Neue IKW-Jugend-Studie: Selfies ungeschminkt – Leben für die Likes

 

München. – Was hat es mit der Selfie-Manie junger Menschen auf sich? Es hat mit der Sehnsucht nach Anerkennung, mit Angst in einer unsicheren Welt, mit dem Wunsch nach Kontrolle über das eigene Lebens und Erleben zu tun.

Ines Imdahl , Geschäftsführerin der von IKW (Industrieverband Körperpflege- und Waschmittel) betrauten Marktforschungsunternehmens Lönnecker & Imdahl rheingold salon, beschreibt bei der Vorstellung der tiefenpsychologischen Studie den Erkenntnisstand: „85 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen zwischen 14 und 21 Jahren machen Selfies, aber nur 27 Prozent geben zu, dass Selfies eine zentrale Bedeutung für sie haben“.

Denn: Ein Selfie ist kein Selfie ist ein Selfie …

„Eigentlich“ machen Jugendliche ja gar keine Selfies. Sie deuten die „eigentlich peinlichen“ Selfies in Porträts um, in Urlaubsbilder und Bilder mit Freunden, auf denen sie „natürlich“ mit zu sehen sind. Gleichzeitig ist ihnen individueller Stil, das richtige „Posing“, der richtige Hintergrund und – für Mädchen, aber durchaus auch für Jungen – das perfekte Make-up und die schicke, aber natürlich wirkende Frisur sehr wichtig (Originalzitat: Mir ist schon wichtig, dass jedes Haar so sitzt, wie ich das haben will. Deshalb nehme ich erst Festiger, föhne die Haare hoch, dann kommt Wachs rein und am Ende fixiere ich das alles mit Haarspray.“). Sonst wäre es nämlich richtig peinlich und hätte sogar negative Auswirkungen auf ihre seelische Verfassung.

 

 

Ines Imdahl

Selfies sind so eine Art „Leben in Rückblende“, erläutert Ines Imdahl. „Viele junge Menschen trauen sich gar nicht mehr, sich auf das unmittelbare Geschehen einzulassen. Durch Selfies erst können sie sich auf das Fühlen und Erleben einlassen. 66 Prozent schätzen besonders, dass sie sich durch nachträgliches Betrachten ihres Selfies sehen können, was sie erlebt haben. Ebenso finden 44 Prozent das Erlebte erst dann toll, wenn viele andere es liken.“ Stets drehe sich alles um Selbstverliebtheit, das Selfie sei ein Ersatz für Selbstbewusstsein.

 

Bevor ein Selfie gepostet wird, muss es perfekt sein. Fast die Hälfte der Mädchen machen mehr als 50 Selfies, bevor eines gepostet wird, bei fast 20 Prozent sind es sogar mehr als 100. Auch 22 Prozent der jungen Männer machen mehr als 50, 16 Prozent mehr als 100 Aufnahmen.

Bevor das Foto in die digitale (die wirklich wahre?) Welt hinausgeschickt wird, wird Aufwand betrieben. Es soll natürlich ausschauen, wird aber in einem aufwändigen Prozess durch Styling und Schminken konstruiert. Ines Imdahl: „Es wird ständig geschminkt, um ungeschminkt auszusehen.“

 


Narzissmus lässt grüßen

Birgit Huber, Kompetenzpartner Schönheitspflege beim IKW: „Es ist interessant zu erfahren, dass die Betonung des Äußeren für die Jugendlichen kein Selbstzweck ist, sondern dass ihnen Kosmetik hilft, sich so auszudrücken und darzustellen, wie sie gerne sein möchten.“

Zu denken gibt die Tatsache, dass sich hinter dem Selfie-Hype ein extremer Wunsch nach Kontrolle verbirgt. Kein Wunder, sind doch die um 2000 und später geborenen Menschen mit politischen und gesellschaftlichen Krisen und Terror aufgewachsen. Angst und Unsicherheit sind durch diese „Krisenkultur“ vorprogrammiert.

Die aktuelle Studie vertieft die Erkenntnis der vorherigen Studie „Jugend ungeschminkt“ von 2016, dass sich viele junge Menschen in der heutigen Zeit unsicher fühlen und nach Sicherheit und Kontrolle in ihrem Leben suchen. „Das Kontrollbedürfnis der Jugendlichen ist so hoch, dass sie für ihr äußeres Erscheinungsbild und für ihr perfektes Selfie großen Aufwand betreiben“, informiert die Studie 2017.

Selfies gehören zur Selbstfindung der Jugendlichen heute dazu. Indem sie sich von anderen abgrenzen und sagen, sie hätten nichts mit dem Selfie-Hype zu tun und gleichzeitig alle geheimen Codes bei Herstellen von Selfies befolgen, finden sie zwischen diesen beiden Extremen ihren eigenen Stil und ihre eigene Persönlichkeit. Selfies sind für Jungen und Mädchen also extrem wichtig; fast Ines Imdahl zusammen.

Autorin: Doris Losch

 

Weitere Informationen:
www.ikw.org