Heel: Krach macht Herzen krank – Frauen leiden besonders

Bereits auf Geräusche unter 65 Dezibel – wozu z.B. leises Radio, normale Unterhaltungen oder das Geräusch von Flugzeugen in 1500 m Höhe gehören – antwortet der Körper mit Stress.
 

 

Eine von der Epidemiologin Ute Kraus geleitete Studie des Instituts für Epidemiologie des Helmholtz Zentrums München hat ergeben, dass bereits solche relativ „sanften“ Geräusche eine Gefahr für Herz und Kreislauf bergen. Ein weiteres Ergebnis der Münchner Studie, an der 110 Probanden teilgenommen haben: Frauen reagieren stärker auf einen Anstieg des Geräuschpegels. Warum, ist noch nicht geklärt.

Dauerhafter Lärm führt zu psychischen Erkrankungen, Schlaflosigkeit, Depressionen

Bereits eine 2007/2008 in Augsburg durchgeführte Studie beschreibt die negativen Auswirkungen von Lärm, zeige aber auch die, so Ute Kraus, eine sehr variable Lärmbelastung, die stark von persönlichen Aktivitäten der Teilnehmer abhänge. Die höchsten Dezibel-Werte seien beim Fahrradfahren im Straßenverkehr, die niedrigsten zuhause während einer Ruhephase gemessen worden. „Im Bereich unter 65 Dezibel konnten wir einen starken Zusammenhang zwischen Lärmlevel und Veränderungen der Herzfunktion beobachten“.

Nachweislich schädlichen Stress verursacht zweifellos der Straßenverkehr. „Hier sind umweltpolitische Lösungen gefragt, die Maßnahmen zur Lärmminderung stärker vorantreiben“, fordert Ute Kraus.

Doch der Mensch ist nicht grundsätzlich Lärm hilflos ausgesetzt. Und jeder Mensch empfindet dieselben Geräusche unterschiedlich: Bellt der eigene Hund, freut man sich vielleicht über dessen Lebensfreude, bellt die Nachbarstöle, nervt deren Gekläffe. Schlägt man selbst mit dem Schlagbohrer ein Loch in die Wand, ist das zwar nicht angenehm, muss aber nun einmal sein, macht das der Nachbar ist es eine Unverschämtheit.

 

Die Diplompsychologin und Stress-Expertin Bettina C. Engemann sagt, dass man durchaus bis zu einem gewissen Grad den Umgang mit Lärm erlernen könne. „In manchen Fällen lässt sich Lärm umdeuten – wir nennen das ‚reframen‘, das klappt, wenn wir dem Lärm einen Sinn geben, uns klar machen, dass er einen Vorteil für uns hat oder zeitlich begrenzt ist. Ein gutes Beispiel ist der Bohrer des Zahnarztes. Immer wenn gebohrt wird, bringt mich das dem Ende der Behandlung näher. Oder wenn der Nachbar den Rasen mäht, weiß ich: Bald duftet es nach frischem Gras.“

„Die Reaktion auf Lärm hängt von der inneren Bewertung, Haltung und Einstellung ab.“

Als schnell wirksame SOS-Maßnahmen gegen Lärm empfiehlt Bettina C. Engemann etwa: Handy, Fax, Telefon leise stellen, Mailalarm abschalten, sich mit Ohrstöpseln im Großraumbüro schützen, bei lauter Gartenarbeit Kopfhörer aufsetzen, den Raum wechseln, TV und Radio für längere Zeit ausschalten, Partys und Discos meiden, Gespräche mal im Flüstermodus führen. „Fragen Sie sich auch, ob das wirklich Lärm ist oder ob die Geräusche einfach zum Job dazugehören. Konzentrieren Sie sich auf das, was Sie gerade tun und führen Sie ruhig mal Selbstgespräche.“

Lärmgestresste sollten versuchen, so Bettina C. Engemann, ihr Wohn- und Berufsumfeld durch Lärmstopp-Maßnahmen zu verbessern. Dazu gehörten etwa Grünpflanzen auf und um den Schreibtisch herum als Lärmschlucker, das Einrichten von „Denkerzellen“ in Großraumbüros, bodentiefe Vorhänge statt Rollos, Wände mit schallabsorbierender Farbe, Teppichboden statt Laminat. „Achten Sie beim Kauf von Wasch- und Spülmaschinen und Trocknern auf das „Silence“-Siegel.“

Und was ist, wenn sich Lärm nicht abstellen lässt? „Jeder ärgerliche Gedanke darüber ist reine Zeitverschwendung und stresst Sie oft mehr als der Lärm selbst. Leider läuft es immer wieder auf das berühmte ‚Love it, leave it or change it‘ hinaus.“ Im schlechtesten Fall blieben nur Arbeitsplatzwechsel oder Umzug.

Laut Weltgesundheitsorganisation gehen europaweit jährlich 903.000 gesunde Lebensjahre durch lärmbedingte Schlafstörungen und 61.000 Lebensjahre durch koronare Herzkrankheiten verloren. Nicht nur Herz- und Kreislauferkrankungen löst Lärm aus, auch Diabetes mellitus wird inzwischen ständiger Lärmbelastung zugeschrieben. Lärmquelle Nummer eins in Deutschland ist der Straßenverkehr, jeder zweite leidet darunter. Unter Fluglärm leidet jeder fünfte, unter Schienengeratter jeder sechste. Die lauteste Stadt Deutschlands ist übrigens Hannover, am ruhigsten ist es in Münster.

Trotz Auto- und Fluglärm – früher war es auch nicht ruhiger! Im alten Rom ratterten und rumpelten nachts die Bauern aus den umliegenden Gegenden mit ihren mit Lebensmitteln und anderen Gütern beladenen Wägen durch die engen gepflasterten Straßen, an den ‚Insulas“ vorbei, den Mietskasernen, so dass sich der Dichter Iuvenalis (60-127 n. Chr.) in seinen berühmten Satiren darüber sehr beklagte …
Doris Losch

Weitere Informationen:
www.neurexan.de

 

Titelbild: Diese Frau kann das Kissen noch so fest auf die Ohren pressen, nächtlicher Lärm schadet Herz und Kreislauf. Foto: djd/Neurexan/Corbis