Landesmuseum Württemberg: Von It-Girls, Fashionqueens und Working Mums

Die Große Landesausstellung „Im Glanz der Zaren. Die Romanows, Württemberg und Europa“ im Landesmuseum Württemberg beleuchtet die Lebensgeschichten von faszinierend starken Frauen.

Die württembergische Prinzessin Sophie Dorothee und die Zarentöchter Katharina und Olga haben neben Ehe, Kinder, Arbeit und Styling maßgeblich zum Erstarken der württembergisch-russischen Beziehungen beigetragen und dabei sowohl Land, Politik, Erziehung und den modischen Geschmack beeinflusst.

 

 

 

Großfürstin Elena Pawlowna von Russland
(1784 – 1803) und ihre Tochter Maria,
Karl Brüllow (1799- 1852),
Öl auf Leindwand. Russland, 1830
© Staatliches Russisches Museum, Sankt Petersburg

 

 

 

 

„Sie ist schlank wie eine Nymphe, von lilienweißer Gesichtsfarbe mit rosigen Wangen und makelloser Haut. Ihr Antlitz strahlt Sanftmut, Herzensgüte und Aufrichtigkeit aus, alle sind von ihr begeistert“, so beschreibt Kaiserin Katharina die Große enthusiastisch die siebzehnjährige Sophie Dorothee von Württemberg aus dem kleinen Mömpelgard. Und es ist keine leichte Aufgabe, vor den hohen Ansprüchen der künftigen Schwiegermutter zu bestehen. Als 1776 die junge württembergische Prinzessin den russischen Thronfolger Paul I. heiratet, erliegt ganz Russland dem Charme „Maria Fjodorownas“, wie sie fortan heißt. Maria, schön, intelligent, warmherzig und zupackend, erfüllt die in sie gesetzten Erwartungen. Zur Freude Katharinas gehen aus der Ehe zahlreiche Kinder hervor – vier Söhne und sechs Töchter. Maria ist eine vorbildliche Mutter, der, selbst im Sinne Rousseaus erzogen, sehr an einer guten Erziehung ihrer Kinder gelegen ist. Kurz nach der Krönung zur Zarin erhält Maria zudem die Verantwortung für das gesamte Bildungs- und Wohltätigkeitswesen und ist fortan als „working mum“ eingespannt. Ihr Engagement für Waisenhäuser, Armenküchen, Nachtasyle und Bildungseinrichtungen ist legendär. Modisch ist sie voll und ganz dem Zeitgeist des Rokoko verpflichtet. Ein Staatsporträt zeigt sie in einer prächtigen spitzenbesetzter Toilette aus roter Atlasseide und üppig geschmückter Hochfrisur.

 

 

 

 

Herzogin Wera von Württemberg (1845 – 1912) bei einem Kostümfest Stuttgart, 1886 © Landesarchiv Baden-Württemberg, Stuttgart

 

 

 

 

 

Marias Tochter Katharina, von deren „Grazie gepaart mit Haltung“ ganz Europa sprach, ehelicht in zweiter Ehe im Gegenzug 1816 den württembergischen Kronprinzen Wilhelm I. Auch wenn das Paar sich in der Öffentlichkeit ohne Prunk, fast bürgerlich präsentiert, so zeugt doch ihre Mitgift vom märchenhaften reichen Zarenhof und weist sie als Fashionqueen aus. Von den Gegenständen, die Katharina nach Württemberg mitbrachte – Kirchengerät, Schmuck, Möbel, Kleider – soll vor allem ein prachtvoller Saphir und ein Prunkgeschirr aus purem Gold genannt sein: Das Schmuckstück war ein Geschenk ihres Bruders Alexanders I. zu ihrer Verlobung. Der als Tafel geschliffene Hauptstein ist von 14 Brillanten gesäumt und konnte als Verschluss für ein Collier oder Armband dienen. Mit ihren beiden Söhnen lebte sich Katharina rasch in Württemberg ein und engagierte sich karitativ im gesamten Land. Der frühe Tod der vom Volk vergötterten Königin ist ein schwerer Schicksalsschlag.

 

 

 

Porträt der Prinzessin Charlotte Friederike von
Württemberg, Franz Seraph Stirnbrand (1788 – 1882), Öl auf Leinwand, Paris, 1820. © Staatliches Museum-Reservat "Pawlowsk",
Sankt Petersburg

 

 

 

 

 

Marias Enkelin Olga von Württemberg ist wie ihre Tante Katharina nicht nur eine außerordentlich schöne, sondern auch eine selbstsichere, intelligente und ehrgeizige Frau. Auch sie fasst ihren Status als Königin von Württemberg als Beruf statt Berufung auf und adoptiert mit ihrem Mann Wera Konstantinowna, eine als schwierig und unangepasst geltende Nichte aus Russland, da ihr eigene Ehe kinderlos bleibt. So verwundert es nicht, dass im Mittelpunkt von Olgas Wirken auch die schwächsten Mitglieder der Gesellschaft stehen: Die Heil- und Pflegeanstalt für geistig behinderte Kinder “Mariaberg“ bei Reutlingen, das Stuttgarter Kinderkrankenhaus „Olgäle“, Olgakrippen in verschiedenen Städten, das Karl-Olga-Krankenhaus und andere von ihr gegründete Einrichtungen erinnern bis heute an eine vornehme und mitfühlende Frau, die nach dem Urteil einer adeligen Zeitgenossin „königlich“ war „vom Scheitel bis zur Zehe“.

 

 

 

 

 

Porträt der Großfürstinnen Maria Nikolajewna und Olga Nikolajewna, Karl von Neff (1804-1876). Öl auf Leinwand. Russland, 1838 © Staatliches Russisches Museum, Sankt Petersburg

 

 

 

 

 

Als Zarentochter und Königin von Württemberg, empfindet sie die Rolle Württembergs im deutschen und europäischen Machtgefüge jedoch als unzureichend. Um dennoch den Anschein eines wichtigen Reiches zu demonstrieren, lässt sie sich als Fashionqueen vornehmlich in repräsentativer Pose von den besten Malern ihrer Zeit wie Franz Xaver Winterhalter malen. In der Ausstellung zeugt ein Gemälde von diesem Anspruch, das sie in einer kostbaren über und über mit schweren Perlensträngen bestückten Robe zeigt. Diese Robe ist wahrscheinlich eine Kreation des Schneiders Charles Frederick Worth, der als erster seiner Zunft dazu überging, seine Kleider mit Etiketten zu kennzeichnen und als Begründer der Haute Couture gilt.
(Quelle: Landesmuseum Württemberg)

 

 

 

 

Zur Ausstellung erschien der Katalog „Im Glanz der Zaren. Die Romanows, Württemberg und Europa“, Jan Thorbecke Verlag, Ulm.

 

 

Die Große Landesausstellung Im Glanz der Zaren. Die Romanows, Württemberg und Europa präsentiert sich bis 23. März 2014. Ausstellungsort ist das Landesmuseum Württemberg, Altes Schloss, Schillerplatz 6, 70173 Stuttgart.

Weitere Informationen:
www.zaren-stuttgart.de

 

Titelbild (v.l.): Die junge Großfürstin Maria Fjodorowna (1759-1828). Alexander Roslin (1718-1793) Öl auf Leinwand. Russland, um 1777. © Staatliches Museum-Reservat "Pawlowsk", Sankt Petersburg.

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Großfürstin Katharina Pawlowna (1788-1819), spätere Königin Katharina von Württemberg, Aquarell auf Elfenbein, Wien, 1815. © H. Zwietasch, Landesmuseum Württemberg, Stuttgart

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Kronprinzessin Olga von Württemberg (1822-1892) im Garten der Villa Berg. Franz Xaver Winterhalter (1805-1873). Öl auf Leinwand Stuttgart, 1856.© H. Zwietasch, Landesmuseum Württemberg, Stuttgart

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Collierschließe/Saphir Königin Katharinas von Württemberg. Saphir und Brillanten © H. Zwietasch, Landesmuseum Württemberg, Stuttgart