Das „Kompliment“


„Ja, Frau Müller, Sie sind heute ja wieder fesch beieinander“ oder „Mensch, Gisela, dein Lachen perlt so leicht wie schon lange nicht“ oder „Herr Meier, Sie sehen soo gut erholt aus, gell, Sie waren auf Sylt!“.

Solches hebt die Laune, auch wenn es in Wahrheit heißen sollte: „Frau Müller, meine Güte, wie sind Sie wieder aufgebrezelt!“ bzw. „Gisela, dein Lachen klingt wieder derart zickig…“ bzw. „Herr Meier, Ihr Bierbauch ist auch schon wieder dicker geworden …“

Soziologen behaupten, jeder Mensch würde Dutzende Male täglich lügen, nicht aus Bösartigkeit, sondern weil das Leben auf diese Weise angenehmer ist und die Mitmenschen friedlicher.

Nun gibt es seltene Fälle, in denen sich eine kleine Gemeinheit zu einem tollen Kompliment wandelt. Hier ein aktuelles Beispiel.

Betritt eine reifere Dame die S-Bahn, in der eine Gruppe grüner Jünglinge auf den Sitzen lümmelt und es sich mit Cola und Chips so richtig gut gehen lässt. „Hey, män,“ sagt einer und feixt, „macht doch mal Platz für die ältere Dame“. Woraufhin ein dünner Knabe im zarten Alter von 14 oder 15 seine langen Haxen anzieht, sich erhebt und fragt: „Wollen Sie sich setzen?“ Die Dame reagiert etwas pikiert, weil sie sich überhaupt nicht als ältere Dame fühlt: „Danke, so alt bin ich noch nicht“ und geht im Wagen weiter nach vorne. Hahaha, hihihi, tönt es aus der Knabengruppe, einer äfft die Dame nach „So alt bin ich noch nicht!!“ Einstimmiges Gelächter. Und jetzt kommt’s: „Dabei geht die auf die 50 zu!“

Also, das geht der Dame runter wie Öl – sie geht nämlich nicht auf die 50 zu, sondern auf die 60 – und das von der falschen Seite. Und jetzt lächelt sie und ist so richtig gut gelaunt. Ach, die Jugend von heute ist doch wirklich nicht so schlecht wie es immer heißt. Sie macht sogar einwandfreie Komplimente und wird es so im Leben noch richtig weit bringen.
Doris Losch