Cab Artis: Luthers Herr Käthe


„Und kann ichs schicken, dem Teufel zum Trotz, will ich meine Käthe noch zur Ehe nehmen, ehe denn ich sterbe.“ Aufbäumender Lebenswille spricht aus diesen Worten Martin Luthers, die er am 4. Mai 1525 mitten in dem apokalyptischen Wüten des Bauernkrieges schrieb.

Nicht nur dem Teufel zum Trotz, sondern auch seinen Freunden und Gegnern setzte der Reformator wenig später sein Vorhaben um: Am 13. Juni 1525 heiratete er in Wittenberg die entlaufene Nonne und verarmte Adelige Katharina von Bora. Luthers engster Vertrauter, Philipp Melanchthon, war entsetzt und sprach von einer „unglücklichen Tat“. Er lehnte Katharina als zu stolz und eigensinnig ab. Vermutlich waren es aber gerade diese beiden Eigenschaften, die den 42-jährigen Junggesellen Luther überzeugten. Noch drei Jahr zuvor hatte er geschrieben: „Mir graut und ich predige nicht gern vom ehelichen Leben …“

Ein ganzes Bündel an Motiven hatte ihn dann in genau dieses hinein manövriert. „Liebe und Leidenschaft“, waren nach seinen eigenen Aussagen nicht dabei, obwohl man es wegen des großen Altersunterschiedes, die Braut war sechzehn Jahre jünger, hätte vermuten können. Den „Gehorsam gegen Gottes Wort“ nannte er als Hauptgrund, denn er sah in der menschlichen Sexualität ein Gotteswerk, das man am besten im gesegneten Ehestand ausleben solle. Ein anderer, eher handfester Grund war: Er wollte sich mit seinem Vater versöhnen, der dem Sohn den Eintritt ins Erfurter Augustinerkloster nie verziehen hatte. Und dann schließlich Katharina – ihr eigenwilliger Charakter und ihre spezielle Situation.

Katharina war am Karsamstag 1523 zusammen mit elf Leidensgenossinnen dem besonders streng geführten Zisterzienserkloster Nimbschen in der Nähe von Leipzig entflohen. Dorthin waren sie von ihren Familien „entsorgt“ worden, die um jeden Kostgänger weniger froh waren. Die Ideen der Reformation waren zu den jungen Nonnen durchgedrungen und hatten in ihnen den Wunsch nach Freiheit genährt. Eine riskante Flucht im Planwagen zwischen leeren Heringsfässern gelang. Die Frauen und ihre Helfer landeten glücklich in Wittenberg. Drei konnten gleich zu ihren Angehörigen zurückkehren, den übrigen Neun blieb nur die Hoffnung auf einen Ehemann.

Martin Luther, der als indirekter Fluchthelfer beteiligt war, nahm sich dieses Problems an und verteilte die Frauen vorübergehend an die Haushalte von Freunden. Katharina kam unter anderen zum Maler Lucas Cranach d. Ä., von dem die bekanntesten Porträts des späteren Ehepaares Luther stammen. Während ihre Mitschwestern im Laufe der Zeit verheiratet wurden, fand sich für Katharina kein Ehemann. Mit ihren hohen Wangenknochen und den schräg stehenden schmalen Augen war sie keine Schönheit, außerdem stand die adelige Frau völlig mittellos da. Als der Reformator ihr schließlich den Wittenberger Stiftsherrn Caspar Glatz vermitteln wollte, ein eher unattraktiver Kandidat, wegen seines zänkischen und geizigen Wesens, lehnte Katharina stolz ab und tat selbstbewusst ihre Wahl kund: entweder sein Mitstreiter Nikolaus Amsdorf oder Luther selbst. Er nahm den Vorschlag an – verblüfft, wie er später gestand.

Der prosaische Anfang hatte das Potenzial zu einer innigen und lebenslangen Liebe. Ein Jahr nach der Hochzeit bezeichnete sich Martin Luther bereits als glücklichen Ehemann und seine Katharina als „die beste Frau und das geliebteste Weib“. Katharina übernahm sofort das Regiment im „Schwarzen Kloster“ zu Wittenberg, das der Reformator vom sächsischen Kurfürsten zur Hochzeit geschenkt bekommen hatte. Sie hatte ein weites Feld zu beackern. Luther gestand, dass er über ein Jahr lang seine Strohmatte im Schlafzimmer nicht mehr gewechselt und aufgeschüttelt hatte. Außerdem konnte er nicht mit Geld umgehen, sein gutes Einkommen als Theologieprofessor reichte hinten und vorne nicht aus: Luther gab es mit freien Händen an Bettler und Hilfesuchende.

Katharina bemühte sich umgehend, neue Einnahmequellen aufzutun. Sie machte aus dem Mönchsfriedhof einen Kräutergarten, verwandelte das Erdgeschoss in einen Schweinestall, drängte Luther dazu, den angrenzenden Garten samt Bach und Fischteich zu kaufen. Weitere Gärten und Güter kamen hinzu, auf denen Käthe Viehzucht, Obst- und Weinanbau betrieb und Hopfen für das Hausbier kultivierte, das sie so nebenbei auch noch braute. Die Luthers verfügten 1542 über den größten Vieh- und Grundbesitz von Wittenberg.
Katharina führte nicht nur das „Wirtschaftsunternehmen“ Luther, sondern brachte zwischen 1526 und 1534 auch sechs Kinder zur Welt. Zwei der drei Töchter starben noch im Kindesalter – ein schwerer Schicksalsschlag für die Eltern. Zu den eigenen kamen noch elf Kindern, die Martin und Katharina aus der verarmten und verwitweten Verwandtschaft aufnahmen. Außerdem boten sie Knechten, Gästen und Studenten – von einem Professor wurde damals erwartet, dass er eine eigene Burse hatte – Logis, so dass zeitweise 40 Personen täglich am Tisch der Familie saßen.

Katharina meisterte dies alles bravourös, was ihr die Hochachtung ihres Ehemanns einbrachte. In seinen Briefen, intime Dokumente seiner Liebe und seines Humors, redete er sie scherzhaft an mit „lieber Herr Doktor Käthe”, „Predigerin zu Wittenberg” oder „meine herzliebe Hausfrau”.

Luther konnte nicht mehr ohne seine Käthe, die warmherzige und hart kalkulierende Managerin der häuslichen Gemeinschaft im Schwarzen Kloster, in der es weit weniger patriarchalisch zuging, als in der damaligen Zeit üblich.

Eine Liebe, die bis über den Tod hinaus wirken sollte: Luther setzte Käthe in seinem Testament als Alleinerbin und Vormund seiner Kinder ein. Ungewöhnlich für die damalige Zeit und dem sächsischen Landesrecht widersprechend. Als der Reformer am 18. Februar 1546 in Eisleben starb, wurde sein Testament trotz seines Ansehens zunächst nicht anerkannt und erst nach zähen Verhandlungen Katharinas mit dem Kurfürsten Johann Friedrich I. bekam sie die Verantwortung über Kinder und Hofhaltung zurück.

Wie tief Katharina die Nachricht vom Tod ihres Mannes traf, bringt der einzige von ihr erhaltene Brief zum Ausdruck, den sie ihrer Schwägerin Christine am 25. April 1546 schrieb: „Deswegen bin ich wahrhaftig so sehr betrübt, dass ich mein großes Herzeleid keinem Menschen sagen kann … Ich kann weder essen noch trinken. Auch dazu nicht schlafen.“ Katharina von Bora starb sechs Jahre später an den Folgen eines Unfalls.

Luthers Sterbehaus: Andreaskirchplatz 7, 06295 Lutherstadt Eisleben

Weitere Informationen:
sterbehaus@martinluther.de
www.martinluther.de
www.cab-artis.de
(Die Links wurden am 27.01.2013 getestet.)

Bildtext: Katharina von Bora, Lucas Cranach d. Ä. (Werkstatt), 1528. © Stiftung Luthergedenkstätten in Sachsen-Anhalt