Alice Frommholz: Das wiedergefundene Lächeln


Ich hob ihn auf, weder aus Neugier noch aus Höflichkeit, nur so aus einer Laune heraus. Es schien ein Reklamebilderbogen einer Lotterie zu sein. Darauf waren Köpfe von Filmschauspielern aus verschiedenen Ländern abgebildet. Darunter ein lächelnder Lockenkopf ” die in Deutschland wohl größtenteils bekannte Schauspielerin M.v.K.

So achtlos hingeworfen, auf einem schäbigen Fußboden, das Bild eines lächelnden, blonden Lockenkopfes, der nicht mehr lächeln kann, der so ein tragisches Ende bei einem Autounglück fand.

Den Lockenkopf traf ich einmal vor Jahren im Omnibus. Wir fuhren zusammen den Kurfürstendamm in Berlin entlang. Wir saßen uns gegenüber. Ich kannte “sie”, so wie man eben die Film- und Theaterleute kennt, und sie hatte mich ja bestimmt noch nicht gesehen. Und doch lächelte sie mir freundlich zu. Ich vergaß es nicht, das Lächeln war so treuherzig, so lebensfroh. Vielleicht ahnte ich damals, dass dieses Lächeln so früh und grausam enden musste und prägte es mir ein, damit es mich noch einmal erfreuen sollte, wenn es schon nicht mehr sein würde.

In der Fremde, zufällig vom Fußboden las ich es es mir auf ” ein kleiner Gruß, eine winzige Erinnerung, das Lächeln im Omnibus ” das nur mir ganz allein galt.

Alice Frommholz (1910 ” 1962)
Sie war Mitarbeiterin verschiedener Tageszeitungen in Berlin und Hannover, darunter auch bei der "Hannoverschen Presse". In ihren gefühlvollen Feuilletons, Betrachtungen und Gedichten zeigte sie ihr bemerkenswertes Talent und sensibles Gespür, kleinen Dingen des Alltags eine besondere Bedeutung zu geben.