Alice Frommholz: Der kleine Nassauer


Ist es nicht herrlich – so frank und frei – ran wie Blücher- zu gehen? Ich liebe Gradlinigkeiten – ich hasse alle Schörkeleien. Frech ist noch lange nicht unhöflich, frech ist noch lange nicht unverschämt. Frech ist herzerfrischend – frech, ja frech bedeutet, sich das vom Leben zu nehmen, was doch nur verkümmern würde.

Saß ich doch neulich in einem kleinen Kaffeegarten – rings um mich klapperten gemütlich Tassen, Teller und Löffel. Freundliches Stimmengewirre – die Nachmittagssonne blinzelte heiter durch die grünen Bäume. Mit einem Wort – es war urgemütlich. Neben mir stand ein verlassener Tisch. Auf ihm ruhten noch zwei gebrauchte Kaffeetassen und Kuchenteller. Die Kaffeetassen schienen bis auf den Grund leer, auch die Kuchenteller waren kahlgeputzt – sie wiesen nur ein paar Kuchenkrümel auf. Nur? Genug, um einen kleinen frechen Spatzen aus seinem grünen Versteck hervor zu locken und sich auf die Krümel unbekümmert stürzen zu lassen.

Den Spatzen störte die menschliche Umgebung absolut nicht – ihm war es ganz egal, dass er weder Kuchenmarken noch Kleingeld bei sich trug, um seine Zeche zu begleichen. Er dachte sich – so ein verlockendes Angebot muss restlos genossen werden. Ihm schmeckten die leckeren Kuchenkrümel – er kümmerte sich um keine Menschenseele. Er konzentrierte sich ganz auf das, was sich ihm so leicht bot. Er hüpfte von einem Kuchenteller zurn anderen – er lieferte saubere Aufräumungsarbeit.

Er hatte den Sinn der heutigen Einstellung glatt erfasst – nichts umkommen zu lassen. Alles andere war ihm gleich. Es wurde ja auch keiner geschädigt – diese Kuchenkrümel wären ja ohnedem nur elendig im Abwaschwasser ertrunken. Und so hatte der kleine Frechdachs von Spatz in seiner unbekümmerten Frechheit eine gute Tat vollbracht – nicht nur sich gegenüber, also seinem Spatzenmagen – sondern der guten Gabe Gottes – den Kuchenkrümeln.