Straße der Romanik: Musik und Mathematik – direkt aus dem Himmel


Das hohe Mittelalter, die Lebenszeit der heiligen Hildegard, die Entstehungszeit der großen Klostergemeinschaften und blühenden Konvente war von Musik erfüllt. Vor allem war die Musik der Klöster Wissenschaft, Balsam für die Seele und voller Geheimnisse.

Es gab eine Unzahl von Männern- und Frauenklöstern in Mitteldeutschland, jedes mit einer Kirche und einem Kirchturm. Darin hingen mehrere Glocken. Sie allein teilten das tägliche und nächtliche Leben der Menschen ein. Uhren gab es nicht, denn sie galten als Teufelszeug. Die Glocken riefen Mönche und Nonnen zum Gebet in ihren Kirchenraum, alle paar Stunden, sogar um Mitternacht. Dann ertönten die Gesänge nach uralter Tradition. Alles in altrömischer, lateinischer Sprache.

Man wusste, was man sang, von Kindheit an. Hildegard nannte den Grund dieser Gesänge: Zusammen mit den Engels-Chören durften sich die Menschen schon hier unten auf dieser Erde in das Lob Gottes einfügen. Sie konnten hier auch ihre Bitten vortragen, ihre Sorgen, Ängste, Verzweiflung. Gebete, gesprochen, kamen nicht bis zu den Wolken und darüber, sie fielen vorher zu Boden, unwirksam. Also Singen, Tag und Nacht. Männer durften studieren, an Domschulen und Universitäten. Frauen studierten in den Bibliotheken ihrer Klöster.

Es gab ein seit alten Zeiten geltendes Grundstudium für alle: Zuerst einmal die überlieferten mathematischen Wissenschaften. Dazu gehörte auch die Musik nach Boethius, Isidor von Sevilla, Cassiodor und anderen, Jahrhunderte alt und unantastbar. Wenn man diese Schriften nicht kannte, konnte man das Mittelalter und seine Musik nicht verstehen. Die auf Papier geschriebenen Noten der Kompositionen eines Guido von Arezzo oder der Heiligen Hildegard bleiben dann nur schöner, aber sinnfreier Gesang. Es geht hierbei nämlich nicht um klingende Musik, sondern um Zahlen und Zahlenverhältnisse. In ihnen findet sich der Zusammenhang zum Kosmos, den klingenden Planetenbahnen, den himmlischen Sphären, alles unhörbar für unsere irdischen Ohren, aber existent für den Verstand!

Die Baumeister der Dome von Reims, Mainz, Naumburg, Merseburg, Halberstadt, Quedlinburg und Magdeburg setzten diese Zahlen in Länge, Breite und Höhe um. Wir bewundern sie heute noch. Das war aus griechischen Zeiten überlieferte Wissenschaft, die auf Pythagoras und die Platoniker fußte. Diese wiederum hatten ihre Kenntnisse aus dem Osten des Mittelmeerraumes, woher auch die berühmten Weisen aus dem Morgenlande kamen. Man hatte damals die Gesetze der Harmonie gefunden, die sich in festen Zahlenverhältnissen darstellen ließen. Genau danach bauten die Baumeister Dome, die heute noch stehen, danach komponierten die Musiker ihre Melodien. Durch unsere Sinnesorgane erfahren wir diese hör- und sichtbaren, meßbaren Gesetze und können teilnehmen am übernatürlichen, himmlischen Bereich. Das wusste der gelehrte Musiker des Mittelalters, zu denen wir alle Bischöfe und ihre Kantoren zählen dürfen, Mönche und Nonnen, die in ihren Bibliotheken das Wissen ihrer Zeit speicherten.

Im Buch der Weisheit des Alten Testaments ist zu lesen: „Alles hast Du, o Gott, nach Maß, Zahl und Gewicht geordnet“. Genau so sind die Melodien der heiligen Hildegard nicht beliebige Tonfolgen, sondern überlegte, gemessene Verhältnisse. Die Maßzahlen der Dome klingen für die Ohren der Engel Tag und Nacht, die Maßzahlen der Nonne Hildegard klingen für unsere irdischen Ohren. Die Musik dieses Mittelalters, der Dome und ihrer Liturgie, ist eine Einheit, es ist vielleicht die einzige Brücke direkt zum Himmel, in dessen Licht die heilige Hildegard immer wieder schauen durfte.

In die lebendigen Klosterlandschaften Sachsen-Anhalts kehren wieder die Chorgesänge der Mönche zurück und versetzen diese Orte der Besinnung und Spiritualität in einen ganz besonderen Glanz.
Quelle: © by CAB Artis 2013

Weitere Informationen:
www.sachsen-anhalt-tourismus.de
www.kloster-memleben.de
www.huysburg.de
www.kloster-helfta.de
www.kloster-druebeck.de
www.christusbruderschaft.de
(Der Link wurde am 01.06.2013 getestet.)

Bildtext: Chorkonzert im Dom von Halberstadt. Fotograf: Stadt Halberstadt. Bildeigner: Investitions- und Marketinggesellschaft Sachsen-Anhalt mbH.