Karin Schneider-Ferber: „Philippine Welser – Ich wollte ihr wieder etwas mehr Gerechtigkeit verschaffen!“

 

 

 

Was hat Sie bewogen, über Philippine Welser eine Biografie zu schreiben?

Frauen stehen gerne im Schatten der Geschichte. Von den berühmten Augsburger Handelshäusern der Fugger und Welser sind vor allem die männlichen Vertreter präsent: Jakob Fugger oder Bartholomäus Welser haben ihren festen Stammplatz in den Geschichtsbüchern gefunden – von den Fugger- und Welserfrauen ist dagegen sehr wenig bekannt und in Erinnerung geblieben. Bei Philippine Welser ist es etwas anders. Durch ihre  außergewöhnliche Liebesheirat ist sie zwar populär geblieben – was ihr eine eigene Straßenbezeichnung in der Augsburger Innenstadt eingebracht hat – aber in allzu starker Überzeichnung durch romantische Anekdoten und Legenden und häufig reduziert auf das Bild der „Frau an seiner Seite“. Ich wollte ihr wieder etwas mehr Gerechtigkeit verschaffen, ihre Person von der Legendenbildung entkleiden und auf die historisch gesicherte Quellenlage zurückführen. Was durch die zugegebenermaßen spärlichen Quellen durchscheint, ist immer noch genug, um das Bild einer klug zurückhaltenden, warmherzigen und eigene Interessen pflegende Frau zu zeichnen, die gegen viele (Standes-)Vorurteile kämpfen musste und ihre Aufgabe letztlich mit Bravour gemeistert hat.

Philippine Welser – gibt es im heutigen europäischen Hochadel (teilweise) Parallelen?

Mit nichtstandesgemäßen Heiraten hat sich der Hochadel bis ins 20. Jahrhundert hinein schwer getan. Edward VIII. musste noch 1936 auf den englischen Thron verzichten, um seine große Liebe Wallis Simpson heiraten zu können. Und auch der schwedische König Carl Gustav hätte 1976 die bürgerliche Silvia Sommerlath nicht ohne Thronverzicht heiraten können, wenn er zu diesem Zeitpunkt noch Kronprinz gewesen wäre. Die Diskussion, ob ein bürgerlicher Partner in ein regierendes Herrscherhaus einheiraten darf, ist bis heute nicht gänzlich abgeebbt. Philippine Welser war im 16. Jahrhundert eine der ersten Frauen, die diesen Schritt gewagt haben. Sie gibt sozusagen den „Prototyp“ aller nichtstandesgemäßen Ehepartner ab. Und sie hat gezeigt, wie es erfolgreich laufen kann: Kluge Zurückhaltung im politischen Bereich, keine Fehler auf dem Ständeparkett, eigenständiges Profil durch karitatives Engagement, Popularität durch charmantes Auftreten auch gegenüber Rangniedrigeren.

 

Von gesunder Ernährung hat man damals wohl nichts gehalten. Üppig, rund und füllig waren die Körperideale. Könnten Sie die Zutaten eines Rezeptes aus Philippines Kochbuch benennen oder einige exotische Speisen aufführen?

Immer wieder wurde von späteren Autoren Philippines außergewöhnliche Schönheit gerühmt, doch unseren heutigen Schönheitsidealen dürfte sie kaum entsprochen haben. Die Renaissance liebte fette, süße, kalorienreiche und fleischhaltige Kost. Man darf sich die Welserin also durchaus als füllige Dame mit Übergröße vorstellen. In ihrem für sie von der Mutter angelegten Kochbuch findet sich eine Vielzahl an Mehlspeisen, Schmalzgebackenem, Sahnetorten und Pasteten. Für ihr gerühmtes „Maien-Mus“ verwendeten die Welserdamen z.B. acht Eier, 400 Gramm Mandeln, einen knappen Liter Sahne, Rosenwasser, Butterschmalz und jede Menge Zucker. Beliebt waren auch Rezepte mit Marzipan oder gewagten Gewürzkombinationen aus Zimt, Pfeffer, Ingwer, Nelken. Doch das Essen erfüllte in dieser Zeit nicht allein den Zweck der Nahrungsaufnahme, sondern war fester Bestandteil der Repräsentationspflicht. Eine üppige Tafel mit vielen Gängen zeigte den Reichtum des Hausherrn an. Insofern kam Philippine mit ihrer Schlemmerküche nur ihren Standespflichten nach und erwies sich somit als gute Gastgeberin. Ihre Gäste auf Schloss Ambras in Tirol zeigten sich jedenfalls stets hochzufrieden mit ihrer Rolle als vollendeter „Gourmetküchen-Chefin“.

Bildunterschrift (o.): Karin Schneider-Ferber vor Schloss Ambras in Tirol

Fazit der Biografie?

Philippine Welser steht für einen recht eigenwilligen Lebensentwurf. Sie begnügte sich nicht mit einem Leben als Mätresse, sondern legte Wert auf eine rechtmäßige Ehe jenseits der damals üblichen gesellschaftlichen Konvention. Dabei durchbrach sie ein Tabu. Dass sie am Ende ihres Lebens als geachtete und bei Adel wie einfachem Volk beliebte Persönlichkeit starb, bleibt ihre ganz individuelle Leistung. Das mag uns heute vielleicht etwas gering erscheinen, aber keine gröberen Fehler auf dem glatten Ständeparkett gemacht zu haben, kann eine Kunst sein, die der Anerkennung wert ist – für eine Frau aus dem Kaufmannsstand des 16. Jahrhunderts allemal. Den eigenen Weg gehen und sich selbst dabei treu bleiben, ist vermutlich die Quintessenz, die man aus Philippines Biografie schöpfen kann.
Die Fragen stellte Brigitte Karch

 

Titelbild: Karin Schneider-Ferber vor einem Gemälde mit Philippine Welser