Birgit Stanzel: „Hilfe zur Selbsthilfe“ im Kosovo


Ihre Aufgabe war es dabei insbesondere, durch Wiederaufbau- und Nothilfeprogramme und Initiativen für Aus- und Fortbildung zur Verbesserung der Lebensbedingungen von Menschen der so genannten Drittländer “ vor allem von Frauen und Jugendlichen “ beizutragen.

Nach ihrem Pädagogik-, Biologie- und Fremdsprachenstudium sammelte die Frankfurterin zunächst erste Erfahrungen in Indien sowie bei einem berufsspezifischen Fortbildungsprogramm der Carl-Duisberg-Gesellschaft in Mexiko und arbeitete danach mehr als zehn Jahre in Mexiko für CIM/GTZ (Centrum für internationale Migration und Entwicklung der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit GmbH), vorwiegend in den städtischen Randgebieten von Mexiko-Stadt zusammen mit einheimischen Organisationen an der Verbesserung der technischen und sozialen Infrastruktur.

Basierend auf diesen Erfahrungen, folgte die Arbeit an einem Wiederaufbau- Programm in El Salvador nach einem großen Erdbeben. Weitere Stationen ihres Berufslebens waren Honduras, Ekuador und später bis 2005 Venezuela, wo sie sehr selbst bestimmt arbeitete, zum Beispiel Programme zur Aus- und Fortbildung der einheimischen MitarbeiterInnen planen, durchführen und weiterentwickeln konnte. Insgesamt gesehen also eine überaus interessante und verantwortungsvolle Tätigkeit, verbunden mit einem wachsenden Aufgabenbereich.

Gegenwärtig ist Birgit Stanzel in Südosteuropa tätig. Als Leiterin des GTZ-Koordinierungsbüros in Pristina/Kosovo kann sie ihre breit gestreuten Fachkenntnisse, ihre Management- und Sachkompetenz und ihre Durchsetzungs- und Führungsfähigkeiten nun im Sinne der entwicklungspolitischen Ziele der Bundesregierung in verantwortlicher Position einsetzen.

Über ihre vielschichtigen sozialpolitischen Aufgaben und ihr Leben in den unterschiedlichsten Ländern hat „brikada“ mit Frau Stanzel gesprochen.

Worin sehen Sie bei Ihrer gegenwärtigen Arbeit die wichtigsten Aufgaben?
Ich konzentriere mich zurzeit auf Aufgaben, die ein friedliches Zusammenleben zwischen unterschiedlichen ethnischen Bevölkerungsgruppen ermöglichen. Dazu gehören Projekte gegen Gewalt oder zur Bearbeitung von Konflikten, sowie Projekte zur Stärkung des demokratischen Grundverständnisses der vorzugsweise jungen Bevölkerung in einigen Ländern Ex-Jugoslawiens.

Können Sie sich bei Ihrer Arbeit auch auf bestehende oder neu gegründete nationale Jugendinitiativen stützen, die vom Staat oder den Kommunen finanziert werden?
Im Jugendbereich sind vor allem die privaten oder nichtstaatlichen Organisationen aktiv. Dazu gehören ebenso internationale Organisationen, die mit Jugendhäusern zusammenarbeiten oder aber Organisationen, die einen Jugendaustausch fördern. Mit diesen Organisationen arbeiten wir gerne zusammen und koordinieren uns. Jugendhäuser gibt es in allen größeren Städten im Kosovo, deren Finanzierung allerdings mittelfristig ein Problem sein wird, wenn nicht gesetzlich festgeschrieben wird, wer diese Einrichtungen zu finanzieren hat.

Welche Probleme schätzen Sie bei den Jugendlichen als besonders schwerwiegend ein: hohe Arbeitslosigkeit, Frustration, Zukunftsangst?
Nach meiner Erfahrung streben die Jugendlichen vor allem eine dauerhafte Beschäftigung an; momentan trifft die Arbeitslosigkeit überwiegend junge Menschen. Damit stellt der Mangel an Arbeitsplätzen das größte Problem für Jugendliche dar. Die Situation, dass die wenigen Arbeitsplätze für Berufsanfänger fast unerreichbar sind und dies von der Regierung nicht ernst genommen wird, führt zu Ärger und Verdrossenheit. Hinzu kommen die gesamten politischen Rahmenbedingungen; das heißt die Frage, ob der Kosovo nun als ein unabhängiges Land anerkannt wird oder nicht, erhöht bei den Jugendlichen Unsicherheit, Zukunftsangst und Widerstand.

Was geschieht zum Beispiel zur Förderung von Jugendlichen aus ethnischen Minderheiten, Jugendliche mit Behinderungen oder solchen aus ländlichen Gebieten?
Es gibt vom nationalen Jugendministerium speziell Programme zur Förderung von Jugendlichen, die zu sozial schwachen Gruppen gehören, die Lernschwierigkeiten oder physische Behinderungen haben. Es sind spezielle Lernprogramme, durch die eine soziale Integration dieser Heranwachsenden sichergestellt werden soll. Oder aber es sind kleine Projekte, durch die diue Allgemeinheit auf die besonderen Schwierigkeiten der Benachteiligten aufmerksam gemacht werden. So organisieren verschiedene Elterngruppen jährlich eine Olympiade für behinderte Kinder. Es gibt viele Initiativen aus dem Kultur- und Sportbereich, um diese Gruppe von Kindern und Jugendlichen aktiv werden zu lassen. Diese Arbeit unterstützen wir gerne.

Diese Unterstützung von Projekten und Aktivitäten wird sicher dankbar angenommen. Sehen Sie insgesamt seit der Aufnahme Ihrer Tätigkeit im Kosovo Fortschritte in Bildung und Demokratieverständnis der jungen Leute und somit „Licht am Ende des Tunnels“ Ihrer Arbeit?
Das ist richtig. Was in der Vergangenheit geleistet wurde, wird sehr dankbar aufgenommen, doch die Veränderungen im Bildungsbereich brauchen Zeit. Dazu brauchen wir Geduld und müssen akzeptieren, dass wir weiterhin für diesen Prozess mitverantwortlich sind. Längerfristig müssen vor allem die staatlichen Strukturen so stabil und aktiv werden, dass sie auf die vielfältigen sozialen Fragen des Landes Antworten finden.

Serbisch und vor allem Albanisch sind für Deutsche schwierige Sprachen. Wie meistern Sie diese sprachliche Barriere?
Ehrlich gesagt, sind es tatsächlich Sprachen, für deren Erwerb einige Zeit aufzubringen wäre. So viel Zeit habe ich leider nicht, das ist bedauerlich. Somit bin ich darauf angewiesen mit Übersetzern zu arbeiten. Das ist sicher keine ideale Konstellation, doch ausreichend. Hinzu kommt, wir sind für einen begrenzten Zeitraum in den Ländern tätig, anders wäre es gar nicht leistbar.

Natürlich liegt nun die Frage nahe: Wie lebt und arbeitet man als Frau in Gesellschaften, bei denen wir im westlichen Europa davon ausgehen, dass „die Männer das Sagen haben“?
Die Frage ist berechtigt. Dabei gilt es zu berücksichtigen, dass insbesondere ältere, berufserfahrene Frauen in Ländern mit anderem kulturellen Umfeld auch einen anderen sozialen Status haben. Hier herrscht das Senioritätsprinzip, mehr als in den meisten Gesellschaften Westeuropas.

Waren Sie selbst öfters Gefahren ausgesetzt, zum Beispiel in Ländern mit hoher Kriminalität, häufigen Entführungen oder Kriegshandlungen?
Sicher ist man immer wieder solchen Gefahren ausgesetzt. Wichtig ist dabei aber, sich erst nicht blind und unsicher in potenziell gefährliche Situationen zu begeben. Dies kann man/frau lernen: wie soll ich mich verhalten, welche Maßnahmen kann ich im Vorfeld treffen usw., damit ich mich (und andere) nicht gefährde. Ich bin überzeugt, dass dieses Verhaltenstraining für unsere Arbeit ein Muss geworden ist.

Zum Schluss eine persönliche Frage: Wie verbringen Sie Ihre Freizeit? Haben
Sie besondere Hobbys oder Liebhabereien?

Meine Freizeit verbringe ich dort, wo ich gerade bin, genieße Landschaft und Leute, sammle Musik und beschäftige mich mit Flora und Fauna…und bewege mich, soweit es geht, in der „frischen Luft“. Frische Luft ist häufig ein Luxus geworden, leider.

Das Interview führte Isolde Bräckle©