Kunsthalle München: Lust der Täuschung – Von antiker Kunst bis zur Virtual Reality

München – Die Lust an der Täuschung durchdringt im postfaktischen Zeitalter der Fake News alle Lebensbereiche. Die aktuelle Schau der Kunsthalle München stellt einwandfrei die Lust in den Vordergrund. Glücklicherweise lassen die Kuratorinnen Anja Huber und Franziska Stöhr sowie Kurator Roger Diederen von der Kunsthalle und Kuratorin Annette Lagler und Andreas Beitin vom Ludwig Forum Aachen, der zweiten Station der Ausstellung nach München, der heiteren, ja vergnüglichen Seite dieses Themas reichlich Raum.

Wie bei Mode und Design, etwa in der Tafelkultur des 18. Jahrhunderts. Gäste staunten, wenn sich der Kohlkopf als Suppenschüssel aus Porzellan erwies oder wenn aus dem mit Speisen gefüllten Keilerkopf der Manufaktur Nymphenburg appetitanregende Duftwölkchen aus den Nüstern rauchten. Umdenken heißt es auch beim Betrachten eines vermeintlichen 08/15-Plastik-Stapelstuhls von Sam Durant. Tatsächlich ist dieser Stuhl aus kostbarem feinem Porzellan gefertigt.

Ähnlich faszinierend sind die Kunstkammer-Exponate. Wunderliches gibt es zu bestaunen: Tiere, die mimetisch Farben und Formen ihrer Umgebung nachahmen, getrocknete Rochen, die winzigen Monstern ähneln. eine Fayence-Schale aus der 2. Hälfte des 16. Jahrhunderts, die dank des damals neuen Glasfluss-Verfahrens lebendig und feucht wirkendes Schlangen- und Eidechsengetier, Muscheln, Krebse vor Augen führt. Aller Aufgeklärtheit zum Trotz gruselt es die Besucher beim Anblick des überaus wirklichkeitsnah dargestellten abgetrennten Kopf von Johannes dem Täufer, ein Werk des spanischen Bildhauers José de Mora (1642-1724).

Doch ehrlich gesagt, das Vergnügliche, ja Witzige überwiegt.

Die Mode verschreibt sich (mindestens) seit Jahrhunderten der Schummelei: Korsagen täuschen Wespentaillen vor, gepolsterte Unterhemden simulieren Muskeln. (Anm.: Nicht zu vergessen die Shapewear, die unerwünschte Speckröllchen in Form bringt und, hält frau die Luft an, gänzlich verschwinden lässt.)

Illusionen à la Pharao und Pompeji

Raumillusionen bilden einen besonders interessanten Abschnitt der Ausstellung wie eine altägyptische Scheintür von ca. 2.400 vor Christus oder die Beispiele für pompejanische Scheinarchitektur und Deckengemälde des Barocks.

Die Lust an der Täuschung hat die Betrachter eines 1896 vorgeführten Films der Gebrüder Lumière wohl eher nicht erfasst: Sie flohen, so wird berichtet, aus dem Vorführsaal, weil sie fürchteten der Zug würde aus der Leinwand ungebremst auf sie zurasen und erfassen. Darauf fallen wir natürlich nicht mehr rein. Aber schauerlich kann es dennoch werden. Ausgestattet mit einer Virtual-Reality-Brille tauchen Besucher beispielsweise in Chris Milks Arbeit „Evolution of Verse“ von 2016 ein – empfindsamen Personen wird es dabei mehr oder weniger ziemlich seltsam, weil, obwohl auf festem Boden stehend, schwankend.

Unser Gehirn lässt sich täuschen, denn es kann die von den Augen übermittelten Reize nicht schnell genug verarbeiten. Die faszinierende Wirkung täuschender Kunst entsteht, dass die Betrachter visuell der Täuschung erliegen, gleichzeitig aber durchaus wissen, dass sie es mit einem Trick zu tun haben.

Das klassische Trompe-l’oeil stammt aus dem 17. Jahrhundert und verfehlt bis heute die Wirkung nicht. Zeitgenössische Künstler wie Gerhard Richter oder Thomas Demand greifen diese Form der Illusion in Werken wie „Blattecke“ von 1967 oder „Glas“ (2002) wieder auf.

Ein weiteres Kapitel der Ausstellung widmet sich dem Thema „Kopie, Aneignung, Fälschung“. Es bestehen feine Unterschiede. Einen Überblick über diesen spannenden Bereich der Kunstgeschichte bieten u.a. Werke wie „Johns Flagge“ von Elaine Sturtevant (1966) oder die weltberühmten und immer noch hübsch anzuschauenden Brillo Boxen von Andy Warhol (1964), der hier natürlich nicht fehlen darf.

Lust der Täuschung – Von antiker Kunst bis zur Virtual Reality, 17. August 2018 – 13. Januar 2019, Kunsthalle München, Theatinerstraße 8.

Weitere Informationen:
www.kunsthalle-muc.de

Der Katalog zur Ausstellung ist im renommierten Münchner Kunstbuchverlag Hirmer erschienen. Bereits auf den ersten Blick lädt das Buch zum Blättern und Schmökern ein. Beiträge und Essays von Experten aus den Bereichen Neurowissenschaft, Kunst, Kultur und Mediengeschichte informieren auf leichte Weise über die Lust an der Täuschung und darüber, wie sich diese anscheinend allzu menschliche Lust über die Jahrtausende von der Antike bis in die Gegenwart und sicherlich auch ins Morgen zieht.

Brikada-Empfehlung: Hervorragend gestaltet und ein Vergnügen für das Auge, das sich so liebend gerne täuschen lässt.

Katalog „Lust der Täuschung“, herausgegeben von Roger Diederen und Andreas Beitin in Zusammenarbeit mit D. Bönisch, A. Huber, A. Lagler, M. Kern, F. Stöhr, 264 Seiten, 200 Abbildungen in Farbe, Euro 39.90, ISBN 978-3-7774-3139-0.
Autorin: Doris Losch

Weitere Informationen:
www.hirmerverlag.de