Alice Frommholz: Unpolitischer Brief an einen Politiker


Ja, belauscht – denn aus all den Zeitungsbildern hat mich gerade Ihr Bild eingefangen, nachdenklich gestimmt. Man hätte dieses Bild "Einsamkeit" betiteln sollen, einsam nach turbulenten Sitzungen eines internationalen Sicherheitsausschusses.

Sie kehrten all diesen Aufregungen den Rücken und saßen in sich gekehrt in einem bequemen Sessel vor einer breiten Fensterfront. Man sah die helle Sonne, man spürte die Wärme, die Geborgenheit dieses kleinen Eckchens inmitten oder vielmehr außerhalb der heftigen Dispute über Krieg und Frieden.

Sie hatten einen Zipfel Ihres eigenen inneren Friedens erhascht. Aber dieser Friede war trügerisch – vielmehr, das Bild strahlte zwar dieses Gefühl aus, doch ließ es mich zweifeln. Ich ahnte in der Tiefe etwas anderes. Und so habe ich Sie als einen von der Welt verlassenen Menschen empfunden.

Das machte Sie mir liebenswert und stimmte mich nachdenklich. Wie recht hatte ich mit meiner Ahnung. Denn ein paar Tage später schrieben die Zeitungen, daß Sie von einer Krankheit befallen seien, die wohl heilbar wäre, doch grausam Ihr Inneres zerstören könne, wenn die Ärzte auch mit den modernsten Mitteln in der Medizin nichts ausrichten würden.

Ich bin nur ein winziges Rad im großen Getriebe der Welt, gehöre weder Ihrer Nation an noch habe ich ein Wort mitzureden. Ich bin nur eine Mutter, die darauf bedacht ist, den Frieden für ihre Kinder zu erhoffen. So lehne ich mich gegen des Krieg auf, weil er Leben zerstört, das immer wieder die Mütter aller Erdteile der Welt schenken.

Ich wünsche mir für alle Kinder der Welt, daß Sie der Mann sind, der für alle Mütter dieser Kinder eintritt. Vielleicht hat Sie der Himmel ausersehen, durch diese Krankheit Einsicht für die Umwelt zu ge­winnen. Vielleicht sucht der Himmel sich besondere Sendboten aus, um sie für die Welt einzusetzen.

Ihre politisches Pläne liegen vor mir verkapselt. Aber ich möchte Ihnen nur als eine der unzähligen Mütter wünschen, daß Ihre innere Einsamkeit Sie verläßt und Sie somit über sich hinauswachsen -zum Wohle der Welt.

Alice Frommholz

Alice Frommholz (1910 – 1962)
Sie war Mitarbeiterin verschiedener Tageszeitungen in Berlin und Hannover, darunter auch bei der "Hannoverschen Presse". In ihren gefühlvollen Feuilletons, Betrachtungen und Gedichten zeigte sie ihr bemerkenswertes Talent und sensibles Gespür, kleinen Dingen des Alltags eine besondere Bedeutung zu geben.

Hintergrund:
Feuilleton – ein Blick ins Lexikon verrät, dass es sich hier bei diesem Genre "um den kulturellen Teil in einer gedruckten oder Internetzeitung" handelt und damit im Gegensatz zum politischen, wirtschaftlichen, lokalen oder Sportteil steht. Feuilleton umfasst Berichte und Nachrichten aus dem Kultur- und Geistesleben: angefangen von Kritiken in Hörfunk, Fernsehen oder Theater und reicht bis hin zu Buchbesprechungen und Glossen, zu Abhandlungen und Reflexionen über zeitgenössisches Leben. Aber auch Gedichte, Aphorismen, Sentenzen oder erzählerische Fortsetzungsromane werden unter dem begrifflichen Dach "Feuilleton" geführt.

Im engeren Sinne versteht sich das Feuilleton als geistreich pointierte Betrachtung, die zur Nachdenklichkeit anregt. Der Autor reflektiert scharfsinnig, emotional, witzig, ironisch oder amüsant, über oftmals alltägliche Begebenheiten, die durch diese besondere Wahrnehmung bedeutsam erscheinen.

brikada will das "Feuilleton im engeren Sinne" neu beleben und veröffentlicht in lockerer Folge Beiträge von Schriftstellerinnen, Lyrikerinnen und Buch-Autorinnen. bk
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