IKW: Insta-Studie Jugend ungeschminkt: Harmoniesucht auf Instagram statt Wirklichkeit

Ines Imdahl, Geschäftsführerin der von IKW
(Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel)
betrauten Marktforschungsunternehmens
Lönnecker & Imdahl rheingold salon,
stellte die Insta-Studie Jugend vor.

Frankfurt. – Heile Wunsch-Welt schlägt Wirklichkeit. Laut aktueller Jugendstudie „Insta ungeschminkt – Der Traum von Unverwundbarkeit“ gehen 75 Prozent der Jugendlichen bis zu 20-mal täglich auf Instagram, wo sie eine rundum beherrschbare Traumwelt erschaffen, perfekt und unangreifbar.

Denn die tatsächliche Welt, sie ist nicht so. Waren die ersten Begriffe des Lebens früher „Mama, Papa, Auto“ sind es heute „Mama, Papa, Krise“.

Die „Krisengeneration“ fühlt einen Kontrollverlust auf drei Ebenen – auf der physischen (Pubertät), auf der familiären (kaum ein Kind, das nicht mindestens eine auseinandergebrochene Familie kennt oder selbst von Scheidung der Eltern betroffen ist) und der gesellschaftlichen (Flüchtlinge, Politik, Finanzkrise).

Pubertäre hormonelle Veränderungen des Körpers wiegen, so ein Ergebnis der Insta-Studie, vor dem Hintergrund des allgemeinen Kontrollverlusts stärker als noch vor etlichen Jahren. Aus tiefenpsychologischer Sicht greifen diese Ebenen eng ineinander.

Auf Instagram inszenieren junge Menschen eine eigene heile Welt. Instagram ist die harmonischste Plattform im Netz. Alles ist #beautiful, #inspiring, #amazing, #fabulous etc.

Für die Studie antwortete ein Drittel der Befragten, sich so gerne auf dieser Plattform zu tummeln, „weil alle Menschen dort so schön sind“, weil „die Welt dort noch in Ordnung ist“ (39 %), weil „das Negative und Schreckliche der Welt kaum eine Rolle spielt“ (41 %), weil „ich in eine schöne positive Welt eintauchen kann“ (51 %), weil „ich mich damit vom Alltag ablenken kann“ (66 %, Mehrfachnennungen waren möglich).

Alles dreht sich um das äußere Erscheinungsbild. Sport und Fitness werden von jedem zweiten Jugendlichen als Top-Thema genannt. Make-up/Schminken, Haar-Styling und Körper-/Gesichtspflege bilden zusammengenommen den zweitgrößten Interessensblock. Mehr als zwei Drittel der Mädchen interessieren sich für Make-up, Haarstyling und Augen-Make-up auf Instagram – und: für 40 % der jungen Männer ist das Haar- und Bartstyling besonders wichtig. Auch wenn es gerade so aussieht, dass sich zumindest ein Teil der jungen Leute wieder politisch engagiert etwa bei Fridays for Future, haben nur 13 % die Themen Klima/Umweltkatastrophen als relevant angegeben.

Positive Kommentare, Herzchen und Bewertungen in Form von Superlativen (#beautiful etc.) heben das Selbstwertgefühl, stehen aber in direkter Abhängigkeit zur Perfektion der Posts und der Anzahl der Follower. „Sehen und gesehen werden“ lautet das Motto, junge Menschen stellen sich ganz selbstverständlich auf Instagram zur Schau. Sie fliehen vor dem Fiesen und Bösen der Realität. Mehr als es auf den ersten Blick scheint, geben sie mit ihren Infos über Wimpern, Haargel und Friseurbesuchen preis. „Sie sprechen darüber, wie sie ihr Inneres ordnen und ihr Leben in den Griff bekommen möchten“, erläutert Ines Imdahl, Studienleiterin und Geschäftsführerin von Lönnecker & Imdahl rheingold salon, „Genau dabei entwickeln sie Teile ihres Selbstwertgefühls. Brüchige Nägel hingegen verunsichern und verweisen auf Chaos im Inneren“.

Man präsentiert sich ausschließlich von der Schokoladenseite. Auf keinen Fall darf bekannt werden, dann man früher vielleicht einmal dick war oder anders gestylt. Emotionen und persönliche Geschichten kommen nicht vor, angesagt sind standardisierte Posen mit perfektem Make-up und Styling.

Birgit Huber, Bereichsleiterin Schönheitspflege beim IKW: „Wir haben uns in dieser aktuellen Studie zum dritten Mal in Folge mit Jugendlichen und ihren Sorgen, Wünschen und Träumen beschäftigt. Das Gefühl der Unsicherheit wächst und die Jugendlichen haben ihre eigenen Wege, wie sie in unserer digitalen Welt damit umgehen. Die Kontrolle ihres äußeren Erscheinungsbildes mit Hilfe von Kosmetik ist hierbei ein entscheidender Faktor, der ihnen Sicherheit gibt.“

Ego „insta“, ergo sum.

Ohne Insta, kein Leben, ego „insta“, ergo sum. Auf Instagram wollen die Jugendlichen besonders und einzigartig sein, weshalb Abonnenten und Reichweiten auch Status- und Potenzsymbole sind, hier einige Kostproben aus der Studie: „Es geht um Reichweite, wen man erreicht, bis wo man reicht“ oder „Über die Follower-Zahlen kann man vergleichen, wer den Längsten hat“. Kein Witz: Mit Filtern, Funktionen und (Bild-) Codes kennen sie sich prima aus, dafür hapert es bei simplen Fähigkeiten für das echte Leben, etwa wie man einen Busfahrplan liest, einen Brief aufgibt, die Krawatte bindet oder sich bewirbt.

„Auf Insta“ sind sie eigentlich immer. Ein Interviewter sagt: „Also, ich bin 8 bis 9 Stunden auf Insta, auch während der Schule, da am meisten.“

Ein Leben ohne Handy oder Instagram stürzt, so scheint es, Jugendliche in tiefes Entsetzen, für manche ist diese Vorstellung sogar „ähnlich schlimm wie die Todesstrafe .

Dass Instagram wegen des unaufhörlichen kritischen Vergleichens mit anderen auch unglücklich machen kann, geben nur 12 Prozent zu.

Es verwundert nicht, dass „Retrosachen“ wie Bücher lesen ausgeblendet werden. Die meisten Jugendlichen haben im vergangenen Jahr weniger als drei Bücher gelesen, 28 Prozent nur eins oder keins. Zwei ausgewählte Antworten: „Naja, ich habe zwar schon ein Buch, aber ich lese immer wieder dasselbe Buch, sonst ist es mir zu anstrengend“ sowie „Ich habe meiner Freundin vorgeschlagen, mal etwas zu lesen. Sie hat gesagt, sie hätte aber kein Buch. Ich habe ihr jetzt mal eins gekauft“. Was für ein Buch das war, ist unbekannt. Vielleicht eins mit Schminktipps. Aber da ist Insta besser.

Die Studie wurde vom IKW Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel e.V., Frankfurt in Auftrag gegeben und von rheingold-salon durchgeführt. Für die qualitative Befragung wurden Gruppeninterviews mit 24 jungen Frauen und Männern zwischen 14 bis 22 Jahren, auch mit Migrationshintergrund, interviewt, für die repräsentative quantitative Befragung über 1000 Frauen und Männer zwischen 14 und 21 Jahren. Die Jugendlichen entsprechen, was Bildung und Stand betrifft, dem in Deutschland anzutreffenden Durchschnitt.
Autorin: Doris Losch

Weitere Informationen:
www.ikw.org
www.rheingold-salon.de