Helke Fussell: Das plötzliche Fühlen einer neuen Lebenserfahrung


Seit über vier Jahren offeriert die einstige Hotelfachfrau Gelassenheits- trainings, die sich wachsenden Zuspruchs erfreuen. Helke Fussell überzeugt in ihrer Rolle als Coach vor allem deshalb, weil sie mit der Methodik des Gelassenheitstraining ganz wesentliche Impulse für ihre persönliche Bewusstseinsänderung und ihre eigentliche Profession bezieht. Diese Souveränität überträgt sich positiv auf ihre Seminarteilnehmer.

Sie haben ja – wenn man auf Ihre Biographie schaut – beruflich zunächst einmal einen Umweg eingeschlagen, bevor Sie sich der Thematik "Gelassenheitstraining" näher widmeten.
Ich verbrachte eine sehr ruhige Jugend, war recht artig und brav und absolvierte ganz klassisch das Abitur, übrigens in Mathematik mit der Note 1. Danach erst wurde ich etwas "rebellischer". In einem Hotel in Göttingen lernte ich zweieinhalb Jahre und schloss als Hotelfachfrau ab. Während meiner Ausbildungszeit lernte ich viele interessante und berühmte Menschen kennen und erhielt dadurch Einblicke in eine tolle Welt. 1986 ging ich nach Paris und fand im 5-Sterne Hotel Rafael meinen Traumjob. Das war für mich ein Riesenerlebnis, denn ich wurde so richtig ins "kalte Wasser geworfen" und musste mich beweisen. Dort galt es für mich, die Balance zwischen Dienstleistung gegenüber dem Gast und meiner eigenen Persönlichkeit zu finden. Im Jahr 1987 stand ich vor der Entscheidung, entweder in Paris zu bleiben oder in einer anderen Stadt meinen gelernten Beruf auszuüben. Ich entschied mich für London, wo ich im hoch noblen 1889 von Cesar Ritz gegründeten Hotel Savoy zunächst in der Reservierung-Abteilung, später an der Rezeption tätig war. Dort blieb ich bis 1988. Doch schon bald stand ich abermals vor einer neuen beruflichen Weichenstellung: ich hätte als Hotel-Direktionsassistentin weiterarbeiten oder in eine schlecht bezahlte Hotel-Vertriebsposition wechseln können.

Doch stattdessen haben Sie 1991 Ihren Mann, einen Neuseeländer geheiratet, wurden Mutter zweier Mädchen und gründeten 1994 zusammen mit Ihrem Mann und seinem Geschäftspartner eine Agentur für Computer-Spezialisten, die sie acht Jahre lang mit betreuten.
Ja, richtig. Ich konnte damals in meiner eigenen Firma arbeiten, baute eigenverantwortlich den Vertrieb auf und es hat mir großen Spaß gemacht.
Doch dann kam erneut ein Einschnitt; denn trotz einem gewissen Selbstbewusstsein, fühlte ich mich in meiner Rolle als "3. Chef – neben meinem Mann und seinem Partner" nicht so recht wohl. Ich hab´s damals (wörtlich gemeint) nicht so recht begreifen können, wo mein eigentlicher Standpunkt war. Ich brauchte daher eine Pause für mich und meine Kinder, aber auch diese Pause erfüllte mich ebenso wenig. Es folgte das persönliche Kennenlernen des "körperorientierten Coaching", eine Methodik, die mich sofort begeisterte.

Das klingt nach Schlüsselerlebnis……?
Ich neige schon immer zur intensiver Selbsterforschung, und Ende der 1990-er Jahre befand ich mich in einer erneuten Selbstfindungphase. Das "körperorientierte Coaching" führte mich weg vom blinden Aktionismus und ziellosem Experimentieren. Ich ließ mir von Drs. Vermeulen, der mir als "Handwerkszeug" effektive Kommunikations- und Entspannungsmethoden mit auf den Weg gab, zum Coach ausbilden. Dabei handelt es sich um ein Programm, das Menschen ermutigt, sich selbst und seine eigenen Bedürfnisse ernst zu nehmen und Veränderungen in seinem Leben anzugehen. Seit 2002 führe ich "Gelassenheitstrainings" als Einzel- und Gruppenseminar sowie Workshops durch. Zu meinem Klientel zählen Unternehmer, Manager und Angestellte, die berufliche und persönliche Themen mit mir bearbeiten.

Was beutet für Sie persönlich das "Gelassenheitstraining?"
Ich habe mit dem "Gelassenheitstraining" eine Methode entdeckt, die mir geholfen hat, in meinem Leben neue Weichen zu stellen. Das klare, Tag für Tag auf den Punkt vollzogene Analysieren, stets in Verbindung mit körperlichen Konzentrations- und Wahrnehmungsübungen, hat mein Bewusstsein gestärkt. Übrigens, das ist ja auch die Grundidee von Yoga und der Moshe Feldenkrais-Methodik.

"Nebenbei" sind Sie ja auch noch Mutter, wie ist das Verhältnis zu Ihren beiden Töchtern?
Noch spiele ich viel mit meinen Kindern, die jetzt acht und 13 Jahre alt sind. Doch mittlerweile ist eine "andere" Mutter gefragt. Die Themen, die wir gemeinsam besprechen, sind diffiziler geworden, und es erfordert unglaublich viel Aufmerksamkeit, sie mit ihren Fragen und Problemen zu verstehen, eine Aufmerksamkeit, die Kinder einfach brauchen. Auch muss ich ausbalancieren, wie weit sie noch die Bemutterung brauchen, oder ab wann sie lernen müssen, eigene Verantwortung zu übernehmen – wir drei üben noch, damit jeder seine eigenen Freiräume hat.

Was unternehmen Sie in Ihrer Freizeit?
Mein Theater-Abonnement habe ich abgegeben, dafür spiele ich selbst einmal in der Woche Theater. Derzeit probe ich für ein Laien-Musical, das im November zur Aufführung gebracht wird. Theaterspielen bedeutet für mich ebenfalls eine körperbezogene Ausdrucksweise. Ich kann mich in meine Rolle sehr hineinsteigern. Das macht Spaß und da kann ich all die Leidenschaften ausleben, die ich mir im normalen Leben vielleicht nicht erlaube.

Was mögen Sie an Menschen?
Das sie so unterschiedlich und mit faszinierenden Talenten ausgestattet sind. Ich suche ganz bewusst das Gespräch mit Menschen, Einzelgänger mit ihrer Eigen-Art zu denken und zu handeln faszinieren mich immer wieder aufs Neue.

Was mögen Sie an Menschen nicht so sehr?
Es gibt da so einige Dinge, die ich an anderen Menschen nicht so sehr schätze, aber das sind mehr oder weniger Schwierigkeiten, die in meiner eigenen Person zu suchen sind. Ich akzeptiere jeden und bestimme selber die
Distanz, wie nah ich einen Menschen an mich heranlasse.

Haben Sie Vorbilder?
Nein, habe ich nicht. Es gibt zwar Menschen, die finde ich ausgesprochen klasse, dennoch möchte ich nicht so sein wie sie. Wenn ich mich selbst charakterisieren sollte, würde ich zum Beispiel meinen Hang zu Spektakulärem hervorheben. Ich agiere gerne auf einer Bühne als Entertainer und in meiner Rolle als Gelassenheitstrainer, indem ich Übungen anleite und zum Mitmachen animiere. Eine Übung, die ich besonders mag, ist die Bewegungsmeditaiton in 4 Himmelrichtungen.
Das ist ein wundervoller Einstieg in das Gelassenheits- training, voller Konzentration und Rhythmus. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich stehe weder in der Esoterik- noch Buddhismus-Ecke, vielmehr sehe ich mich als Pionierin im Gelassenheitstraining. Da kann jeder sofort einsteigen, ohne Vorkenntnisse.

Können Sie Ihre Erkenntnisse an einigen Beispielen verdeutlichen?
Die positive Wirkung der körperlichen Übungen auf Menschen konnte ich zum Beispiel im Rahmen des Street Life Festivals auf der Schwabinger Leopoldstraße in München besonders deutlich feststellen oder etwa bei Übungen im Park. Trotz der Ablenkungen außen herum waren die Menschen konzentriert und fokussiert bei der Übung und fühlten sich hinterher leicht und entspannt. Wichtig ist mir auch, den Menschen Freude und Lust an der Bewegung zu geben, sie aus ihren gewohnten Lebensmustern herauszuholen und sie gewissermaßen rückwärts aussteigend neue Wege beschreiten zu lassen. Dieses plötzliche Fühlen einer neuen Lebenserfahrung voller Sensibilität, Leichtigkeit, Konzentration und Freude sind notwendig, um zu Veränderungen zu gelangen und um ein neues Bewusstsein zu schaffen.

Das Gespräch führte Brigitte Karch©