Haus der Kunst: The Big Sleep – 4. Biennale der Künstler

Bildunterschrift: „Turning 7“ von Veronika Veit entpuppt sich als Faltenrock-Swing plus unbestimmter Form, Thema ist die Neuerfindung einer Frau. Foto: © Veronika Veit

München. – „The Big Sleep“ ist inspiriert vom gleichnamigen Roman des Krimi-Altmeisters Raymond Chandler, wobei „Großer Schlaf“ natürlich gleichzusetzen ist mit dem Tod. Oder vielleicht auch nur mit dem „irrationalen, mehrschichtigen Raum, der sich öffnet, in dem sich die Dinge in fast traumhafter Weise ereignen können“, wie Kuratorin Dr. Cornelia Oßwald Hoffmann in einem Statement schreibt. „Gibt es ein Erwachen aus dem ‚Big Sleep‘ oder ist doch der Traum die realere Welt?“

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Bildunterschrift: Marilyn Minter ist die Schöpferin von „Cuntrol“, eine Fotografie auf Aludibond, welche die zwielichtige Zone zwischen Schlaf und Wachsein aufgreift. Foto: © Marilyn Minter

Diese Frage vermag natürlich auch die neue von Birthe Blauth gestaltete Ausstellung im Haus der Kunst nicht endgültig zu beantworten. Das macht sie so spannend.

Veronika Veits Arbeit verknüpft Skulpturen und Video und stellt die Neu-Erfindung einer Frau dar, die sich in verschiedene Teile aufgliedert und neu zusammensetzt, sich im Rückblick auf ihr bisheriges Leben fragt, was sie hätte anders machen können. In Halbdunkel gehüllte „Einzelteile“, geschaffen aus Epoxidharz, verbinden Abstraktes und Figuratives, Charmantes wie den fröhlich schwingenden Faltenrock und abstrakte Formen, die zeigen, dass es mit der Neu-Zusammensetzung nicht immer klappt.

Bildunterschrift: „Essential is no more visible“ von Magdalena Jetelová verbindet auf spektakuläre Weise die Musik von John Cage mit auf „mirror plates moved by sound waves“ abgebildeten Klangmustern. Foto: © Florian Holzherr

Sinn für das Absurde fordert die Installation „Essential is no more visible“ von Magdalena Jetelová. Hier wird die anspruchsvolle Musik (von Besuchern via Kopfhörer anzuhören) von John Cage umgesetzt auf Membrane in Sonnensegelform. Geräusche der Musik werden in vibrierende metallisch wirkende Formen transformiert. Das hat eine Besucherin bereits dazu angeregt, den Klängen im Liegen (auf dem steinharten Fliesenboden des Hauses) zu lauschen, was nicht ganz unerwarteterweise dazu führte, dass sie von unbedarften Betrachtern als Teil einer – gelungenen! – Installation aufgefasst wurde.

Vera Lossau hat bei Freud nachgeschlagen und “I digged and found the Earth is flat“ kreiert. Es handelt sich um eine nach Original-Details des Überwurfs, der einst die weltberühmte Couch von Sigmund Freud bedeckte, modellierte optisch sehr ansprechende Arbeit aus Tonabgüssen in goldbraunen Erdtönen.

Bildunterschrift: „Trust me“ bezeichnet Susanne Pittroff ihre Interpretation von Abrissbirne und Kabelsalat. Foto: © Florian Holzherr

„Trust me“ heißt die Installation von Susanne Pittroff. Sie überträgt die Form einer Abrissbirne auf einen vielfarbigen Kabelsalat, der wiederum an unsere Gehirnwindungen erinnern soll, die nicht nur im Schlaf oder Traum ähnlich kunterbunt durcheinander geraten können und denen man deshalb nicht immer trauen darf.

Bildunterschrift: Ordentlich eingewickelt ist Teil 1 des Mumien-Duos von Dagmar Pachtner. Foto: © Dagmar Pachtner

Dagmar Pachtners Fotoarbeit „ I und II“ zeigt zwei in Folie gehüllte Menschen (Mann und Frau) und spielt auf Tod und Leben an. Beim Betrachten amüsieren die Kommentare von Besuchern wie „Hoffentlich hat man sie wieder rausgelassen“ oder „Haben die denn Luft bekommen?“.

Die Kommunikation zwischen Kunst, Künstlern und Publikum funktioniert also erfreulicherweise bestens.

Ganz individuelle Wahrnehmungen und kleine Geschichten entstehen beim Aufenthalt im Raum 11 der Ausstellung durch die titelgebende Klang-Komposition „The Big Sleep“ von Tanja Hemm. Duale Klangquellen bewegen buchstäblich die Besucher durch den Raum, es entwickelt sich eine Interaktion, es ergibt sich ein individuelles Spiel mit Wirklichkeit, Einbildung, Phantasie. Es blubbert, gluckst, manches hört sich an wie Tröten von Elefanten (kindliche Gemütern fällt, pardon, Benjamin Blümchen ein), es entspannt sich ein Klangteppich wie im nächtlichen Dschungel oder im Dschungel der Großstadt, bedrohlich, reizvoll, anregend und inspirierend.

Bildunterschrift: Die faszinierende Installation „Hole“ von Laurie Palmer symbolisiert einen Wirbelsturm und besteht aus recyceltem Holz. Wem fällt da nicht die Klimaveränderung ein? Foto: © Florian Holzherr

The Big Sleep wirkt auf Besucher keineswegs schläfrig sondern eher wie ein exzellenter Espresso.

The Big Sleep – 4. Biennale der Künstler, noch bis 8. September 2019 im Westflügel des Haus der Kunst, München. Gastland: USA.

Zusatzausstellung: 70 Jahre Ausstellungen des Künstlerverbundes im Haus der Kunst, unter der Regie von Anny Frydman und Rasso Rottenfußer in Zusammenarbeit mit Dr. Kurt Fendt, Ben Silverman, MIT, Cambridge/USA, noch bis 8. September 2019.

Autorin: Doris Losch

Weitere Informationen:
www.kuenstlerverbund.org