Capella-antiqua: Zauberhafte Therapie mit der Zauberharfe

 

 

Lesesonntag: Diese wöchentliche Stunde mit Musiktherapeutin Eva Plendl ist für Viktoria so etwas wie ein Sonnentag im ansonsten trüben Herbst. Schon seit Juni erlebt die krebskranke Zehnjährige ein Martyrium: erst Bestrahlung des Tumors zwischen Wirbelsäule und Becken, dann Chemotherapie mit allen üblen Nebenwirkungen für Körper und Seele.

Abgemagert, leichenblass, nur noch Haarflaum auf dem Köpfchen – ein Bild des Jammers. Und es wird doch überstrahlt von Viktorias fröhlich blitzenden Augen in diesem Moment. „Ich habe ein eigenes Lied erfunden! Soll ich dir das mal vorspielen?“ fragt das Mädchen und beginnt schon die Saiten ihrer Tischharfe zu zupfen. Eine wunderschöne Melodie erklingt: „Es ist ein Entspannungslied“, strahlt Viktoria und schaut dankbar Eva Plendl an, die sie auf der Gitarre begleitet hat.

„Musik ist für unsere Kinder wichtig, weil sie die Basis einer Normalität schafft“, erklärt Professor Markus Metzler, Leiter der Kinderkrebsstation im Universitätsklinikum Erlangen. Musik sei ein besonderes Medium, um mit den kranken Buben und Mädchen in Kontakt zu kommen: „Musik wirkt als Katalysator, damit kann man Gefühle und Stimmungen ausdrücken“, fügt der Facharzt hinzu. Beim Musizieren stünde der kleine Patient für eine gewisse Zeit „als Mensch und nicht als Kranker im Mittelpunkt“, bringt Metzler einen therapeutischen Zweck auf den Punkt.

 

 

 Bildunterschrift (o.): Musiktherapeutin Eva Plendl setzt die Zauberharfe in ihrer Arbeit mit krebskranken Kindern ein. Foto: Tim Hufnagl

 

Auch Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU), selbst Ärztin, weiß um die wertvolle Möglichkeit der begleitenden psychischen Unterstützung. „Musiktherapie kann eine Krebserkrankung natürlich nicht heilen“, sagt Huml. Doch Musik ermögliche Kommunikation und emotionalen Austausch ohne Worte. Musik könne weiterhelfen, wenn das Sprechen über die Krankheit schwerfällt. Könne Ängste, Wut und Trauer ausdrücken, aber auch Zuversicht und Kraft spenden.

So bezeichnete es die Ministerin als gern erfüllbare Pflicht, als sie am 5. November persönlich das bundesweit einmalige Pilotprojekt „Musikinstrumentenbau mit krebskranken Kindern“ eröffnete. Es ist im Schloss Wernsdorf bei Bamberg angesiedelt und soll als Initialzündung für die großen Kinderkliniken in Deutschland dienen. Die Musikerfamilie Spindler steht dahinter, die schon seit über fünfzehn Jahren an den bayerischen Universitätskliniken Erlangen, München, Nürnberg, Regensburg und Würzburg sowie in Stuttgart und Hannover mit krebskranken Kindern Musikinstrumente baut. „Mehr als 600 Familien haben wir bereits erreicht“, bilanziert Wolfgang Spindler, der mit seinen Söhnen Andreas und Thomas sowie mit Schwiegertochter Anke krebskranken Kindern, deren Eltern und Geschwistern viele Momente der Freude schenkt.
 

 

 

Bildunterschrift (r.): Musikinstrumentenbau-Meister Andreas Spindler. Foto: Tim Hufnagl

 

Es ist im Wortsinne eine zauberhafte Therapie, die die Spindlers leisten. Denn die „Zauberharfe“ dient als Medium, einer betroffenen Familie Entlastung zu geben. Andreas Spindler, Musikinstrumentenbau-Meister, hat die Zauberharfe in ihrer jetzigen Form entwickelt: „Es ist ein einfaches Instrument, das ohne Notenkenntnis und ohne viel Üben gespielt werden kann“, erklärt er. Durch ein rein grafisches Notensystem, das ähnlich wie Malen nach Zahlen funktioniere, könne sofort eine Melodie gespielt werden: „Einfach nur den aufgezeichneten Noten-Pfad unter den Saiten verfolgen und an den gekennzeichneten Stellen zupfen“, lautet die einfache Gebrauchsanleitung.

 

Sein Vater Wolfgang, emeritierter Professor für Musik und Sozialarbeit an der Universität Bamberg und Gründer der bundesweit bekannten „Capella Antiqua Bambergensis“, bringt seinen jahrelangen Erfahrungsschatz mit krebskranken Kindern auf den Punkt: „Musik hilft der Seele.“ Und der gemeinsame Bau einer Zauberharfe stärke das Zusammengehörigkeitsgefühl der Familie, die in der Regel durch die intensive Beschäftigung mit der Krebserkrankung des Kindes „stark gelitten hat“. Das gemeinsame Erschaffen eines Musikinstrumentes und das gemeinsame Musizieren seien sehr wichtig, um das Familiengefüge zu stabilisieren, heißt es auch in einem fachärztlichen Gutachten aus dem Universitätsklinikum Erlangen.

 

Bildunterschrift (o.): Blick in die Werkstatt des Musikinstrumentenbaus. Foto: Tim Hufnagl

 

Und noch ein Faktum spreche für die Nachhaltigkeit des Harfenbaus im Vergleich zu anderen möglichen Therapien: „Einen Delfin kann ein Kind nicht mit nach Hause nehmen, die Zauberharfe aber schon“, lächelt Professor Spindler. Das sei kein zu unterschätzender Aspekt angesichts der bedrückenden Gegebenheit, dass zwar die Überlebenswahrscheinlichkeit von Kindern mit einer Krebserkrankung dank der medizinischen Fortschritte in den letzten Jahrzehnten deutlich gesteigert werden konnte. Doch nahezu zwei Drittel der Überlebenden litten an Spätfolgen und Folgeerkrankungen.

Allein in Bayern gibt es aktuell mehr als 25.000 an Krebs erkrankte Kinder. Über 240 Kinder erkranken pro Jahr neu, bis zu 50 unter 15 Jahre können den Krebs nicht besiegen. „Das musiktherapeutische Angebot von Professor Spindler und seinen Mitstreitern ist da sehr wertvoll“, betont Gesundheitsministerin Melanie Huml. Sie wisse von vielen betroffenen Familien, dass durch die Zauberharfe „die Krankheit eine Weile in den Hintergrund tritt und Kraft am eigenen Tun erfahren wird“.

Diese Gefühle begleiten etwa den 13-jährigen Mirco, der mit Professor Wolfgang und Musikpädagogin Anke Spindler vor zwei Jahren eine Zauberharfe gebaut hat. Der Bub leidet an akut lymphatischer Leukämie, wartet auf einen geeigneten Stammzellenspender. Wenn er ganz verzweifelt sei, hole er seine Zauberharfe heraus, bekennt Mirco. Wie seine Schicksalsgefährtin Viktoria erlebt er die sanfte Harfenmusik als einen Trost. Für einige Momente kann der Sterbenskranke vergessen – oder sein Gefühlschaos besänftigen.

„Krebskranke Kinder, über die das Todesschwert schwebt, haben keine Lobby wie zum Beispiel behinderte Kinder“, begründet Wolfgang Spindler schlicht sein Engagement. Dazu gehört jetzt das neue Angebot „Musikinstrumentenbau“ im familieneigenen Schloss Wernsdorf. Im Schlosspark entstand ein energetischer Neubau für 400.000 Euro, in dem sich im Erdgeschoss Instrumentenbauer Andreas Spindler eine Werkstatt eingerichtet hat. Im ersten Stockwerk befindet sich ein großzügiger Seminarraum. Dieser bietet Platz für jeweils acht Familien, die nach der Reha ihrer krebskranken Kinder zu Tageskursen „Zauberharfenbau und –musizieren“ eingeladen sind. Verschiedene Stiftungen und Sponsoren sorgen für eine kostenlose Teilnahme, die Elterninitiativen an Kliniken mit Kinderkrebsstation für die Vermittlung nach Schloss Wernsdorf.

 

Bildunterschrift (o.): Die nächste Spindler-Generation mit Nina, Benni und Anna hilft beim zauberhaften Zauberharfenbau. Foto: Tim Hufnagl

 

„Wir wollen in ganz Deutschland Satelliten schaffen, die bei uns geschult werden, und die dann selbst Kurse anbieten können“, blickt Musikproduzent Thomas Spindler in die Zukunft. Er geht davon aus, dass der Musikinstrumentenbau auch in das im deutschsprachigen Raum einmalige Projekt „LESS“ (Late Effects Surveillance System) des Erlanger Universitätsklinikums aufgenommen wird. „LESS“ erfasst die Spätfolgen in der pädiatrisch-onkologischen Nachsorge in Deutschland, Österreich und der Schweiz mit dem Ziel, geeignete diagnostische Maßnahmen zur Identifizierung von Risikogruppen zu etablieren oder die Ursachen von Spätfolgen zu erforschen. Die Erkenntnisse über die physischen und psychischen Probleme sollen in die Entwicklung neuer, besserer Therapieverfahren einfließen. Wie sagte doch Professor Wolfgang Spindler? „Musik hilft der Seele …“
Text von Marion Krüger-Hundrup; Fotos von Tim Hufnagl
 

Weitere Informationen:
www.capella-antiqua.de

 

Titelbild: Die Spindlers bieten mit ihrem Pilotprojekt in Schloss Wernsdorf betroffenen Familien Hilfe und Entlastung in schwerer Zeit. (v.l.): Thomas, Anke, Andreas und Wolfgang Spindler. Foto: Tim Hufnagl