Deborah Feldman: Überbitten

Zürich. – Freiraum für Mädchen gab es in der Gemeinschaft der Satmarer Juden in Williamsburg keine. Allein bei ihrer geliebten Großmutter, die den Holocaust überlebt hat, findet Deborah Geborgenheit. Mit 17 wird das junge Mädchen in eine arrangierte Ehe gezwängt, bekommt einen Sohn.

Mit 23 gelingt es ihr sich buchstäblich zu befreien. Sie nimmt ein Literaturstudium auf, kämpft mit bitterer Armut – sie ist so bettelarm, dass sie sich für Geld zu einer Eispende entschließt mit schlimmen gesundheitlichen Folgen. Doch sie hat ein Löwenherz und überwindet viele Hürden und vor allem die Stimmen aus der Vergangenheit, der Vergangenheit ihrer Vorfahren. Nach der Veröffentlichung ihres ersten Bestsellers (Unorthodox) begibt sie sich auf Reisen, zunächst in den USA, dann in Europa, denn in diesem Kontinent hat ihre Familie ihren Ursprung. Ihre Großmutter stammt aus Ungarn. Sie trifft auf alltäglich schlummernden Antisemitismus, auf Nazis, auf Ablehnung.

Viele Wunden reißen auf, eigene Wunden und die Wunden ihrer Vorfahren. Das Buch ist ein Beispiel dafür, wie seelische Verletzungen Generationen überdauern und Nachgeborene belasten können. Aber Deborah Feldman ist eine unglaublich starke Frau, die Stärke wächst ihr zu, je mehr Widerstände es in ihr bzw. in den äußeren Umständen gibt.

Ausgerechnet in Deutschland findet sie ihre neue Heimat und schlägt Wurzeln. Deutsch wird ihre neue Muttersprache, wie sie in einem Interview betont. Sie wird Deutsche. Möglich macht dies das „Überbitten“.

Der Begriff ‚Iberbetn‘ war in unserer Gemeinschaft so geprägt, dass er zu einem allgemeinen Ausdruck für unwahrscheinliche Gemeinschaft wurde“.

Brikada-Empfehlung: Deborah Feldman ist ein Vorbild für alle Frauen, die ein selbstbestimmtes freies Leben führen und vermeintlich zementierte Umstände überwinden wollen. Sehr spannend zu lesen.

Über die Autorin: Deborah Feldman, geboren 1986 in New York, ist in der ultraorthodoxen Gemeinde der Satmarer Juden in Williamsburg aufgewachsen. Ihre Eltern haben sich kurz nach ihrer Geburt getrennt. Sie wuchs bei ihren Großeltern auf. Ihre Muttersprache ist Jiddisch. Am Sarah Lawrecne College hat sie Literatur studiert. Bereits ihre erste autobiographische Erzählung „Unorthodox“ wurde auf Anhieb ein Bestseller. Ebenso großen Erfolg verzeichnet das vorliegende „Überbitten“. Heute lebt Deborah Feldman mit ihrem Sohn Isaac in Berlin.
Autorin: Doris Losch

Deborah Feldman: Überbitten, gebunden ohne Schutzumschlag, mit Lesebändchen, 704 Seiten, Euro 28.00, ISBN 978 3 906910 00 0, erschienen im Secession Verlag für Literatur, Zürich.

Weitere Informationen:
www.secession-verlag.com