Tatjana Erschow, Leiterin der Tolstoi-Bibliothek München: „Wir versuchen, Nichtrussen die reiche russische Kultur nahezubringen.“

 

 

 

 

Die Tolstoi-Bibliothek ist die größte Bibliothek mit russischer Literatur außerhalb Russlands. Mehr als 46.000 Bände klassischer und zeitgenössischer Literatur füllen die deckenhohen Regale, die Buchrücken in warmen Braun- und edlen Goldtönen mit den dekorativen kyrillischen Buchstaben sind einfach schön. Besucher entschleunigen.

Tatjana Erschow arbeitet seit 31 Jahren für die Bibliothek, seit 15 Jahren als Geschäftsführerin. Liebe zu Literatur liegt ihr, der Deutsch-Russin, im Blut: „Ein Russe ist nicht vorstellbar ohne Buch“, stellt sie fest.

 

Bildunterschrift (o.): Gepflegt und gemütlich zugleich: der Lesesalon der Bibliothek. Foto: Volker Derlath/Tolstoi-Bibliothek

Russen verlassen ihre Heimat auch nicht ohne Buch. Emigranten, die nach dem Zweiten Weltkrieg via Deutschland in die USA auswanderten, legten das wertvolle Fundament der Bibliothek. Sie verkauften ihre geretteten Bücher an die 1949 gegründete Bibliothek. Deren Ursprünge gehen zurück auf die 1939 von Alexandra Tolstoi, der ältesten Tochter von Leo Tolstoi, gegründete humanitäre Hilfsorganisation Tolstoy-Foundation. (Eine im selben Haus untergebrachte Russische Sozialberatungsstelle hilft in dieser Tradition in München lebenden Russen bei Arbeitssuche, Papierkram, Rentenfragen etc.)

Die meist sehr wertvollen Werke der Weltliteratur – in der alten Sowjetunion wurden die bedeutendsten Werke der Weltliteratur bis hin zu chinesischer und japanischer Provenienz ins Russische übersetzt und verlegt – werden kontinuierlich durch Erbschaften, und Ankäufe von Neuerscheinungen aufgestockt. Eine wichtige Rolle spielt die außerhalb Russlands verlegte Emigrationsliteratur.
 

 

Bildunterschrift (o.):Jazz und Literatur passen bekanntlich bestens zusammen wie hier am Jazz-Abend im April dieses Jahres. Foto: Tolstoi-Bibliothek

 Tatjana Erschow ist in München geboren. Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Russe. „Wenn man aus zwei Kulturen kommt und in einer aufwächst, ist es sehr wichtig, dass die andere Kultur auch vertreten ist, sonst fehlt einem ein Stück von sich selber. Heute heißt das bi-kultureller Ansatz.“

„Was wir tun, ist sehr sinnvoll. Wir helfen, die kulturelle Identität des Herkunftslandes, Sprache und Kultur zu bewahren und weiterzugeben.“

Läuft Literatur im 21. Jahrhundert nicht Gefahr, nur mehr als leicht zugängliche, oftmals oberflächliche Quelle im Internet quasi zu verkommen? „Nein. Gerade bei jungen Leuten erlebe ich sogar eine rückläufige Tendenz. Sie möchten das Buch wieder sehen und in Händen halten. Dafür haben wir viele 80-jährige, die gerne am PC lesen.“

Erschows persönlicher klassischer Lieblingsautor ist Fjodor Dostojewski. „Er fordert Leser schon heraus, ist ein fantastischer Psychologe, führt einem die Abgründe der menschlichen Seele vor Augen. Einen ebenbürtigen Autor sehe ist in unserer Zeit leider nicht.“

Es gibt nur wenige bedeutende aktuelle Neuerwerbungen der Bibliothek. 2015 zählt dazu z.B. die Trilogie „Der russische Kanarienvogel“ von Dina Rubina. Am Bestand wird ständig weitergearbeitet. So wurden u.a. Puschkins gesammelte Werke und einzelne Romane von Heinrich Mann ersetzt und das Archiv der Emigrationsliteratur ausgebaut.

 

 

Bildunterschrift (o.): Kinder machen sich auf spielerische Weise mit Kultur und Sprache Russlands vertraut. Foto: Tolstoi-Bibliothek

Der Auftrag kultureller Bildung umfasst u.a. Sprachkurse, Konzerte, Vorträge, Ausstellungen Kino, Kinder- und Seniorennachmittage. Einmal monatlich lädt die Bibliothek zu einem offenen Handarbeitstreff ein. An der alljährlichen „Langen Nacht der Museen“ beteiligt sich die Einrichtung ebenfalls. „Wir versuchen, Nichtrussen die reiche russische Kultur nahezubringen.“ Die kulturellen Beziehungen zwischen Russland und Deutschland reichten bekanntlich weit in die Vergangenheit zurück, betont Tatjana Erschow.
Doris Losch

Weitere Informationen:
www.tolstoi-bibliothek.de

Titelbild: Tatjana Erschow, Geschäftsführerin der Münchner Tolstoi-Bibliothek, liegt die Leidenschaft für russische Literatur im Blut. Foto: Tolstoi-Bibliothek