Die schönste Venus der Renaissance kommt aus Wittenberg

Lesesonntag: Faszinierend und irgendwie verrückt: Eine fast 500 Jahre alte Aktdarstellung trägt in unseren Zeiten noch so viel Provokationspotential in sich, dass sie der Öffentlichkeit entzogen wird. 2008 sorgte ein Poster mit der Darstellung der nackten Venus aus der Hand Lucas Cranachs des Älteren für Aufruhr in London. Das Plakat, mit dem die Royal Academy of Arts für eine Ausstellung des deutschen Renaissancemalers in der Londoner U-Bahn warb, wurde vorübergehend zensiert. Die Begründung: Venus trage auf dem Gemälde außer einem Lächeln und einem durchsichtigen Schleier nichts. Dies könnte die Fahrgäste verstören.

Bildtext (Detail): Venus – Lucas Cranach d. J. – Fränkische Galerie Kronach. Foto: Tim Hufnagl

 

Was machen die wunderschönen Akte aus den Händen der Cranachs ab den Jahren 1532 so aufreizend? Die römische Göttin nützt ihre überirdische Schönheit in einer Art Schleiertanz, um den Betrachter zu verführen. Sie scheint einen Moment innezuhalten, um ihre erotische Ausstrahlung noch erregender zu inszenieren. Ihr nackter Körper mit seiner porzellanfarbenen Haut ist eine wahre Augenweide. Schlank, in anmutiger Arabeske ausponderiert, und mädchenhaft-unschuldig wirkend. Und doch ist Cranachs Schönheit pure fleischliche Verlockung. Die Liebesgöttin stellt ihre Reize frontal zur Schau, der hauchdünne Schleier setzt den sinnlichen Akzent: Er lenkt in seiner Drapierung den Blick auf die Körpermitte. Lucas Cranach – genial und unübertroffen.

Mit Albrecht Dürer fing es an …
Absolut skandalträchtig war schon die erste Venus von Lucas dem Älteren, die er 1509 als Hofmaler im sächsischen Wittenberg malte. Es war der erste weltliche Akt einer Frau nördlich der Alpen – und diese beflügelte die erotischen Phantasien seiner Zeitgenossen. Zwei Jahre zuvor hatte es Cranachs Kontrahent Albrecht Dürer gewagt, die ersten eigenständigen Akte außerhalb Italiens zu präsentieren, allerdings im abgesicherten, biblischen Kontext: Adam und Eva. Der Nürnberger Meister war ein Genie in der Wiedergabe der perfekten Körpermaße, der Wittenberger Hofmaler ein Virtuose der malerischen Verführung. Diese Gabe und das Wissen, mit Farben und Pinsel solch emotional bewegenden Bildmotive zu schaffen gab der Vater Cranach an seinen Sohn Lucas weiter. Ab einem Alter von ca. 12 Jahren stand der Sohn in der großen Kunstwerkstatt an der Seite seines Vaters und verfolgte jeden Arbeitsschritt, lernte auch das kleinste Detail. 
 

Laszive Frauenbilder favorisiert
Die Cranachs kreierten ab 1532 immer neue Venus-Varianten, aufregende Quellnymphen und Grazien. Diese lasziven Frauenbilder wurden zu den Lieblingsmotiven des Adels und verhalfen den Cranachs zu enormem Erfolg. Die Wittenberger Kunstmanufaktur expandierte, um dem Markt genügend dieser Bilder-Bestseller liefern zu können. Die Cranach-Werkstätten wurden zu einer der Kunstmanufakturen der Neuzeit. Die schönste Venus der Renaissance kommt aus der Lutherstadt Wittenberg. 

Weltweit gehören diese wunderschönen, erotischen und verführerischen Venusdarstellungen zu den Höhepunkten führender Museen wie: die National Gallery in London, die Alte Pinakothek zu München, dem Metropolitan Museum of Art in New York, dem Städel Museum in Frankfurt, der Berliner Gemäldegalerie oder der Fränkischen Galerie in Kronach, aus der das aktuelle Foto stammt. 

 

Bildtext (Detail): Amor als Honigdieb – Lucas Cranach d. J. – Fränkische Galerie Kronach. Foto: Tim Hufnagl

 

Wer waren die bezaubernden Frauen, die den Cranachs Modell standen? Waren es Töchter Wittenberger Eltern- oder gar die eigenen Ehefrauen? Waren es die Frauen aus den Reihen der käuflichen Liebesdienste, Freudenhäuser und Badstuben Wittenbergs? Egal woher Sie kamen die Venusfrauen der Cranachs hätten auch heute jede Miss Germany und Miss Europawahl gewonnen. Einige dieser hoch erotischen Gemälde werden vom 26. Juni bis 1. November 2015 in der Landesausstellung Sachsen-Anhalts „Cranach der Jüngere-2015“, in der Lutherstadt Wittenberg, den Besuchern die Köpfe verdrehen.

Inspiration bis hin für Künstler des 20. Jahrhunderts
Die erotischen Darstellungen der Cranachschen Bildermanufaktur inspirierten bis ins 20. Jahrhundert Künstler wie Picasso und Giacometti. Eines ihrer populärsten Sujets „Venus und Amor als Honigdieb“ kommt moralisierend daher: Der kindliche Amor will vom Honig naschen und wird von den Bienen gestochen. Er beklagt sich bei seiner Mutter, doch die posiert ungerührt und deutet auf den „Beipackzettel“: Eine Inschrift, die den Betrachter vor der Wollust der Liebe und ihren verderblichen Konsequenzen warnt. Eine protestantische und augenzwinkernde Legitimation des kühnen Inhalts.

2015 würdigt die Lutherdekade unter dem Motto „Bild und Bibel“ den 500. Geburtstag von Lucas Cranach d. J. Die Landesausstellung in Sachsen-Anhalt – dem Ursprungsland der Reformation – wird sich vom 26. Juni bis 1. November in verschiedenen Ausstellungen dem Leben und Werk des jüngeren Cranachs widmen.

Bereits zum jetzigen Zeitpunkt möchten wir für alle Menschen, die sich für die Kunst und Kultur des Mittelalters und der Reformationszeit interessieren, eine Reiseempfehlung aussprechen: Machen Sie sich auf den Weg, folgen Sie auf den Spuren der Familie Cranach! Die Cranach-Region zwischen Kronach und Wittenberg überrascht mit einzigartigen Gemälden und Kunstwerken von Lucas Cranach d.J.
(Quelle: © 8-2014 by CAB-Artis)

Weitere Informationen:
www.sachsen-anhalt-tourismus.de
www.cranach2015.de

Titelbild: Venus mit Amor als Honigdieb – Lucas Cranach d. J. – Fränkische Galerie Kronach-Fotograf Tim Hufnagl