Die Bekanntschaftsanzeige


Der Gutschein hätte auch für die Rubriken Kfz, Immobilien und Arbeitsmarkt gegolten. Das kam aber alles nicht in Frage für die seit einigen Jahren durchaus nicht unglücklich verwitwete Frau Müller-Meisenfeld.

Tatsächlich antworteten etliche Herren. „Hätte ich gar nicht gedacht“, sagt die flotte Jung-Seniorin. Etliche Herren werden sofort aussortiert. Sie nähern sich alle stramm ihrem 80. Geburtstag und das ist ja wohl die Höhe! Die suchen vermutlich eine preiswerte Pflegerin – was andererseits verständlich ist, zieht man unser Gesundheitssystem in Betracht. Für eine solche Rolle fühlt sich Frau Müller-Meisenfeld aber noch noch viel zu jung. Schließlich nähert sie sich erst der 60 (wenn auch von der falschen Seite).

Übrig bleiben die Herren A bis E. Herr A hat drei Fotos von sich mitgeschickt, eines von 2005, eines von 2010, eines von 2012. Die Fotos gleich eine Galerie des Grauens zu nennen, wäre unfair. Aber sie veranschaulichen, wie der Zahn der Zeit an einem Menschen nagt und nagt und nagt. Außerdem trägt der Herr eine fette Goldkette, vermutlich um von der Glatze abzulenken. Ab auf den Stapel für den Reißwolf.

Herr B schildert wortreich was er in seinen verbleibenden Jahren noch so alles vor hat und das ist einiges: eine Partei gründen, einen Roman schreiben, die golden blitzenden Wogen der Wellen vor den Azoren bewundern, den Flugschein machen – ja, um Gottes Willen! Wie alt ist denn der Mann? 20? Außerdem neigt er zur ayurvedisch-vegetarischen Ernährung. Damit hat er sich’s endgültig verscherzt. Frau Müller-Meisenfeld ist nämlich berühmt für ihren Schweinsbraten. Ab in den Shredder mit dem Mann.

Herr C, immerhin 75 Lenze zählend, wünscht sich eine „jugendliche, hübsche, attraktive Partnerin“ – er hat ein Bild beigelegt. Wieso glaubt er, das Recht auf eine attraktive und vor allem jugendliche Partnerin zu haben? Heißt er vielleicht Berlusconi? Vielleicht besitzt er ja Vermögen. Leider scheint dieses nicht für eine neue Druckerpatrone auszureichen. Der Brief ist bleich im Schriftbild. Ab auf den Shredderstapel.

Herr D. beherrscht die moderne Technik besser und hat blaue Wölkchen mitten in den Text gedruckt. Auf denen möchte er mit seiner neuen Freundin schweben. Pech gehabt, mein Guter, Höhenangst! Und zack, ab in den Reißwolf.

Herr E. nun setzt als einziger Kandidat die Kommata richtig. Immerhin. Es kommt zu einem Treffen. Wie dieses verläuft, lassen wir beiseite. Nur soviel: Frau Müller-Meisenfeld mixt sich erst mal einen Caipi, als sie daheim ankommt. Als ihr Reinhold sel. von seiner Anrichte aus nun auch noch spöttisch zu ihr herübergrinst, klappt sie den Bilderrahmen zusammen und packt ihn in die Schublade. Sie schaltet einen Verkaufssender ein: Ja! Da ist der wunderschöne Brillantring, in den sie sich auf Anhieb verliebt hat! Sie mixt sich noch einen Caipi, ruft an und ordert den Ring.

Als er einige Tage später an ihrem Ringfinger blitzt, weiß sie: Diamonds are a girls best friend! Männer sind höchstens … Zirkonia.
Doris Losch