Echter Thymian – Arzneipflanze des Jahres 2006


In Deutschland werden von verschiedenen Institutionen und Kuratorien alljährlich die "Pflanzen des Jahres" gewählt. Bei den Arzneipflanzen fiel in diesem Jahr die Wahl auf den Echten Thymian (Thymus vulgaris).

"Das Kraut zählt zu den wertvollsten Pflanzen bei Erkältungskrankheiten", begründete der "Studienkreis Entwicklungsgeschichte der Arzneipflanzenkunde" an der Universität Würzburg seine Entscheidung. Der Studienkreis wählt seit 1999 jährlich eine Pflanze, die in der Medizin eine wichtige Rolle spielt.

Wie sein wildwachsender Verwandter, der Gewöhnliche Thymian oder Quendel, gehört der Echte oder Gartenthymian zu den Lippenblütlern, zu denen auch eine ganze Reihe anderer aromatischer Würzkräuter zählen, wie Basilikum, Bohnenkraut, Lavendel, Majoran, Rosmarin oder Salbei. Der Zwergstrauch zeigt an den verholzten Stängeln kleine, elliptische Blätter und zur Blütezeit von Mai bis Oktober rosafarbene oder violette Blüten.
Die Heimat des Thymian ist der Mittelmeerraum. Schon im alten Ägypten wurde er zum Einbalsamieren der Toten verwendet. Griechen und Römer schrieben ihm stimulierende und mutmachende Wirkung zu und verordneten ihren Kriegern deshalb vor der Schlacht Thymianbäder. Nach Mitteleuropa kam der Thymian durch die kräuterkundigen Benediktinermönche. Auch im christlichen Brauchtum ist der Thymian zu finden, zum Beispiel als Bestandteil der zu Mariä Himmelfahrt geweihten Kräutersträuße, die Haus und Hof schützen sollen.
In der Heilkunde wird er seit der Zeit der griechischen Ärzte Hippokrates und Dioskurides immer wieder erwähnt. Mittelalterliche Kräuterbücher verordnen ihn bei Magen- und Darmverstimmungen, Epilepsie, Husten und für schlecht heilende Wunden. Auch Hildegard von Bingen empfahl ihn als Mittel gegen Atemnot, Asthma und Keuchhusten. Der schwedische Botaniker Lineus erweiterte diesen Katalog dann im 18. Jahrhundert mit der Feststellung “ein probates Mittel gegen Katzenjammer”.
Heute ist Thymian in der pharmazeutischen Industrie Bestandteil vieler Erkältungstees, Hustenmittel, Mund- und Gurgelwässer sowie Salben und Badezusätze bei Erkältungen, Ischias und Rheuma (zum Beispiel Salviathymol zum Gurgeln, Aspecton bei Husten).Wissenschaftler sind heute der Wirkungsweise des Thymians auf der Spur und überzeugt von seiner entspannenden und entkrampfenden Wirkung auf die Atemwege und die Gebärmutter. Thymian wird auch für bekannte Kräuterliköre verwendet, denn sein ätherisches Öl Thymol, das er neben den Gerbstoffen, Flavonoiden und Sapominen enthält, wirkt appetitanregend, krampflösend und verdauungsfördernd auf den Magen, antiseptisch bei Darminfektionen.
Als Hausmittel kann man Thymiantee (ein Teelöffel getrockneter Thymian pro Tasse kochenden Wassers) bei Bronchitis, Erkältungen und Keuchhusten sowie bei Magenverstimmungen, aber auch zum Gurgeln bei Entzündungen von Hals und Zahnfleisch einsetzen. Ein starker Absud ins Badewasser gegeben, wirkt durchblutungsfördernd und desinfizierend. Auch Auflagen aus aufgebrühtem Thymiankraut, auf die Brust gelegt, haben eine krampflösende Wirkung.
Nicht zuletzt ist Thymian ” ob frisch oder getrocknet ” ein wichtiges Gewürz in der Küche nicht nur der Mittelmeerländer. Auch bei uns wird er von Feinschmeckern für viele Gerichte geschätzt. Auf dem Markt kann man mittlerweile verschiedene Thymiansorten kaufen, beispielsweise Zitronenthymian. Auch als Gewürz entfaltet er auf Magen und Darm seine sanften Heilwirkungen, ist verdauungsfördernd, entkrampfend und beruhigend. Er passt nicht nur zu mediterranen Spezialitäten, sondern auch zu vielen typisch deutschen Gerichten aus Lamm, Wild, Geflügel, Hackfleisch, Hülsenfrüchten, Gemüse, Pilzen, gibt auch Pasteten, Marinaden und Kräuteressig sein besonderes würziges Aroma, leicht herb-pikant, bei zu starker Dosierung auch etwas bitter und beißend. Deshalb muss man Thymian vorsichtig dosieren, denn er dominiert leicht über andere Gewürze. Thymian sollte man mitgaren, denn so entfaltet es sein Aroma am besten. Man lässt entweder ganze Zweige mitkochen oder gibt gehackte Blätter des frischen Thymian oder getrocknete, zwischen den Fingern zerrieben, an die Speisen. Ein Teelöffel getrockneter Thymian hat etwa die Würzkraft von drei Teelöffeln gehacktem frischen Kraut. Er harmoniert am besten mit anderen Mittelmeerkräutern wie Rosmarin, Oregano, Salbei oder Basilikum.

Echten Thymian kann man gut im Garten oder im Blumentopf selbst kultivieren, auch als dekorative Pflanze im Steingarten. Der anspruchslose Thymian braucht möglichst kalkhaltigen Boden und viel Sonne; man kann ihn aussäen oder Jungpflanzen kaufen. Thymian gehört zu den Kräutern, die getrocknet kaum an Aroma verlieren. In luftdicht verschlossenen Behältern bewahrt er seine Qualität bis zu einem Jahr.
Dr. I. Bräckle