Lutherstadt Wittenberg bereitet sich auf Landesausstellung „Cranach der Jüngere 2015“ vor

Denn: Gerade die Episoden und Geschichten über seine Familie, seine weltberühmten Werkstätten, seine Apotheke und seinen familiären Beziehungen zu Luther und Melanchthon öffnen bisher kaum gekannte Perspektiven in eine der facettenreichsten Epochen der Kunst- und Zeitgeschichte. Zu Lucas Cranach dem Jüngeren wird 2015 in Wittenberg die erste Ausstellung überhaupt zu diesem Künstler mit Weltruf stattfinden.

Teil I: Der schönste Hintern der Reformationszeit-Madonna und Lady Gaga wären neidisch darauf
Der kleine Lucas war ein Kind von fünf Jahren, als er in der Werkstatt seines Vaters die großen Altarbilder für die Stiftskirche in Halle wachsen sah. Der Großauftrag des Kardinals Albrecht umfasste 16 Altäre, damit den größten Gemäldezyklus der deutschen Kirchengeschichte. Mittelpunkt wurde jener mit der wichtigsten Heilsbotschaft der christlichen Lehre, der Auferstehung Christi und aller Gläubigen.

Kirchenfürst Albrecht hatte drei Bistümer unter seinem roten Hut: Halberstadt, Magdeburg und Mainz. Damit war er auch Kurfürst und Erzkanzler des Heiligen Römischen Reiches. Sein Lieblingssitz aber war die Moritzburg in Halle. Er saß gerne dem Hofmaler Lucas Modell, um dann als heiliger Martin oder Erasmus Altäre zu verzieren. Seine Lieblingskonkubine saß ebenfalls und ging als heilige Ursula in die gemalte Kirchen-Geschichte ein. Kurzum, Seiner Eminenz war nichts Irdisches fremd, schon gar nicht das täglich neue Wunder einer weiblichen Gestalt.

Daher fiel auch die Diskussion um die Bildgestaltung ganz mittelalterlich aus: Wenn schon Eva, dann richtig. Jesus holt auf diesem Altarbild alle Verstorbenen aus der Vorhölle. Der faszinierende Blickpunkt aber wurde eine wunderschöne Mädchengestalt, Urmutter Eva. Ihr Körper leuchtet in den schönsten Fleischfarben. Meister Lucas kannte dafür die vom eigenen Vater und auf seinen Reisen als junger Mann durch Europa erlernten Rezepte „in nudis corporibus“: Erhitztes Bleiweiß mit Zinnober mischen, etwas grüne Erde, gebrannten Ocker. Dann Rosa für Kinn- und andere Backen, später „lumen“, also ein Glanzlicht zum Aufhellen der Partien an Stirn, Hals, Armen. Nicht vergessen, die Hinterbacken mit Lumina secunda abzuteilen: Grüne Erde, gebrannter Ocker, etwas Rosa dazu.

 

 

Bildtext (r): Cranachhaus, Markt 4 in Wittenberg

 

Kannte der Kardinal, ein hochgebildeter Humanist, das Buch des Abu Abdallah An-Nafzawi? Es war zwischen 1400 und 1500 geschrieben, heiß begehrt und abgeschrieben, denn es handelte von der vollendeten Frau und den legitimen Freuden der Schöpfung. Und so sah der noch kleine Lucas echte Figuren auf dem Lindenholz lebendig werden, im wunderbaren Geruch nach Ölen und Farben seiner späteren eigenen Werkstatt. Eva bekam nach Abu Abdallah die dort beschriebenen „ausladenden Hinterbacken“, die allen Männern zum Verhängnis werden, wie er schreibt, wenn sich diese Geliebte abwendet. In Wittenberg, zur Reformationszeit, entstand der erste Rückenakt der Malergeschichte.

Hundert Jahre nach diesem Bild des vollen christlichen Glaubens änderte sich die christliche Moral. Eva bekam ein wucherndes Gesträuch um sich herum gemalt. Christliche Fundamentalisten und calvinistischer Eifer fanden die Eva als „hürisch und schandtlich gemalet“. Im Jahre 2006 wurde aber dieses Gebüsch wieder entfernt und Evas gesamter Rücken leuchtet heute wieder in der Stiftskirche zu Aschaffenburg und zeigt ein wichtiges Meisterstück aus der Kunstmanufaktur der Familie Cranach.

Einer der Höhepunkte des deutschen Kulturjahres 2015 wird die Landesausstellung „Cranach der Jüngere 2015“ in der Lutherstadt Wittenberg sein.
Quelle: © by C.A.B.-Artis 11-2013

Weitere Informationen
www.cranach2015.de
www.sachsen-anhalt-tourismus.de

Titelbild: Der Weinberg des Herrn Cranach der Jüngere