Gisela und Sarah Weintritt:
Ein harmonisches Mutter-Tochter-Gespann


Beide, bemerkenswerte Persönlichkeiten, pflegen seit jeher einen liebevoll-klugen Umgang mit einander – ihre Gemeinsamkeiten, aber auch ihre unterschiedlichen Ansichten und Urteile, schätzt bzw. respektiert die jeweils andere oder lässt sich sanft korrigieren.

Gisela Weintritt, geboren in Wolfenbüttel, ist Sängerin an der Staatsoper in Hamburg. Sie studierte nach dem Abitur Musik, im Hauptfach Gesang, an der Musikhochschule Berlin (heute: UdK Berlin-West). Tochter Sarah Weintritt, gebürtige Bielefelderin, studiert seit dem Abitur Musik mit dem Hauptfach Viola an der Musikhochschule in Lübeck.
Im Gespräch mit brikada kommen der Humor, die positive Lebenseinstellung, aber auch das Kämpferische beider hoch sensiblen Künstlerinnen immer wieder zum Vorschein. Die zu unterschiedlichen Zeitpunkten geführten Gespräche mit Mutter und Tochter und die darin unabhängig von einander fast wörtlich gleichlautenden Antworten beweisen, wie innig und vertrauensvoll der Umgang zwischen Mutter und Tochter ist.

Fragen an Gisela Weintritt:

Was hat Sie dazu gebracht, Ihren derzeitigen Beruf "Opernsängerin" zu wählen?
Ich habe immer schon gerne und viel gesungen, in der Schule in diversen Chören, in Kirchenchören , in der Familie. Zunächst habe ich aber Geige gespielt und wollte Geigerin werden, und habe dann erst auf Anraten meines Geigenlehrers mit Gesangsstunden angefangen. Und ehrlich gesagt: als ich dachte, mich zwischen beiden Richtungen entscheiden zu müssen, habe ich mich aus Faulheit für den Gesang entschieden, da ich damals der Ansicht war, dafür nicht so viel üben zu müssen, als für die Geige.

Lieben Sie Ihren Beruf? Welches waren bisher Ihre größten Bühnenerfolge?
Oh ja! Ich liebe meinen Beruf noch immer, und kann auch nach all den vielen Jahren im Theater oft gar nicht verstehen, wieso ich mit etwas, was für mich fast nur Spaß ist, auch noch meinen Lebensunterhalt verdienen kann! Meine größten Erfolge hatte ich allerdings in der Vergangenheit, als ich noch Solistin am Bielefelder Stadttheater war. Da sang ich den Oktavian im "Rosenkavalier" – eine echte Traumrolle!

Welches sind Ihre Lieblingskomponisten?
Meine Lieblingskomponisten sind Richard Strauss in der Oper und bei Sinfonischer Musik Schubert, Schumann, Brahms, also die Romantiker .

Welche Werke liegen Ihnen überhaupt nicht?
Da wüsste ich gar keine. Ich probiere gerne jede Musik aus und versuche etwas Interessantes an ihr zu finden. Und in der Regel findet man dann auch immer etwas.

Wie würden Sie die derzeitige Opernmusikszene schildern – vielleicht an einem aktuellen Beispiel?
Die jungen Regisseure vertrauen vielleicht heute allzu oft nicht mehr auf die Kraft der Musik und die Wahrheit des vorhandenen Opernstoffes und versuchen mit allen Mitteln, auch sehr verqueren, einen Opernstoff, von dem sie meinen, dass das heutige Publikum keinen direkten Zugang mehr hat, zu aktualisieren. Aber dies bleibt dann häufig nur eine oberflächliche Aktualität. Die Idee, die Aussage des ursprünglichen Stoffes, wird so allzu oft schlicht übertüncht, nicht erkannt, bzw. unkenntlich gemacht. Das ist unbefriedigend, und das Publikum spürt ganz deutlich, dass da etwas nicht stimmt, auch wenn es dann vielleicht nicht genau weiß, was und warum. Aktuelle Beispiele sind hier in Hamburg leider auch im Spielplan: "Nabucco" ist so eines, und von der gleichen Regisseurin auch jetzt "Cesar.." von Händel. Oder auch "Trovatore", "Macht des Schicksals", "Boheme"….aber ich will jetzt nicht unser potenzielles Publikum vergraulen. Man muss sich immer zunächst die Inszenierungen selber angucken, um sich ein Urteil zu bilden!

Welche Rollen möchten Sie noch singen?
Eine Traumrolle bleibt noch, auch wenn ich nun, aus dem Chorberuf heraus, wohl nicht mehr dazu kommen werde: die Mrs. Peachum aus der "Dreigroschenoper". Alle anderen Frauenrollen in diesem Stück habe ich im Laufe meiner Berufsjahre in verschiedenen Inszenierungen und
Projekten (Oper/Schauspiel) gesungen , diese aber noch nicht. Und bei dieser Figur spielt das Alter auch keine Rolle, ich kann also noch warten…..

Würden Sie gerne mal selbst Regie führen?
Manchmal denke ich ja, das könnte ich auch, aber andrerseits ist der Regieberuf auch so vielfältig, es geht ja nicht nur darum, ein Konzept für eine Regie zu entwickeln und dann die Leute dazu zu bringen, von A nach B zu gehen, sondern da muss man ja auch so viel technisches Kleinkram bedenken, dazu die Fähigkeit haben , diplomatisch mit Menschen umzugehen, oder auch autoritär, je nach Bedarf, nein, ich denke, dazu habe ich dann doch zu wenig Geduld.

Haben Sie (künstlerische) Vorbilder? Falls ja, welche und warum?
Heute, als Chorsängerin, nicht mehr. Aber früher war natürlich meine Gesangslehrerin, die berühmte Elisabeth Grümmer, mein großes Vorbild. Und auch heute noch finde ich einige Partien ihres Faches von ihr gesungen weiterhin unübertroffen!

Wie schildern Sie das Verhältnis zu Ihrer Tochter Sarah?
Wir sind sehr eng miteinander umgegangen, da sie in der Regel mit mir alleine aufgewachsen ist. Ihr Papa war ein Wochenendpapa, ich war für die alltägliche Erziehung zuständig. Diese Nähe und Enge prägt unser Verhältnis noch bis heute. Erstaunlicherweise haben wir wenig Kämpfe miteinander ausgefochten, selbst in der Pubertät nicht. Wir sind durch unsere musikalische Betätigung ebenfalls sehr eng miteinander verbunden – vielleicht rührt daher die gegenseitige Zustimmung. Ich zumindest bin mit ihrem Wesen, ihrem Charakter, ihrer Entwicklung sehr zufrieden und auch stolz auf sie.

Haben Sie immer Zeit, wenn Ihre Tochter Sie braucht?
Ich fürchte, nein. Sie lebt und studiert in Lübeck, was ja nicht so weit von Hamburg entfernt ist. Aber dennoch: wenn man Jemanden spontan braucht, kann ich nicht da sein, auch wegen des eigenen Berufs nicht. Aber wir telefonieren häufig miteinander, sie kommt häufig auch mal nur zu einem kurzen Besuch nach Hamburg, und ich dann auch z.B. zu einem Konzert, in dem sie mitspielt, nach Lübeck.

Was schätzen Sie an Ihrer Tochter besonders?
Ihr gutes Herz! Das klingt jetzt vielleicht altmodisch, aber es ist dennoch so. Ich glaube, sie ist wirklich ein guter Mensch.

Wie lösen Sie Meinungsverschiedenheiten?
Immer mit Reden! Zunächst ereifern wir uns vielleicht Beide, aber wir versuchen, unsere Meinungsverschiedenheiten verbal zu lösen und dem Anderen das Gefühl zu geben, dass man dessen Argumente auch verstehen kann.

Gibt es Aufgaben, die Sie nicht gerne erledigen?
Oh ja! Bügeln, Fensterputzen, Steuererklärung machen, das Auto in die Werkstatt bringen, ans Finanzamt schreiben…soll ich noch mehr aufzählen?

Was unternehmen Sie in Ihrer Freizeit?
Ich gehe häufig ins Kino, ins Theater, in die Oper. Und dann lese ich sehr viel! Damit bringe ich den größten Teil meiner Freizeit zu. Seit einiger Zeit bin ich nun auch in einem Fitnessstudio und werde zunehmend süchtiger nach Bewegung und Konditionstraining.

Was raten Sie jungen Frauen, die sich für den Beruf einer Sängerin entscheiden wollen?
Nur wenn sie ganz, ganz, ganz sicher sind, dass sie unbedingt auf eine Bühne gehören, sollten sie es versuchen! In der heutigen Zeit darf man wirklich gar keinen Zweifel an seiner Befähigung zum Gesang haben, denn es gibt so unglaublich viele gute Sänger und Sängerinnen, und alle wollen auf die Bühne.

Welche Erfahrung haben Sie gemacht: ist in Ihrem Beruf das Angestellten oder das freiberufliche Dasein empfehlenswerter?
Je nachdem, was man sich von der Zukunft erhofft: alleine geht es auch freiberuflich eine Weile sicher gut, denn wenn auch mal die Angebote nicht so fließen, kann man sich einschränken, aber wenn man Familie hat, wenn man ein Kind groß zieht, muss man andere Überlegungen anstellen. Ein Kind kostet Geld, ein Kind braucht Stabilität und Kontinuität, ein Kind kann man nicht heute in dieser Stadt und morgen in jener ansiedeln, oder für Wochen oder gar Monate in wechselnde Betreuung geben. Jedenfalls denke ich, dass das nicht gut ist, und dann ist ein festes Angestelltenverhältnis an einem festen Haus sicher eine solide Basis. Spaß kann man auch dann in seinem Beruf haben.

Fragen an Sarah Weintritt:

Welche Instrumente spielen Sie? Was hat Sie dazu gebracht, Musikerin und nicht – zum Beispiel wie Ihre Mutter – Sängerin zu werden?
Ich spiele Bratsche und Klavier, wobei ich zugeben muss, dass ich seit meiner Klavierabschlussprüfung im Sommer 2003 keine Taste mehr angerührt habe. Da ich mein ganzes Leben schon Musik mache, kam mir der Gedanke und Wunsch schon sehr früh, obwohl ich durchaus, gerade in der Pubertät, über Alternativen zum Musikerberuf nachgedacht habe. Obwohl ich als kleines Mädchen unbedingt Sängerin werden wollte und auch später im Studium Gesangsunterricht genommen habe, habe ich mich doch viel länger und intensiver mit dem Streichinstrument beschäftigt, so dass sich für mich nie wirklich die Frage gestellt hat, Sängerin zu werden.

Welches waren in Ihrer noch jungen Karriere bisher Ihre größten öffentlichen Erfolge?
In meiner Jugend waren mehrere Bundespreise beim Wettbewerb "Jugend musiziert", mehrere Reisen mit dem "Bundesjugendorchester" und der "Jungen Deutschen Philharmonie", Meisterkurse in Israel meine größten Erfolge. Seit meiner Studienzeit sind mein Zeitvertrag beim
Philharmonischen Orchester der Stadt Lübeck, Meisterkurs in Süd-Korea und eine Aushilfe an der "Deutschen Oper Berlin" meine größten Erfolge.

Welches sind Ihre Lieblingskomponisten bzw. Musikstücke?
Bei sinfonischer und kammermusikalischer Musik Mozart, Beethoven, Schubert, Brahms, Mahler. Bei Opern Verdi und Wagner – wobei mir bewusst ist, dass rezeptions- geschichtlich ich mich eigentlich für einen von beiden entscheiden müsste.

Welche Werke liegen Ihnen überhaupt nicht?
Mit Hindemith und auch Schumann tue ich mich schwer. Gerade die Klavier und Kammermusik von Schumann liegt mir nicht so. Ich empfinde sie als spröde und es fällt mir schwer, sie emotional zu begreifen.

Haben Sie (künstlerische) Vorbilder? Falls ja, welche und warum?
Ich habe viele verschiedene Vorbilder, kann allerdings nicht behaupten "Fan" von jemandem zu sein. Unterschiedliche Interpreten und Musiker bewundere ich wegen unterschiedlicher Fähigkeiten (der eine hat einen besonders tollen Ton, die andere eine fantastische Technik etc.).

Welche Ziele möchten Sie in Ihrem Berufs-/Leben erreichen?
Ich möchte eine Position in einem guten Orchester erreichen, in der ich auch mal Verantwortung übernehmen kann. Für mein Privatleben habe ich noch keine konkreten Vorstellungen. Das lasse ich noch ganz gefasst auf mich zukommen.

Wie würden Sie das Verhältnis zu Ihrer Mutter schildern?
Das Verhältnis zu meiner Mutter ist geprägt von großem Vertrauen, Zuneigung, Liebe und Respekt. Wir stehen uns sehr nahe und haben ein enges Verhältnis. Die Meinung und Ratschläge meiner Mutter sind mir sehr wichtig. Wir sind uns in vielen Neigungen und Ansichten sehr ähnlich. Allerdings schützt uns diese Nähe nicht vor Reibereien und gesunder Auseinandersetzung.

Haben Sie immer Zeit, wenn Ihre Mutter Sie braucht?
Vermutlich nicht, was einerseits dadurch bedingt ist, dass ich nicht mehr zu Hause und auch nicht mehr in der gleichen Stadt wohne. Andererseits daran es vielleicht daran, dass meine Mutter nicht der Typ ist, der gerne um Hilfe bittet oder sie einfordert, so dass man nicht immer weiß, ob sie nun Hilfe benötigt oder nicht.

Was schätzen Sie an Ihrer Mutter besonders?
Ihre Lebensfreude und ihren Optimismus. Ihre Power, Ihre Selbstständigkeit und Unabhängigkeit. Ihre Warmherzigkeit und Offenheit.

Wie lösen Sie Meinungsverschiedenheiten?
Wir lösen unsere Meinungsverschiedenheiten immer recht schnell. Wir erhitzen uns, wir streiten manchmal, wir zicken uns manchmal an, aber es hält nie lange vor. Eine kommt der anderen immer entgegen und wir lösen das Problem. Wir sind beide nicht nachtragend und auch nicht lange beleidigt, so dass wir Konflikte nie lange "am Köcheln" halten, sondern sie möglichst gleich austragen.

Gibt es Aufgaben, die Sie nicht gerne erledigen?
Einige: Abwaschen, Staubsaugen, Bad putzen, Staub wischen! So ziemlich jede Form der Hausarbeit, wobei ich Bügeln nicht so schlimm finde, was meine Mutter immer sehr erfreut hat, als ich noch zu Hause wohnte…….!!!

Was unternehmen Sie in Ihrer Freizeit?
Ich mache viel und gerne Sport! Ich lese gerne, gehe wahnsinnig gerne in die Oper, ins Konzert und ins Theater (obwohl ich das auch nicht nur in meiner "Freizeit" tue…).Gehe gerne ins Kino und treffe mich mit Freunden und Bekannten.

Das Gespräch führte Brigitte Karch