisiert; man kreierte Vorlagen unterschiedlichster Typen und Szenen, die übernommen, variiert oder neukomponiert wurden. Dies garantierte eine geradezu serielle, auf Wiedererkennbarkeit angelegte Produktion von Gemälden innerhalb kürzester Zeit, die in Hinsicht auf ihre künstlerische Qualität und ihren Einfallsreichtum begehrte Kunstwerke der Mächtigen und Reichen darstellten. Zum einen das Amt des Hofmalers, das den Cranachs ein geregeltes Einkommen und einen hohen gesellschaftlichen Status sicherte. Und zum anderen eine außerordentlich produktive und begehrte Werkstatt, von der es in den turbulenten reformatorischen, teils bilderfeindlichen Zeiten nicht allzu viele gab – es wird also kaum verwundern, dass sich der Sohn weitgehend dem Stil des Vaters verpflichtete bzw. verpflichten musste, um die Werkstatt eines Tages übernehmen und ebenso erfolgreich weiterführen zu können.
 


Bildtext: Kreuzkirche in Klieken – hier wurde der Cranach-Altar spektakulär geraubt. Bildeigner: Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt GmbH. Foto: Tim Hufnagl 

Als der älteste Sohn Hans während einer Italienreise im Jahr 1537 verstarb, wurden dem Zweitältesten, Lucas, verantwortungsvollere Aufgaben im Werkstattbetrieb übertragen. Sein Vater dürfte in dieser Zeit beide Hände voll zu tun gehabt haben: Er führte nicht nur eine eigene Apotheke und eine Buchdruckerei, sondern nahm als Ratsmitglied, Stadtkämmerer und Bürgermeister von Wittenberg einige der bedeutendsten politischen Ämter ein. Die neue Werkstattorganisation unter dem jüngeren Cranach hatte die Veränderung des Signets zur Folge, mit dem die Gemälde gekennzeichnet wurden: Seit dieser Zeit wurde die gekrönte Schlange mit Rubinring im Maul statt mit aufgestellten Fledermausflügeln mit angelegten Vogelflügeln dargestellt.
 

Ins Exil nach Augsburg
Bis zur Flucht Lucas’ des Älteren ins Exil nach Augsburg, in das er 1550 seinem Landesherren Friedrich dem Großmütigen folgte, dürften Vater und Sohn gemeinsam an den Aufträgen gearbeitet haben. Eine Vielzahl dieser Werke kann noch heute in Sachsen-Anhalt bewundert werden. Eines der prominentesten Beispiele aus der gemeinsamen Schaffenszeit stellt der Wittenberger Altar dar. Er wurde im Jahre 1547 im Chor der Stadtpfarrkirche St. Marien aufgestellt, in der Cranachs enger Freund Martin Luther predigte, noch heute ist hier seine Kanzel zu besichtigen. Auch als „Reformationsaltar“ bezeichnet, führt die Mitteltafel dem Betrachter das bedeutendste Sakrament nach lutherischem Verständnis vor Augen. Das gemeinsame Abendmahl der Jünger mit Christus nimmt Bezug auf das aktuelle Geschehen, indem das Personal der Reformation Teil der Darstellung wird. So reicht ein vornehm gewandeter Mundschenk einem leicht als Martin Luther zu identifizierenden Apostel beim Abendmahl einen Becher. Dies ist als Anspielung auf das Abendmahl in beiderlei Gestalt zu verstehen, für das sich Luther zeit seines Lebens einsetzte: Nicht nur Priester, sondern alle Gläubigen sollten neben der Hostie den Weinkelch während der eucharistischen Messe empfangen dürfen, der seit Beginn des 15. Jahrhunderts für Laien verboten war. Luthers Glaube an die reale Anwesenheit Christi in der Hostie und im Wein unterschied sich insofern von der „altgläubischen“ katholischen Tradition, als diese erst die Verwandlung der Hostie in den Leib bzw. des Weines in das Blut Christi durch die priesterlichen Einsetzungsworte vorsah.

Kulturreise mit Halt in Wittenberg, Dessau und Klieken
Auf einer Cranachreise durch Sachsen-Anhalt sollte man außer in Wittenberg auch unbedingt in Dessau Halt machen. Nicht nur die Anhaltinische Galerie lockt mit faszinierenden Gemälden der Cranachs. Die Pfarrkirche St. Johannis wartet gleich mit drei ihrer Werke auf: Eine um 1515 datierte Kreuzigung des Älteren, daneben eine Ölbergdarstellung (1553-61) sowie ein Abendmahl (1565) des Jüngeren laden zum direkten Vergleich zwischen Vater und Sohn ein!

Natürlich darf auch das Kapitel des wohl spektakulärsten Kunstdiebstahles der DDR nicht fehlen: der Cranach-Altar in Klieken. Die großartige Arbeit aus den Cranach-Werkstätten wurde im Jahre 1980 aus der Kirche unter mysteriösen Umständen gestohlen und kam erst 2009 wieder an seinen Ursprungsort zurück. Heute ist der wunderschöne Flügelaltar in der Dorfkirche von Klieken ein ganz besonderes Reiseziel auf einer Kulturreise durch Sachsen-Anhalt.
(Quelle: © 9-2014 by CAB-Artis)
 

Innenraum in Klieken mit Cranach-Altar, der in Bamberg wiederentdeckt wurde. Bildeigner: Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt GmbH. Foto: Tim Hufnagl

 

Weitere Informationen:
www.sachsen-anhalt-tourismus.de
www.cranach2015.de

Titelbild: Innenraum in Klieken mit Cranach-Altar, der in Bamberg wiederentdeckt wurde. Bildeigner: Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt GmbH. Foto: Tim Hufnagl