DBS: Para Leichtathletik-EM: Birgit Kober möchte in Berlin ihren Weltrekord verbessern

Frechen. – Birgit Kober ist Deutschlands erfolgreichste aktive Para Leichtathletin. Bei der Heim-Europameisterschaft in Berlin vom 20. bis 26. August greift sie nach Gold und möchte ihren erst kürzlich aufgestellten Weltrekord verbessern. Die Botschaft, die sie mit ihrem Sport verbreitet, ist aber deutlich größer als der Kampf um Titel und Rekorde.

Birgit Kober tritt in den Ring, sie ballt die Faust und schließt die Augen. Was sie sieht, ist ihr vertraut. Die Dachkonstruktion des Münchner Olympiastadions, der Blick aus der heimischen Werner-von-Linde-Halle, in der sie täglich trainiert. Kober ist nun ruhig, sie ist ganz bei sich und voll fokussiert auf den Moment, der folgt, wenn sie die Augen öffnet – ein kräftiger, wuchtiger Stoß, der weit hinter der Zehn-Meter-Linie landet. „Das fühlt sich für mich wie Fliegen an. Wenn ich stoße, merke ich meine Behinderung nicht“, sagt die Athletin des TSV 1860 München und sagt lachend: „Für mich ist das eine richtig schnelle Bewegung, auch wenn das natürlich für andere aufgrund der Behinderung wie Slow Motion aussieht.“

Fünf Mal Europameisterin, vier Mal Weltmeisterin, drei Mal Paralympics-Siegerin: Wenn Kober stößt, gewinnt sie – zumindest bei allen internationalen Wettbewerben seit ihrem WM-Debüt 2011 in Neuseeland. Ihre Gedanken sind dabei immer die gleichen. Um ruhig zu werden, schaltet sie ihre Umwelt ab. Ihr ehemaliger Trainer Joachim Lipske hatte ihr den Rat gegeben. Das hilft.

Meinem Trainer verdanke ich, dass ich wieder laufen kann. Birgit Kober


Sport und Training als Therapie

Bei den deutschen Meisterschaften in Kienbaum stieß Kober erneut vier Zentimeter weiter, ihr eigener Weltrekord in der Startklasse F36 ist nun bei 11,56 Metern, aber Kober hält auch zwölf Meter nicht für unrealistisch, dafür ist ihre eigene Entwicklung zu beeindruckend und ein Beweis dafür, was mit hartem und kontinuierlichen Training machbar ist. 2007 hatte die gebürtige Münchnerin einen Status epilepticus, einen außergewöhnlich lange andauernden epileptischen Anfall. Im Krankenhaus machten die Ärzte einen Fehler, die Medikation war viel zu hoch, Kober muss seither mit einer Ataxie leben und sitzt im Rollstuhl. Nur der Sport und das Training ermöglichten es ihr, wieder zu stehen und kurze Strecken gehen zu können.

Birgit Kober wird oft Kritik oder Verwunderung entgegengebracht, weil sie 2012 in London noch im Sitzen und 2016 in Rio dann im Stehen startete. „Ich sitze seit 2007 im Rollstuhl, 2009 hatte ich meinen ersten Wettkampf. Damals war nicht an Stehen zu denken. Erst fünf Jahre später, also nach London 2012, habe ich meine ersten freien Schritte gemacht“, sagt die 47-Jährige. Als ein Jahr später die Regeländerung kam, dass sich sitzende Werfer vollständig anschnallen müssen, um keine Kraft aus den Beinen nehmen zu können, entschied Kober, das stehende Werfen auszuprobieren.

„Das bedeutete auch, dass ich vermutlich maximal Dritte oder Vierte geworden wäre. Alle haben gesagt, ich sei verrückt, im Sitzen könnte ich alles gewinnen, im Stehen seien die Siegchancen geringer, aber das war mir egal“, erzählt Kober, die ihre persönliche Rehabilitation somit über den möglichen sportlichen Erfolg stellte – ohne zu wissen, was sich daraus entwickeln werden würde.

Kugelstoßtraining mit Knieschonern und Schutzhelm

Ausgestattet mit Knieschonern und Schutzhelm übte sie fast zwei Jahre alleine, im Stehen zu stoßen: „Heute sieht das vielleicht leicht aus, aber ich zähle auch nicht mehr, wie oft ich gestürzt und wieder aufgestanden bin. Wenn man die Schritte dazwischen nicht gesehen hat, versteht man nicht, wie viel harte Arbeit das ist und wie ich mich dafür abstrampeln musste.“ Wie ihre Füße positioniert sind, spürt Kober nicht, doch je stärker und stabiler der Oberkörper wurde, umso weniger schwer fiel es ihr, sich auf den Beinen zu halten. „Das wird ein Wagnis bleiben, nach sechs intensiven Stößen im Wettkampf bin ich fertig, dann ist aus“, erklärt die Münchnerin und fügt hinzu: „Wer einen Videozusammenschnitt von 2009 bis heute sieht, der kann die Entwicklung dank der Stabilität erkennen – aber das ist natürlich keine Heilung. Ich strotze nicht vor Kraft, wie viele meinen, ich bin damit echt am Limit. Und Sprinterin werde ich auch nicht mehr.“

EM-Gold im Visier

Für eine weitere EM-Goldmedaille überlässt sie nichts dem Zufall. Die gegenwärtigen hohen Temperaturen machen ihr nichts aus, aber damit die Kugel durch die Sonneneinstrahlung nicht zu heiß wird, trainiert sie bei „saunaähnlichen Bedingungen wie in Rio“ lieber in der Halle. Um auch für Regen gewappnet zu sein, schüttet sie schon mal Wasser in den Ring, um Stoßen auf nassem Untergrund zu simulieren. Kober beginnt wieder zu schmunzeln und sagt: „Wenn es in Berlin regnet, kann ich es ja nicht ändern, sondern mich nur daran anpassen – wobei ich ja eher der Typ Nieselregen-Werfer bin.“ Als sie mit zwölf Jahren angefangen hatte, Speer zu werfen, erzielte sie bei diesem Wetter immer die besten Weiten, mit 16 Jahren warf sie sogar schon 45 Meter.

In Berlin möchte Kober in erster Linie Spaß haben und einen schönen Wettkampf erleben, den sie auch genießen kann. Rund 20 Freunde, die extra nach Berlin anreisen, unterstützen sie. Ob am Ende ein neuer Weltrekord auf der Anzeigetafel steht, sei zweitrangig und auch von der Hand abhängig. Ein Knochenmarksödem schmerzt, im Mai und Juni war die Hand ruhiggestellt, Kober trainierte nur ihre Beine. Nach der EM wird sie wieder zu den Ärzten müssen.

Wenn der Wettkampf am 24. August um 19 Uhr im Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportpark startet, wird sie das ausblenden. Sie wird die Faust ballen, die Augen schließen und vor dem Stoß an die Dächer des Münchner Olympiastadions denken – so, wie sie das immer tut.
(Quelle: Nico Feißt)

Weitere Informationen:
www.dbs-npc.de

Titelbild (und rechts): Birgit Kober. Ralf Kuckuck / DBS