Zum zweihundertsten Geburtstag von Krimiautorin Luise Reinhardt


Am 31. Mai 2007 jährt sich der Geburtstag einer Krimiautorin zum zweihundertsten Mal. Nein, das ist kein Druck- oder Hörfehler. Es ist der zweihundertste Geburtstag einer deutschen Autorin von Kriminalliteratur. Einer sehr erfolgreichen Autorin noch dazu.

Wenn man nicht gerade zu der kleinen – aber wachsenden – Zahl von Menschen gehört, die sich für die Frühzeit des deutschsprachigen Kriminalromans interessiert, wird einem Luise Reinhardt unbekannt sein. Sie wurde am 31. Mai 1807 als Luise Ditfurth in dem von napoleonischen Truppen besetzten Magdeburg in ein bürgerliches Elternhaus geboren. Wenige Wochen darauf, im Juli, setzte sich Luises Namenspatin, Königin Luise von Preußen, bei Napoleon vergeblich für die Rückgabe Magdeburgs ein.

Der Vater Johann Friedrich Karl Ditfurth war Rektor der städtischen Töchterschule, deren Schülerin Luise später wurde. Ihre beiden Brüder, mit denen sie “innig verbunden” war, wie sie schreibt, erhielten eine damals Söhnen vorbehaltene bessere Schulbildung, von der die Schwester aus zweiter Hand profitierte. Ebenso anregend für ihre musische Entwicklung empfand sie “das geistige
Regen und Leben” in ihrem Elternhaus.

Nach einer längeren Verlobungszeit heiratete sie in Stendal den Justizassessor Reinhardt, der später in Magdeburg Stadt- und Kreisgerichtsrat wurde. Luise Reinhardt war Mitte dreißig, als ihr erstes Buch erschien, ein dreihundertseitiger Jugendroman, der mehrere Auflagen erlebte und ins Holländische übersetzt wurde. Sie veröffentlichte von Anfang an unter einem männlichen
Pseudonym. Als Ernst Fritze wurde sie den folgenden Jahren zu einer erfolgreichen und beliebten Schriftstellerin – sie veröffentlichte etwa 45 Bücher, viele davon mehrbändig, einige wurden in andere Sprachen übersetzt.

Den Namen Ernst Fritze hatte sie gewählt (in “neckischer Laune”, wie sie später gestand), um den Verdacht der Autorschaft auf einen jungen Referendar ihres Mannes zu lenken. Friedrich Ernst, von ihr als poetischer Referendar betitelt, schrieb und veröffentlichte plattdeutsche Gedichte.

Durch ihren Mann, mit dem sie eine anregende und glückliche Ehe führte, erhielt sie Einblicke in Kriminalfälle und Gerichtsverfahren. Dass der Gerichtsrat “mit Leib und Seele Kriminalist war und seine Untersuchungen mit großem Glück führte”, wie sie vermerkte, hatte einen erheblichen Einfluss auf ihr Schreiben. Ihre ersten Kriminalerzählungen entstanden. Das Buch “Erinnerungsblätter aus dem Leben eines Criminalisten” erschien 1854. Der geschickt gewählte Titel, das männliche Pseudonym – nicht nur damals hielten viele Leser die Kriminalerzählungen für tatsächliche Memoiren eines Kriminalbeamten. In einer kanadischen Universitätsbibliothek ist das Buch noch heute unter den Biographien von Kriminalisten zu finden. In einer mehrseitigen Einleitung informiert Luise Reinhardt alias Ernst Fritze ihre Leserschaft über den Inhalt des Bandes.
Ursprünglich “beschränkte ich mich lediglich auf die Rechtsfälle, welche ich unmittelbar aus der Praxis eines Criminalbeamten, der mir befreundet war, schöpfen konnte, und darauf gründet sich der Titel des Werkes. Späterhin erweiterte ich den Kreis meiner Bearbeitungen und nahm Prozesse darin auf, welche einem frühern Zeitalter angehörten, jedoch interessant genug waren, um der
Vergessenheit entrissen und neu bearbeitet zu werden.”

Der Leser wird unterrichtet, “daß er keine Erdichtungen zu erwarten hat, sondern actenmäßig verbürgte Tatsachen, denen das Gewand der Novellistik eine gewisse Abrundung verliehen hat, ohne der historischen Genauigkeit des Factums im mindestens Abbruch zu tun”.Weiter heißt es: “Nach den aufmerksamen Beobachtungen erfahrener Psychologen entwickelt sich oft – ja wir müssen behaupten fast immer – der Keim zum Verbrechen in einem einzigen Momente”. Und das Anliegen der Autorin war es weniger die Situationen der eigentlichen Tat zu schildern, sondern den Seelenzustand der Menschen, die sich zu einem Vergehen oder Verbrechen hinreißen ließen.

Drei Jahre später folgte ein neuer Band der “Erinnerungsblätter eines Criminalisten” sowie – im Wechsel mit historischen und anderen Romanen – weitere Kriminalromane und -erzählungen. Einige Titel sind: Dunkle Puncte, Freigesprochen!, Ein geheimnißvoller Tod, Gerechte Strafen, Im Sturm der Eifersucht, Der Major, Der Sohn der Neffen, Der stille Speculant, Ein Stückchen
Papier, Verdächtig! (holländische Übersetzung: Verdacht!), Von Stufe zu Stufe.

Ihre Pseudonymität hielt sie bis zum Tode ihres Mannes 1870 bei. Drei Jahre später, im Alter von 66 Jahren, verlegte Luise Reinhardt ihren Wohnsitz von Magdeburg nach Merseburg, wo Verwandte wohnten und sie schon oft zu Besuch gewesen war. Hier lebte sie zurückgezogen, wie es heißt, aber offensichtlich nicht untätig. An die zehn neue Romane entstanden und wurden veröffentlicht. Luise Reinhardt wurde 71 Jahre alt. Sie starb am 24. Oktober 1878 in Merseburg.

Über die Autorin Gesine Schulz
Gesine Schulz ist Krimi- und Kinderbuchautorin und sammelt vor 1960 erschienene Kriminalliteratur deutschsprachiger Autorinnen.
Geboren in Niedersachsen und aufgewachsen im Ruhrgebiet, lebt sie nach mehr als zehn Jahren im Ausland (Irland, New York, Südamerika) zur Zeit wieder im Ruhrgebiet, wenn sie nicht gerade in ihrem Garten in Irland schreibt oder Unkraut zupft. In ihren Kurzkrimis beschreibt sie die (nicht immer sauberen) Fälle der Privatdetektivin und Putzfrau Karo Rutkowsky, in ihrer Kinderkrimiserie ermittelt die junge Privatdetektivin Billie Pinkernell. Diese Kinderkrimis wird es bald auch auf Türkisch geben.

Die Autorin ist Mitglied bei den Mörderischen Schwestern/Sisters in Crime und im Syndikat.

Weitere Informationen:
www.gesineschulz.com
www.billie-pinkernell.de
www.moerderische-schwestern.eu

(Die Links wurden am 31.05.2007 getestet.)