Suchtgefahren bei Jugendlichen kann man vorbeugen.


Konsum, Mißbrauch und sogar Abhängigkeit vom Alkohol bei Kindern und Jugendlichen nehmen deutlich zu, obwohl in der Gesamtbevölkerung der Pro-Kopf-Verbrauch von Alkohol in den letzten Jahren rückläufig war. Mehr als ein Drittel der Jugendlichen verhält sich außerdem riskant im Sinne von “Rauschtrinken”. Wie eine aktuelle Befragung zeigte, hatten knapp 40 Prozent der jungen Leute in den letzten Monaten ein- oder mehrmals einen Alkoholrausch.

Das Durchschnittsalter für den ersten Alkoholrausch liegt mittlerweile bei 15,5 Jahren. Der Trend zu gezieltem Rauschtrinken , die dabei konsumierten “Alkopops”, also alkoholhaltigen Erfrischungsgetränke, und die alarmierende Zunahme kindlicher Alkoholvergiftungen werden inzwischen überall in unserer Gesellschaft, besonders aber unter Experten, diskutiert. Dies führte bereits 2003 zur Novellierung des Jugendschutzgesetzes und 2004 zur gezielten Besteuerung von Alkopops. Seither ging der Konsum dieser “Einstiegsgetränke” bei den Jugendlichen deutlich zurück.

Das Einstiegsalter für den Alkoholkonsum hat sich in den letzten Jahren entscheidend verringert. Das belegt die sogenannte “Heidelberger Schulstudie”, durchgeführt bei 5.500 Schülerinnen und Schülern der 9. Jahrgangsstufe aller Förder-, Haupt- und Realschulen sowie Gymnasien im Rhein-Neckar-Kreis unter der Leitung von Professor Dr. Franz Resch von der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universität Heidelberg. Mehr als die Hälfte der befragten Jugendlichen trinkt gelegentlich und 1,8 Prozent sogar täglich Alkohol.
Neben dem Alkohol spielt auch das Rauchen eine große Rolle, wie die Heidelberger Befragung ergab. 17 Prozent rauchen täglich. Hier besteht ein Zusammenhang mit den sogenannten weichen Einstiegsdrogen Haschisch und Marihuana. Nach Erkenntnissen von Suchtexperten haben heute bereits bis zu 50 Prozent der Schüler Erfahrungen mit Cannabis und bis zu 10 Prozent sind abhängig. Auch über das Eßverhalten gibt die Heidelberger Studie Auskunft. Knapp die Hälfte aller Mädchen finden sich zu dick, bei den Jungen sind es nur 23 Prozent. Jedes hundertste Mädchen leidet an Magersucht, etwa 15 Prozent haben andere Eßstörungen. Außerdem ergab die Studie, dass rund 11 Prozent der 14-jährigen sich ein bis dreimal im Jahr selbst Verletzungen zufügen. Solche Störungen gehen oft einher mit Depressionen und sozialer Isolation.

Für die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN) waren diese Entwicklungen Anlaß, sich im Rahmen ihrer Jahrestagung Ende 2005 in Berlin eingehend mit dem Risikoverhalten der deutschen Schüler zu beschäftigen und ein Informationsangebot für diese Zielgruppe zu schaffen. Deshalb wurde ein eigener “Schülerkongreß” abgehalten, auf dem etwa 1.000 Berliner Schülerinnen und Schüler
einen Nachmittag lang Vorträge über Suchtgefahren hörten.

“Vorbeugen ist besser als heilen”, dieses Sprichwort gilt ganz besonders für die rechtzeitige Aufklärungsarbeit an Schulen über Suchtgefahren und psychische Erkrankungen. Im Unterricht können Lehrer sehr früh und mit dem nötigen Nachdruck auf die Bedeutung von psychischen Erkrankungen für den Einzelnen und für die Gesellschaft hinweisen. Bei frühzeitiger Diagnose sind auch solche Leiden heute sehr gut behandelbar, mit einer Erfolgsquote von bis zu 80 Prozent.
Dr. Isolde Bräckle