Lenbachhaus: Phantastisch! Alfred Kubin und der Blaue Reiter

München – Alfred Kubin – allein bei der Nennung des Namens schaudert es Kundige schon. Dem österreichischen Meister des Phantastischen und Surreal-Grausligen widmet das Lenbachhaus eine von Annegret Hoberg und Matthias Mühling hervorragend kuratierte Schau.

Ja, die Ausstellung ist eine Schau. Sie gibt den Blick frei auf Bild gewordene seelische Abgründe, wahnhafte Phantasien und zeigt vor allem die für beide Seiten fruchtbaren Beziehungen zum Künstlerkreis Der Blaue Reiter.

Kein Geringerer als Wassily Kandinsky war es, der 1904 die erste Ausstellung des damals 27-jährigen Alfred Kubin in der Künstlervereinigung Phalanx präsentierte.

Fünf Jahre später – Kubin hatte eine Phase innerer Kämpfe und des Umbruchs bewältigt – wurde er zur Neuen Künstlervereinigung München um Kandinsky, Gabriele Münter, Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky hinzugezogen. Auch nach der Abspaltung des Blauen Reiter 1911 forderte Gabriele Münter Kubin zum Mitmachen auf.

Bei der zweiten Blauer Reiter Ausstellung 1912 wurden Szenen aus einem geheimnisvollen „Zwischenreich“ gezeigt, eine geistige Dimension, der sich u.a. auch Kandinsky, Franz Marc und Paul Klee in ihren Werken verbunden fühlten.

Kubins Monster-Panoptikum und auch sein berühmter Roman „Die andere Seite“ mit der Stadt Perle haben viele Künstler inspiriert, so Franz Kafka für seinen Roman „Das Schloss“. Hollywoods Horrorfilme haben ebenfalls so manche seiner Ideen aufgegriffen.

ALFRED KUBIN, Die Dame auf dem Pferd, 1903, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2017, Foto: Lenbachhaus

Kubins seelische Verknotungen stammen aus traumatischen Kindheitserfahrungen. Seine Mutter ist früh verstorben, der Vater war übermächtig, als Elfjähriger (!) hatte er sein erstes sexuelles Erlebnis mit einer älteren schwangeren (!) Frau.

Frauen sind überhaupt so ein Thema. Annegret Hoberg schreibt im Ausstellungskatalog: „Besonders die Folterszenen und erotischen Darstellungen Kubins erregen bis heute Aufsehen und Empörung. Ein Hauptthema ist dabei die Dämonisierung der verführerischen, zugleich Tod und Verderben bringenden Frau“ und weiter „In unzähligen frühen Zeichnungen Kubins werden nackte schwangere Frauen gefoltert und bestraft. Sie sind Teil eines Frauenbildes, das sich zwischen Mutterideal und Verkommenheit bewegt.“

ALFRED KUBIN, Verpuppte Welt, 1905, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, © VG Bild-Kunst, Bonn, 2017, Foto: Lenbachhaus

In München sind u.a. 90 Papierarbeiten Kubins und 50 Werke der Künstlerinnen und Künstler des Blauen Reiter zu sehen. Alle stammen aus dem schier unerschöpflichen Fundus des Hauses. In der Tat besitzt das Museum das größte Archiv Deutschlands zu einem einzelnen Künstler, eben Kubin.

Zu den bemerkenswertesten Exponaten zählen (nach subjektiver Empfindung der Verfasserin) die Tuschfederzeichnung „Der Herr der Erde“ (ein majestätischer Tiger liegt auf einer Ottomane, umringt von dienernden Gestalten mit Turban und zwei Tischen mit Menschenköpfen), das Aquarell „Das Mondkalb“ von 1905 (es ähnelt dem Mondschaf von Christian Morgenstern), die gruselige Tuschfederzeichnung „Schlangen in der Stadt“ und die für Kubins Verhältnisse charmante Tuschzeichnung über Bleistift „Melitta Lampenbogen. Die Zeichnung von Dr. Lampenbogen ist umso schauerlicher: Mann am Spieß (Bratspieß).

Viel Platz räumt das Lenbachhaus auch dem umfangreichen Mappenwerk des Künstlers ein.

Erstmals öffentlich zu sehen sind Fotografien aus dem privaten Album Kubins.

Positives tanken können Besucher bei so viel schwarz-grauer Düsternis beim Betrachten von bunten Werken von Gabriele Münter, Marianne von Werefkin (bezaubernd: „Marionettentheater“), Franz Marc, Wassily Kandinsky. Hübsch anzusehen sind die von Paul Klee illustrierten beiden Postkarten des Königreichs Bayern (1913) an Kubin und Münter.

Phantastisch! Alfred Kubin und der Blaue Reiter“, Lenbachhaus München, 9. Oktober 2018 – 17. Februar 2019.

Zur Ausstellung ist ein empfehlenswerter, 320 Seiten starker, reich bebilderter Katalog im Wienand Verlag erschienen, herausgegeben von Kuratorin Annegret Hoberg und Museumschef Matthias Mühling. Er enthält auch den bislang nicht veröffentlichten Briefwechsel Kubins mit dem Künstlerkreis des Blauen Reiter. Für Euro 32.00 im Museumsshop und online erhältlich.
Autorin: Doris Losch

Weitere Informationen:
www.lenbachhaus.de
www.lenbachhaus.de/wastun
lenbachhaus.de/ihr-besuch/kalender
www.wienand-verlag.de

Titelbild: ALFRED KUBIN, Eindringlinge, 1914, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, © VG Bild-Kunst, Bonn 2017, Foto: Lenbachhaus