Dr. Elisabeth Dühr: „Nero ist als Persönlichkeit hochinteressant“

 

 

 

 

Frau Dr. Dühr, was begeistert Sie als Direktorin des Stadtmuseums Simeonstift besonders an der Person Kaiser Neros?

Nero ist ein ausgezeichnetes Beispiel für die Beständigkeit von Klischees über Jahrhunderte hinweg, auch in der Bildenden Kunst. Erst seit wenigen Jahrzehnten zeigen sich erste Risse in dieser Kulturgeschichte des schlechten Rufes. Davon abgesehen ist Nero als Persönlichkeit hochinteressant, die sich den Konventionen ihrer Zeit entzogen hat: Sei es durch die Verweigerung einer Zuordnung zu Geschlechterrollen oder durch die Verwirklichung politischer und künstlerischer Visionen, die dem Zeitgeist entgegenstanden.

 

Unter dem Titel „Lust und Verbrechen. Der Mythos Nero in der Kunst“ präsentiert Ihr Museum einen der drei Schwerpunkte der großen Sonderausstellung „Nero – Kaiser, Künstler und Tyrann“, die ab 14. Mai 2016 in Trier ihre Pforten öffnet. Welche zentralen Aussagen werden den Besuchern in diesem Teil der Ausstellung vermittelt?

Unsere Ausstellung unternimmt erstmals eine Bestandsaufnahme der langen und ungebrochenen künstlerischen Rezeption der Figur Nero – mit Exponaten vom Mittelalter bis in die Gegenwart. Diese Tradition zeigt dabei beispielhaft die Folgen einer einseitigen, unkritischen Übernahme von Geschichtsquellen. Neben den antiken Quellen waren es vor allem die christliche Legendenbildungen des Mittelalters, die bis heute unsere Vorstellung von Nero prägen. Dieses Klischee funktioniert bis in die Gegenwart, so spielen etwa Karikaturen noch heute mit dem Bild „Fiedeln, während Rom brennt.

Warum sorgen schon diese 4 Worte „Nero – Kaiser, Künstler und Tyrann“ für ein faszinierendes Ausstellungsthema?

Diese Worte beschreiben die Widersprüche und Spannungen der Figur Nero, deren Faszinationskraft bis auf den heutigen Tag nicht nachgelassen hat. Es kommt nicht von ungefähr, dass Nero in fast allen künstlerischen Sparten bearbeitet wurde, von der Bildenden Kunst über die Literatur bis hin zu Oper und Schauspiel. Vor allem aber haben die populären Hollywood-Filme des 20. Jahrhunderts Nero weltweit im kollektiven Gedächtnis verankert, etwa in der berühmten Verfilmung von Quo Vadis? mit Peter Ustinov.

Es ist sicher eine große Freude, in den berühmten Museen Europas nach passenden Exponaten für die Ausstellung zu suchen. Was überraschte Sie bisher bei Ihrer Objektauswahl?

Die wunderbaren Bestände der Theatermuseen: Renommierte Sammlungen wie die der Mailänder Scala, des Theatermuseums St. Petersburg oder der Comédie Française bereichern die Ausstellung mit hochkarätigen Leihgaben – etwa von Kasimir Malewitsch und Eugène Delacroix.

 

Ein zentrales Exponat Ihrer Ausstellung ist das Porträt des berühmten französischen Schauspielers Talma in der Rolle des Nero. Was hat Sie veranlasst, dieses Kunstwerk auszuwählen?

Das Werk zeigt den Schauspieler François Joseph Talma in seiner Rolle als Nero in „Britannicus“ von Jean Racine. Dieses herausragende Gemälde aus einer Blütezeit der französischen Nero-Rezeption ist auf mehreren Ebenen interessant: Zum einen zeigt es die Konstanz in der bildlichen Darstellung Neros über Jahrhunderte hinweg. Darüber hinaus ist es ein zentrales Exponat in unserer Station zum Nachleben Neros auf der Bühne, in der die zahlreichen Theater-, Opern- und Ballettinszenierungen der vergangenen 200 Jahre beleuchtet werden.

Sie wurden im vergangenen Jahr vom „Institut Grand-Ducal du Luxembourg“ zum Ehrenmitglied ernannt, als besondere Anerkennung Ihrer Ausstellungspolitik unter Berücksichtigung der europäischen Nachbarschaft. Welche Bedeutung messen Sie vor diesem Hintergrund der Nero-Ausstellung bei?

 

Zunächst war Trier zur Zeit Neros Teil des römischen Reiches, das zahlreiche der heutigen europäischen Nationalstaaten in sich vereinte. Die Erinnerung an Nero ist daher eine gemeinsame europäische, die über Staatsgrenzen hinweg lebendig ist. Die Leihgaben unserer Ausstellung finden aus bedeutenden europäischen Sammlungen 2016 ihren Weg nach Trier. Wir hoffen, mit diesem europaweit populären Thema auch zahlreiche Gäste zu einer Reise nach Trier zu ermuntern.

Über die Stadt: Trier ist als „das Zentrum der Antike“ weltbekannt. Vor 30 Jahren verlieh die UNESCO der Stadt wegen ihrer herausragenden römischen Baudenkmäler den Titel UNESCO-Welterbe. Heute wird die einst größte römische Metropole nördlich der Alpen jedes Jahr von Millionen Kulturreisenden besucht. In der antiken Kaiserresidenz ist die Römerzeit so authentisch erlebbar wie an keinem anderen Ort in Deutschland.

Vom 14. Mai bis 16. Oktober 2016 wird Trier zum Schauplatz einer der bedeutenden Sonderausstellungen Europas. Unter dem Titel „Nero – Kaiser, Künstler und Tyrann“ werfen das Rheinische Landesmuseum Trier, das Museum am Dom und das Stadtmuseum Simeonstift ein völlig neues Licht auf einen der berühmtesten Kaiser der Antike: NERO.

Kunstwerke von Weltrang verwandeln Trier in eine „Schatzkammer auf Zeit“. Wertvolle Leihgaben führender Museen Europas locken Kulturreisende aus der ganzen Welt zu einem Besuch an die Mosel.
(Quelle: © 01-2016 by CAB-Artis)

Weitere Informationen:
www.nero-ausstellung.de
www.museum-trier.de
www.cab-artis.de

 

 

Titelbild: Dr. Elisabeth Dühr, Direktorin des Stadtmuseums Simeonstift