Atelier La Silhouette gibt benachteiligten Frauen eine Chance


Damit wurde für ihre bewundernswerte Initiative “La Silhouette” besonders geehrt.

Minirock aus Original-70er-Jahre-Stoff, Hemden aus den Gardinen der Nachbarin ” Haute Couture aus München. Doch die Vintage-Kollektion ist keineswegs der neueste Geniestreich eines großen Modelabels, sondern ein Projekt des kleinen Ateliers La Silhouette. Das Mode-Stübchen ist etwas ganz Besonderes: Nicht der Drang nach Ruhm, viel Geld oder berühmte Models sorgen hier für Aufsehen. Die Mitarbeiterinnen sind das Interessante, denn sie alle sind benachteiligte junge Frauen, die oft aus ihrem Heimatland flüchten mussten und im Atelier La Silhouette nicht nur einen Ausbildungsplatz gefunden haben, sondern auch eine neue Heimat.

“Mitte der 80er war es”, erinnert sich Barbara Hemauer-Volk, Geschäftsführerin des Ateliers La Silhouette. “Es kamen immer wieder türkische Mädchen zu mir und klagten, dass sie keinen Ausbildungsplatz bekämen ” teilweise auch, wenn sie eine gute Schulbildung hatten. Es war wirklich schwer, diese Mädchen zu vermitteln.” Irgendwann machte die Sozialarbeiterin Nägel mit Köpfen: Sie übernahm mit Hilfe des Vereins eine alte Schneiderei und schuf die fehlenden Ausbildungsplätze einfach selbst. Seit 1986 hat das Atelier La Silhouette über hundert Mädchen ausgebildet, die aus ihrem Heimatland flüchten mussten, selten eine ausreichende Schulbildung genießen konnten oder wegen mangelnder Deutsch-Kenntnisse einfach keine Arbeit fanden. Das Engagement wurde gebührend gewürdigt: So belegte Barbara Hemauer-Volk mit ihrem Atelier den dritten Platz beim Deichmann-Förderpreis gegen Jugendarbeitslosigkeit 2005. “Es ist beispielhaft, wie das Atelier La Silhouette es schafft, benachteiligten Frauen eine echte, oft letzte Chance zu geben und sie in die Arbeitswelt und ins soziale Leben integriert”, betont Heinrich Deichmann, Initiator des Deichmann-Förderpreises und Vorsitzender der Geschäftsführung der Deichmann-Gruppe. Um Arbeitgeber zu unterstützen, die schwer vermittelbaren jungen Menschen eine berufliche Perspektive bieten, hat er den Förderpreis ins Leben gerufen.

Vom Heim in eine neue Heimat

“Chiang (Name geändert) hat gerade angerufen, ihr geht es gut!”, ruft eine der Schneidermeisterinnen durch die Räume. Chiang ist Vietnamesin, hat im Atelier La Silhouette gelernt und meldet sich regelmäßig. Wie die meisten anderen Ehemaligen, denn durch die Ausbildung wurde ihnen nicht nur einen Einstieg ins Arbeitsleben ermöglicht, sie haben auch enorm an Selbstbewusstsein gewonnen und eine neue Heimat in dem Atelier gefunden. “Wir haben ein tolles Netzwerk aus allen ehemaligen Lehrlingen. Viele von ihnen übernehmen den Unterricht in der Schule, helfen bei Sprachproblemen und stehen den Neuen mit Rat und Tat zur Seite.” Sie wissen, was sie Barbara Hemauer-Volk und dem Atelier zu verdanken haben ” ein existenzsicheres Leben und viele neue Freunde. Die meisten haben keine intakten Familien und leben im Heim. Während der Ausbildung werden die Mädchen auch sozialpädagogisch begleitet, verbessern ihre deutschen Sprachkenntnisse und lernen in der Berufsschule, was ihnen bisher an Bildung verwehrt geblieben ist. Da vergessen auch die, die es ganz nach oben geschafft haben, nicht, wo sie angefangen haben. Chiang ist mittlerweile Schnitt-Directrice bei einem großen Münchner Mode-Label ” und immer noch regelmäßig mit Begeisterung beim Ehemaligen-Stammtisch des Ateliers La Silhouette.

Ideenwerkstatt und Begegnungsstätte

Stammkunden gibt es viele – Frauen, die den einzigartigen Ethno-Stil lieben. Aber auch Design-Aufträge sind nicht selten. Für das Münchner Touristikamt haben die Schneiderlehrlinge Berufsbekleidung entworfen, und auch die WM bringt einiges mit sich: Die freiwilligen WM-Helfer werden mit Regenjacke und T-Shirt aus dem Hause La Silhouette ausgestattet. Die Mädchen entwerfen zusammen mit den drei Schneidermeisterinnen Modelle, entwickeln Ideen und setzen diese zeichnerisch um. Dann werden Stoffe zurecht geschnitten, genäht und verziert, bis das fertige Produkt im Laden hängt oder vorgeführt werden kann. “Mit Mode lässt sich alles verbinden, sie ist sprachunabhängig und eine Brücke zwischen verschiedenen Kulturen”, meint Barbara Hemauer-Volk. Der Erfolg des Ateliers beweist es: Sie hat recht.