Hanne Turowski: “Besuche bei Mitsch”


„Besuche bei Mitsch“ ist der Titel eines Buches, das die am Starnberger See lebende Schriftstellerin Hanne Turowski, deren Wurzeln in der nordmährischen Heimat ihrer Eltern liegen, verfasst hat. Sie selbst war noch ein Kind, als sie ihren Geburtsort Mährisch-Schönberg verlassen musste. Doch das Schicksal der Vertriebenen-Generation ließ sie – je älter sie selbst wurde – nicht los, so dass sie sich zunehmend für die Geschichte ihrer Familie, deren Umfeld und Lebensumstände interessierte. Nach mehreren erfolgreichen Kinder- und Jugendbüchern und einem in München spielenden Krimi entstand ihre Erzählung „Besuche bei Mitsch“, die sie im Selbstverlag herausbrachte.

Im Mittelpunkt der in Ich-Form erzählten Geschichte steht Tante Maria, genannt „Mitsch“ – so nämlich hießen in ihrem Heimatort, einem kleinen Dorf im Altvatergebirge, alle auf den Namen Maria getauften Frauen. Nach einem bescheidenen und entbehrungsreichen Leben während ihrer Jugend in ihrem Heimatdörfchen und später, nach der Vertreibung, beim mühevollen Aufbau einer neuen Existenz, lebt sie nun in einem Altenheim, wo ihre Nichte sie regelmäßig besucht. Aus ihren Antworten auf die teilnahmsvollen und zugleich forschenden Fragen der Besucherin formt sich für diese allmählich die Lebensgeschichte der alten Frau, die mit dem Geständnis einer Lebenslüge endet: ihr einziger Sohn stammt nicht von ihrem ungeliebten Mann, mit dem sie einst verkuppelt wurde, sondern von einem russischen Soldaten – eine Tatsache, die sie ihr Leben lang schamvoll und schuldbewusst zugleich verschwieg. „Ein gelebtes Leben ist nicht mehr zu ändern“, schreibt ihr Mann, der ihr Geheimnis seit langem entdeckt hat, voll Wehmut in einem Abschiedsbrief. Auch ihr Sohn weiß längst, woher er seine roten Haare und blauen Augen hat…Aber keiner bricht das Schweigen.

Die Erzählung von Hanne Turowski ist nur zum Teil autobiografisch – die Tante Mitsch hat es zwar gegeben, aber ihr Leben verlief anders als im Buch dargestellt. Doch die Schilderung des Lebens in der alten Heimat, des Verhältnisses zwischen Sudetendeutschen und Tschechen, der Vertreibung und des Neuanfangs ist ein Stück Zeitgeschichte, das man vor allem als Zeitzeuge mit großer Anteilnahme liest. Anheimelnd und gar nicht störend sind auch die vereinzelt eingestreuten Dialektworte. Und es gibt wohl keinen, den das Geschick der alten Frau, deren Geist sich zunehmend verwirrt, nicht berühren würde. Bei ihrer Beerdigung versammelt sich ein Häuflein sehr unterschiedlicher Menschen, Vertriebene und Einheimische, jetzt durch familiäre Bande vereint und doch verschieden – von der Autorin liebevoll-kritisch charakterisiert.

Wichtig vor allem für Leser, die die historischen Hintergründe der Vertreibung nicht kennen, ist das Vorwort, in dem die Autorin betont, dass ihre Erzählung nicht als Anklage gedacht ist, sondern der Versöhnung dienen und eine Brücke zur Gegenwart bauen soll.

brikada-Bewertung: Dieser literarischen Aufarbeitung des Schicksals der Frauen der Kriegsgeneration durch eine authentische Vertreterin der Nachkriegsgeneration, der „Kinder des Krieges“, wie man sie heute oft nennt, wünscht man viele – auch junge – Leserinnen.
Isolde Bräckle

Leserbewertung:
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Hanne Turowski „Besuche bei Mitsch“ , 133 Seiten, brosch., erschienen in der Edition Privat mit der ISBN-Nr. 978-3-00-031207-6, kann direkt von der Autorin bezogen werden (Nördl. Seestraße 16a, 82541 Ammerland, Telefon 08177-92140, Euro 12,00 incl. Versand).

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