Lenbachhaus München: Stephan Dillemuth – regulär 10 Euro, ermäßigt 5

München. – Ein verspieltes lebensfrohes Kunstkonglomerat mit Humor erwartet die Besucher in der aktuellen Ausstellung. Stephan Dillemuth ist Professor für Kunstpädagogik an der Münchner Akademie der Bildenden Künste. Im Münchner Umland aufgewachsen, lebt und arbeitet er in München und Bad Wiessee. Bayrisch-Barockes spiegelt sich in seinen Werken unübersehbar wider.

Er greift Münchner Themen auf. Gezeigt werden etwa seine in den 80-er Jahren unter dem Einfluss von Punk und Neuer Welle entstandenen “Porträts schöner Münchnerinnen“ à la Schönheitsgalerie von König Ludwig I. Eine Installation aus dem Jahre 2007 beschäftigt sich mit Lion Feuchtwangers dem Roman „Erfolg“. Der Künstler interpretiert das literarische Werk rund um politische Strömungen und private Befindlichkeiten im heraufdämmernden Nationalsozialismus und verhakt die Erzählung eng mit der aktuellen gesellschaftlichen Situation. Zahnräder gehören zu den Lieblingsmotiven Dillemuths.

Stephan Dillemuth Critters & Creatures, 2016/17, Foto: Lenbachhaus © VG Bild-Kunst Bonn, 2018

In einem Ausstellungsraum schweben und liegen seltsame Gestalten aus Rumpf-Abgüssen (Dillemuth ist mit persönlichem Körpereinsatz dabei) unter der Decke. Inspiriert wurde dieser Abguss „The Pleasures of Now“ von einer Himmelfahrtsdarstellung Egid Quirin Asams – allerdings hat sich der Körper in seine einzelnen Glieder aufgelöst, so dass er nur von einem Standpunkt „vollständig“ erscheint. Von überall sonst betrachtet scheinen Arme, Beine, Körper der Fliehkraft zu folgen.

Die Spiegelungen eines gesellschaftlichen Ist-Zustandes soll mit Hilfe des Stilprinzips „Corporate Rokoko“! verdeutlichen: Dillemuth setzt Spiegelfolie ein und schafft quasi einen Spiegelsaal à la Versailles (der König Ludwig II entzückt hat), in dem auf Kitschpostkarten basierende Gemälde von bayerischen Buam und Madeln sowie weitere vergipste Rümpfe, nicht selten wieder verquickt mit Zahnrädern, eine durchaus heitere Atmosphäre schaffen. Allein schon wegen der Spiegelungen. Ähnlich wie auf dem Oktoberfest, sehen sich die Besucher grotesk verzerrt.

Stephan Dillemuth Corporate Fairytale, 2004, Foto: Lenbachhaus © VG Bild-Kunst Bonn, 2018

Immer wieder sind im Wortsinn „Gipsköpfe“ anzutreffen, die sich irgendwie verselbständigt haben. Aus ihnen ragen Beine vom Reh oder menschliche Hände aus Gips, gerne auch mit golden oder in pastelligen Macaron-Farben bemalt. Gerne befasst sich der Künstler auch mit Perücken, ebenfalls ein beliebtes Rokoko- und Barockthema.

Eine Barockperücke, sorgsam unter einem Panzerglassturz positioniert, hat eine Sprengung überlebt. Der Künstler hat in einer verwegenen Aktion die mit Überwachungskameras gespickte Haartracht in die Luft gejagt hat. Naja, fast.

Weitere publikumswirksame Objekte sind riesige Uhren, eingestellt auf 15.35 Uhr – die angeblich langweiligste Zeit des ganzen Tages.

Und dann wären da noch die echten gekochten und vergoldeten, am Boden zu einem Kreis drapierten Spaghetti. „Rückkehr der Arecibo-Botschaft“ ist diese Installation betitelt, in Anspielung auf eine 1974 vom Arecibo-Observatorium, Puerto Rico, ins Universum geschickte Botschaft. Jetzt ist sie also ins Lenbachhaus zurückgebeamt. Eine über den Spaghetti angebrachte Glühbirne blinkt die im binären Zahlencode verfasste „Message“ zurück, vielleicht ja im Auftrag von Aliens.

Stephan Dillemuth Ziegenkarussell, 2012/2018, Foto: Lenbachhaus © VG Bild-Kunst Bonn, 2018

Nicht unerwähnt bleiben soll die Ziege. Sie ist das Alter Ego des Künstlers und taucht an vielen Orten der Ausstellung auf, lebensgroß und sympathisch aus Gips oder ausgestopft. Eines steht fest: Langweilig ist die Schau mitnichten!

Lenbachhaus München: „Stephan Dillemuth – regulär 10 Euro, ermäßigt 5“, kuratiert von Stephanie Weber, noch bis 9. September 2018.
Tipp: Am 24./25. Mai sind Kinder zwischen acht und zwölf Jahren unter dem Motto „Fantastischer Aufputz“ zu einem zweitägigen Perückenworkshop eingeladen.
Autorin: Doris Losch

Weitere Informationen:
www.lenbachhaus.de

Titelbild: Ausstellungsansicht  Stephan Dillemuth. Regulär 10 Euro. Ermäßigt 5, 2018, Städtische Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau München, Foto: Lenbachhaus © VG Bild-Kunst Bonn, 2018