Lektine? Nur keine Panik – meint Verbraucherschützerin Gisela Horlemann vom VSB Bayern


München. –
Das Thema Lektine hat den Kochbuchsektor erreicht. Mehrere Verlage widmen sich diesem Spezialgebiet. Doch was steckt hinter dem Begriff Lektine? Müssen sich ernährungsbewusste Verbraucher wirklich vor bestimmten Nahrungsmittelgruppen in acht nehmen? Wir lassen in diesem Zusammenhang Verbraucherschützerin Gisela Horlemann vom VSB Bayern zu Wort kommen.

Die Brikada-Redaktion wollte es genau wissen und bat Verbraucherschützerin Gisela Horlemann, Leiterin des Fach-Teams Ernährung beim VerbraucherService Bayern im KDFB, München, um eine Einschätzung.

Gisela Horlemann: “Lektine sind in der Ernährungswissenschaft schon lange bekannte Stoffe in pflanzlichen Nahrungs- und Genussmitteln, die der Körper jedoch auch selbst bildet. Es handelt sich dabei um Eiweißkörper (Proteine) mit einem Kohlenhydratanteil. Diese können eine Agglutination (Verklumpung) der roten Blutkörperchen hervorrufen. Deshalb werden sie auch häufig als Agglutinine oder Hämagglutinine bezeichnet und können mengenabhängig und lektinspezifisch zu Schädigungen in der Darmwand führen. Weitere Krankheiten sind wissenschaftlich seriös nicht bestätigt.

Lektinhaltig sind in erster Linie Sojabohnen, Hülsenfrüchte und Weizenkeime sowie in geringen Mengen u.a. auch Tomaten, Himbeeren, Nüsse und Bananen. In ebenso niedrigen Mengen stecken sie in Vollkorn, Zwiebeln und Kartoffeln.

Lektine reagieren unterschiedlich auf Hitzeeinwirkung, deshalb führt das Erhitzen von Hülsenfrüchten zu einer starken Verminderung des Lektingehaltes. Verschiedene Weizenlektine sind hingegen hitzestabil.

Prof. Dr. Bernhard Watzl, Leiter des Institut für Physiologie und Biochemie der Ernährung beim Max Rubner-Institut, zieht folgende Schlussfolgerung: “Der Grund dafür, dass der Mensch trotz regelmäßiger physiologischer Lektinaufnahme keine dadurch bedingten Schädigungen im Darmtrakt aufweist, liegt vermutlich:

  • An den geringen Mengen aufgenommener Lektine.

  • An einer Schutzschicht aus Glykokonjugaten (Kohlenhydrat-Eiweißverbindungen) auf dem Darmepithel.

  • An der großen Darmfläche, die den Lektinen aus der Nahrung gegenübersteht. Dadurch verringert sich die Toxizität der Lektine im Darmtrakt.“

Professor Watzl weist auch darauf hin, dass „für einige Lektine inzwischen auch gesundheitsfördernde Effekte diskutiert werden. (Peumans & van Damme 1996). So könnten Lektine beispielsweise auch die Entstehung von Dickdarmkrebs hemmen, wie aufgrund zellulärer Untersuchungen nachgewiesen werden konnte (Jordinson et al. 1999).”

Es gibt also keinen Grund in Panik zu verfallen – wie es der Titel des Buches [Anm.d.Red. Miriam Schaufler/Walter Drossler: Lektineglauben lässt. Bei einer ausgewogenen Ernährung muss niemand auf Hülsenfrüchte, Tomaten und Vollkorn verzichten oder gar ohne Grund eine mehrwöchige Abstinenz einhalten. Wer jedoch praktische küchentechnische Tipps sucht, kann in diesem Buchsicherlich fündig werden. Gisela Horlemann, Leiterin des Fach Teams Ernährung beim VerbraucherService Bayern im KDFB

 

brikada-Mitarbeiterin Doris Losch stellt das Buch von Miriam Schaufler und Walter Drossler Lektine aus dem Riva Verlag, München, vor.

Miriam Schaufler/Walter Drossler: Lektine

Dieses Buch bietet einen interessanten Denkansatz. Jetzt sollen also Obst, Gemüse, Hülsenfrüchte und Getreide uns krank machen. Eine lektinereiche Ernährung soll sogar Autoimmunkrankheiten fördern.

Das zunächst etwas befremdlich erscheinende Thema wird gut verständlich dargestellt. Gesundheitliche Aspekte und zahlreiche Rezepte für den Küchenalltag ergänzen sich gut, eine Liste lektinehaltiger und lektinefreier Lebensmittel ist ein wertvoller Kompass für alle, die sich nach den Empfehlungen richten wollen.

Über die Autoren: Die Diplom-Ökotrophologin hat im Zweitstudium Psychologie studiert und arbeitet als Ernährungstherapeutin mit eigener Praxis in der Nähe von Salzburg, als Kursleiterin, Referentin und hat mehrere Bücher verfasst. Walter A. Drössler ist Koch und Prüfer für gastgewerbliche Berufe. Er hat als Autor und Ghostwriter viele Bücher verfasst und Gesundheits- und Ernährungsthemen in Radio, TV und in Printmedien dargestellt.

Brikada-Empfehlung: Tja. Ausprobieren und selbst urteilen bzw. denken.
Autorin: Doris Losch


Weitere Informationen:
www.rivaverlag.de