Warum ausgerechnet eine Sonderausstellung mit der Thematik „Richard Löwenherz König – Ritter – Gefangener“? Ist das denn heutzutage überhaupt ein bedeutsames Thema? Diese Fragen mag sich hier manch einer stellen. Doch Dr. Alexander Schubert, Leitender Direktor und Geschäftsführer vom Historischen Museum der Pfalz Speyer, und sein Team geben schlüssige Antworten. Und zwar so überzeugend und nachvollziehbar, dass die rhetorische Zusatzfrage „Warum erst jetzt eine Ausstellung rund um Richard Löwenherz?“ unweigerlich folgt. Ab Sonntag, 17. September 2017 kann sich dann jeder auf Spurensuche begeben und auch eigene Antworten finden. Zeit dazu haben die Besucher bis zum Ende der Ausstellung am 15. April 2018.

 

 

Bis heute ist der Name Richard Löwenherz mit der legendenhaft verklärten Vorstellung vom idealen Ritter und tatkräftigen König verknüpft. Wie kommt es zu diesem Mythos? Was zeichnet die Figur Löwenherz aus, dass sie seit Jahrhunderten als Projektionsfläche für Ritterlichkeit und Wagemut dient? Im Mittelpunkt dieser Schau steht Richards Lebensgeschichte, seine Herkunft, sein Aufstieg und sein tiefer Fall auf dem Höhepunkt der Macht.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Ausstellungsrundgang endet mit einem Blick auf die Verschiebung der Machtverhältnisse in England und Europa nach seinem Tod. Die spannendste Frage aber ist, wie es Richard gelang – trotz seiner mit zehn Jahren vergleichsweise kurzen Herrschaftszeit, von der er nur sechs Monate in England verbrachte – zu einer der berühmtesten Persönlichkeiten des gesamten Mittelalters aufzusteigen. Sein Name reiht sich mühelos in die Liste bekannter Größen ein wie Karl dem Großen, Walther von der Vogelweide, Friedrich Barbarossa oder Hildegard von Bingen.

In der Geschichtswissenschaft galt Richard Löwenherz lange als „schlechter König“, der sein Reich vernachlässigte, ihm enorme finanzielle Belastungen auferlegte und seine persönliche Ruhmsucht über die Interessen des Reiches stellte. Im öffentlichen Bewusstsein konnte sich diese Interpretation seiner Lebensgeschichte aber nie durchsetzen. Schon in jungen Jahren arbeitete Richard an seiner eigenen Glorifizierung. Er umgab sich mit zahlreichen Troubadouren, die seine ritterlichen Tugenden und den bedingungslosen Einsatz im Kampf besangen. So erhielt er schon zu Lebzeiten den berühmten Beinamen „Löwenherz“ und wurde in einem Atemzug mit dem mythischen König Artus genannt. Nicht zuletzt ermöglichte seine lange Abwesenheit während des Dritten Kreuzzuges und der anschließenden Gefangenschaft die Stilisierung Richards zum idealen König, ganz im Gegensatz zu seinem präsenten Bruder Johann Ohneland. In späterer Zeit verbanden sich Legenden wie die Sage von Blondel, der singend seinen gefangenen Herren sucht, sowie die Geschichten um Robin Hood mit seinem Namen und sorgten für die Tradierung des Mythos in Literatur, Film und Musik bis in die heutige Zeit.

Als Ausstellungsort kann Speyer direkt an die Geschichte des berühmten Königs anknüpfen. Hier war es, wo Richard als Gefangener des Stauferkaisers Heinrich VI. am 22. März 1193 in einer Art Schauprozess mit einer langen Liste an Vorwürfen konfrontiert wurde. Über ein Jahr verbrachte der englische Herrscher in Gefangenschaft – auf der Reichsburg Trifels, in der Kaiserpfalz im heute elsässischen Hagenau sowie in Speyer, Worms und Mainz, den bedeutenden Städten am Oberrhein.

Für seine Freilassung wurde ein Lösegeld von nie dagewesenem Ausmaß verlangt: 100.000 Mark, was 23 Tonnen reinem Silber entspracht. An Weihnachten im Jahr 1193 war Richard erneut in Speyer. In diesem Winter verfasste er sein Lied „Ja nus hons pris“, in dem er beklagt, dass er so lange auf die Aufbringung des Lösegeldes warten muss. Seine Mutter, Eleonore von Aquitanien, gelang es schließlich, die Summe beizuschaffen, sie entsprach fast dem dreifachen Jahreshaushalt des englischen Königreichs.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Über 150 Exponate aus Museen und Bibliotheken in Deutschland, Österreich, England, Frankreich, Dänemark, den Niederlanden und der Schweiz sind in der Ausstellung zu sehen. Darunter kostbarste Handschriften, die erstmals in Deutschland gezeigt werden, Reliquiare, beeindruckende Skulpturen und Waffen. So gehören zu den besonderen Schätzen dieser Ausstellung eine frühe Ausgabe der Magna Carta, die ursprünglich von Richards Bruder Johann Ohneland erlassen wurde, das vergoldete und mit Edelsteinen besetzte Kreuz Heinrichs des Löwen, historische Abgüsse der Grabmäler von Richard Löwenherz, Heinrich II. und Eleonore von Aquitanien aus der Abtei von Fontevraud und der sogenannte „Kopenhagen-Psalter“, der zur Erziehung junger Adliger an einem europäischen Fürstenhof angefertigt wurde. Eigens für die Ausstellung angefertigte Animationen zeichnen Richards Reisewege durch Europa nach und bieten einen lebendigen Einblick in die Welt des Mittelalters.

Die Ausstellung steht unter der Schirmherrschaft der Ministerpräsidentin des Landes Rheinland-Pfalz, Malu Dreyer. Das rheinland-pfälzische Ministerium für Wissenschaft, Weiterbildung und Kultur hat der Ausstellung den Ehrentitel einer „Landesausstellung Rheinland-Pfalz“ verliehen.

Die Eingangsfragen „Warum ausgerechnet eine Sonderausstellung mit der Thematik „Richard Löwenherz König – Ritter – Gefangener“? Ist das denn heutzutage überhaupt ein wichtiges Thema?“ beantworten Dr. Alexander Schubert und Kuratorin Sabine Kaufmann zusätzlich bei den brikada-Video-Sequenzen auf facebook. (Quelle: Historisches Museum der Pfalz Speyer) bk

Zur Landesausstellung Rheinland Pfalz erschien ein prachtvoller Katalog „Richard Löwenherz König – Ritter – Gefangener“. Das bemerkenswerte Zitat von Steven Runciman zum Ende de 416-seitigen Werks umreißt den Charakter Richard Löwenherz prägnant und treffend: „Ein schlecher Sohn, ein schlechter Ehemann und ein schlechter König, aber ein edelmütiger und großartiger Krieger.“

Richard Löwenherz König – Ritter – Gefangener, Herausgeber: Alexander Schubert, Hardcover (fadengeh. Pappband), 416 Seiten, 387 farbige und 7 s/w Illustrationen, 978 3 7954 3165-5, erhältlich im Museumsshop zum Vorzugspreis von 24,90 Euro, ersch. 13.09.2017 im Verlag Schnell&Steiner, www.schnell-und-steiner.de

 

 

 

Weitere Informationen www.loewenherz-ausstellung.de www.museum.speyer.de www.facebook.com/pg/brikada/videos/?ref=page_internal

Titelbild: Gestaltung: Lisa-Marie Malek für das Historische Museum der Pfalz Speyer, Foto: Dennis Gilbert; das Team zur Landesausstellung „Richard Löwenherz König – Ritter – Gefangener“? Sowie eine Besucherin, die Exponate bewundert

 

Ein Beitrag aus seiner Zeit.

Dieser Text wird als Teil des Brikada-Archivs bewahrt und nicht mehr aktualisiert. Termine, Angebote und externe Verweise können inzwischen überholt sein.