LWL-Experten entwickeln Präventionsprojekt FreD gegen Crystal Meth-Konsum

 

 

 

 

Crystal Meth ist eine hochgefährliche Leistungsdroge. Was als "Pervitin" oder "Panzerschokolade" schon im Zweiten Weltkrieg Soldaten aufputschte, greift in Deutschland aktuell von Südosten her illegal um sich. Gestresste Schüler, Studenten und Berufstätige riskieren Drogenkarrieren. "FreD-ATS" will helfen gegenzusteuern. Die "Frühintervention für erstauffällige Drogenkonsumenten (Amphetamin-Typ-Stimulanzien)" soll frisch ertappte Crystal Meth-Konsumenten vor der Abwärtsspirale aus Kriminalisierung und Gesundheitsgefahren bewahren. Warum die Droge so gefährlich ist und wie FreD-ATS helfen kann, erklärt Doris Sarrazin, Leiterin der Koordinationsstelle Sucht beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL). Weil die LWL-Suchtexperten mit einem ähnlichen FreD-Projekt seit rund 15 Jahren gute Präventionserfolge bei erstmalig erwischten Kiffern erzielten, hat das Bundesgesundheitsministerium sie mit der Konzeptentwicklung für FreD-ATS beauftragt.

Crystal Meth wird häufig als die gefährlichste Droge der Welt bezeichnet. Warum?
Das hat verschiedene Gründe. Zum einen ist die Herstellung extrem einfach. Dadurch ist auch der Preis sehr niedrig. Gleichzeitig haben schon kleine Mengen eine extreme Wirkung. Deshalb spricht Crystal Meth eine sehr breit gefächerte Konsumentenschicht an – vom Handwerker bis hin zum Akademiker.

Warum greift ein Mensch, der mit beiden Beinen im Leben zu stehen scheint, gerade nach kristallinem Methamphetamin?
Crystal Meth ist eine Leistungsdroge. Der Konsum macht wach und euphorisch. Man hat kaum Hunger und kann zum Teil tagelang ohne Schlaf bleiben. Viele Menschen greifen darauf zurück, um steigenden Druck und hohe Anforderungen in Schule, Studium oder Beruf besser zu bewältigen oder in der Freizeit leistungsfähiger zu sein. Häufig sind es gerade diejenigen, die besonders hohe Ansprüche an sich stellen.

Und die Folgen?
Die sind vielfältig. Crystal Meth schädigt das Nervensystem und greift das Herz-Kreislauf-System an bis zu einem höheren Infarktrisiko. Nach der Euphorie folgt häufig totale Erschöpfung. Trotzdem können die Konsumenten nicht einschlafen, werden schneller aggressiv oder auch depressiv. Auch Wahrnehmungsstörungen können hervorgerufen werden. Unkalkulierbar sind die Risiken durch Beimischungen.

Wie kann FreD-ATS diesen Menschen helfen?
Bei FreD handelt es sich um ein Frühinterventionsangebot, das jungen, in der Schule, bei der Polizei oder sonstwo aufgefallenen Konsumenten helfen soll, gar nicht erst in eine Abhängigkeit und in die Drogenszene abzugleiten. Es geht dabei um Hilfe zur Selbsthilfe, nicht um Strafe. Wir möchten junge Menschen dazu motivieren, ihr Konsumverhalten möglichst frühzeitig zu reflektieren und auf ihre Lebensziele zu schauen. Dazu besuchen sie einen auf zwei bis vier Tage verteilten achtstündigen Kursus – das kostet die Teilnehmer nicht viel Zeit. Viele überdenken und reduzieren danach ihren Drogenkonsum. FreD kann also frühzeitig eingreifen und junge Menschen vor schlimmeren Folgen ihres Drogenkonsums wie Strafen oder Schwierigkeiten am Arbeitsplatz bewahren. Wir arbeiten stets eng mit Strafverfolgungsbehörden zusammen, auch diese Instanzen wollen zunächst mal helfen. Bislang haben wir hauptsächlich Cannabis-Konsumenten erreicht. Im Rahmen des Projekts wird das Programm, mit dem wir seit 15 Jahren Erfahrungen haben, für Amphetamin-Konsumenten angepasst.

Ist ein eigenes Programm für Crystal-Meth-Konsumenten überhaupt nötig?
Auf jeden Fall. Die Konsumentenzahlen steigen seit Jahren drastisch an. 2009 registrierte die Polizei bundesweit noch knapp 300 Menschen, die erstmals Crystal bei sich hatten. 2013 waren es mehr als 2.700. Da die Droge hauptsächlich in Tschechien hergestellt wird, ist die Zahl der Meth-Konsumenten in den grenznahen Gegenden wie Thüringen, Sachsen und Nordbayern besonders hoch. Mittlerweile beobachten wir aber auch ein Übergreifen auf andere Regionen.

Welche Erfolge hat FreD denn bislang erzielt?
FreD wurde im Jahr 2000 als Bundesmodellprojekt vom LWL gemeinsam mit Praxiseinrichtungen entwickelt. 15 Jahre später gibt es deutschlandweit rund 120 Standorte und 230 zertifizierte Trainer für die beschriebenen Kursusangebote. FreD ist inzwischen auch in 15 europäischen Ländern implementiert. Evaluationen zeigen, dass ca. 50 Prozent der FreD-Teilnehmer ihren Konsum aufgegeben und 36 Prozent ihn reduziert haben. Dies wollen wir nun auch für Meth-Konsumenten nutzen.

Hintergrund
Zur Geschichte von Crystal Meth:
Nicht zuletzt die US-Erfolgsserie "Breaking Bad" hat Crystal Meth einer größeren Öffentlichkeit bekannt gemacht. Dabei gibt es die Droge selbst als "Pervitin" schon seit Jahrzehnten: Im Zweiten Weltkrieg nahmen Soldaten Methamphetamin, um ihre Leistungsfähigkeit zu steigern und gleichzeitig die Angst zu bekämpfen. Während die Männer an der Front diese "Panzerschokolade" aßen, gab es Zuhause "Hausfrauenschokolade" – mit Pervitin versetzte Pralinen für gestresste Hausfrauen. Nach der Analyse seiner Gesundheitsakten vermuten einige Wissenschaftler mittlerweile, dass auch Adolf Hitler pervitinabhängig war.

Gesichter der Meth-Sucht:
Die psychischen Nebenwirkungen von Crystal Meth sind extrem. Ins Auge springt jedoch vor allem der körperliche Verfall der abhängigen Menschen: Exzessive Meth-Konsumenten klagen häufig über starken Juckreiz. Häufig zerkratzen sie sich deshalb ihr gesamtes Gesicht. Zähne werden fleckig, verfaulen und fallen schließlich ganz aus.
(Quelle: LWL)

Weitere Informationen:
www.lwl.org
 

Titelbild: Doris Sarrazin. Foto: LWL