cibaria GmbH: Mütter in der Produktion


Vanessa ist in der Backstube groß geworden. Die heute 6-jährige Tochter der allein erziehenden Bäckermeisterin Ute Kaulitz schlief als Baby im Bettchen oberhalb der Backstube, während ihre Mutter in der Nachtschicht Brot und Brötchen produzierte. Von den zwölf Frauen, die tags oder nachts in der cibaria-Backstube arbeiten, sind sechs Mütter.

“Die, die es wirklich tun”, so cibaria-Inhaberin Rike Kappler, “die Mitarbeiterinnen in der Produktion, sind für mich Frauen, die Vorbilder sein können, wenn es um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie geht.” Denn die Bäckermeisterin bietet nicht nur flexible Rahmenbedingungen für ihre Mitarbeiterinnen mit Kindern, sie erlebt täglich, dass Berufstätigkeit für Mütter nicht zwangsläufig Teilzeit bedeuten muss.

Die Bäckergesellin Beate Lilienbecker, die eine vierjährige Tochter hat, arbeitet mit einer vollen Stelle bei cibaria und hat sich als allein erziehende Mutter vor Jahren bewusst für den Beruf der Bäckerin entschieden. “Ich wollte einen Job, in dem ich nachmittags für mein Kind da sein kann.” Und das Modell funktioniert. In den Randzeiten betreut ihre Mutter das Kind, “an wenig Schlaf”, so die 22-Jährige, “habe ich mich gewöhnt.” In “allen anderen Bäckereien der Stadt” hatte sie sich zuvor um eine Ausbildungsstelle beworben und als allein erziehende junge Mutter mit Kind keine Chance.

Zwar sind die Kinder von Nadja Janzen, Lucyna Brzeszka und Heike Ostrowski längst dem Kleinkind-Alter entwachsen, dennoch beweisen auch diese Frauen, dass sich eine Vollzeit-Berufstätigkeit und Mutter-Sein nicht ausschließen. Dass für sie die Frage der Vereinbarkeit nie problematisch gewesen ist, mag auch damit zu tun haben, dass alle drei in sozialistischen Gesellschaften ” in der UdSSR, in Polen und in der DDR ” aufgewachsen sind. Die Konditorin Heike Ostrowski bekam ihr erstes Kind während der Lehre, das zweite sechs Jahre später. Die Ganztagsbetreuung als staatliche Leistung hat sie damals als selbstverständlich erlebt. Dass eine Frau mit kleinen Kindern als Bäckerin arbeitet, noch dazu in der Nachtschicht und Vollzeit, war nie ein Thema. “Die Kinderbetreuung im Osten war wirklich etwas, was man nach der Wende stärker hätte halten sollen.”

Bäckermeisterin Rike Kappler schätzt den Einsatz der Frauen, die als Mitarbeiterinnen und Mütter zeigen, dass sie “Lust auf Leistung und Erfolg haben”. Dass sie nicht nur für ihre wirtschaftliche Selbstständigkeit sorgen und langfristig denken, sondern in der Berufstätigkeit auch das Selbstwertgefühl wächst, erlebt sie oft, wenn Frauen in den Beruf zurückkehren oder als Mütter weiter berufstätig sind: “Die berufstätigen Mütter zeigen, dass sie Hilfe nur als Nothilfe begreifen, dass sie unabhängig sein wollen und auch den Vätern ihrer Kinder Erziehungsarbeit ‚zumuten’.”

Quelle: Interview und Foto: Mädchenhaus Köln e.V.

Weitere Informationen:
www.maedchenhauskoeln.de

(Der Link wurde am 13.10.2006 getestet.)