Marialuisa Jannone: „Ciao, come sta?“ (Nachbericht)


Als Servicemitarbeiterin in einer Konditorei im Münchner Umland, begrüßt die Stammgäste des Hauses nicht selten mit "Ciao, come sta?", einem "Hallo, wie geht es Ihnen?" Mit gewinnendem Lächeln erfüllt sie rasch und umsichtig die Wünsche der Kunden nach Torten, Kuchen und Getränken oder nach kleinen Mittagsgerichten. Die gebürtige Mailänderin, die in Salerno aufwuchs, wirkt stets frohgemut, ihre persönlichen Probleme und Sorgen lässt sie aber konsequent "außen vor". Es hat lange Jahre gedauert, bis sie sich an Deutschland gewöhnt hat, ohne dabei ihre persönliche Identität aufzugeben. Geblieben ist ihre stille Sehnsucht nach "Bella Italia".

Was hat Sie denn nach Deutschland verschlagen und wie kommt es, dass Sie so gut Deutsch sprechen?
Als ich drei Jahre alt war, wanderten meine Eltern von Italien nach München aus. Das war im Februar 1966. Hier gab es für sie Arbeit und eine Wohnung. Sie wollten hier eigentlich nur für ein paar Jahre Geld verdienen, sind dann aber doch in München geblieben. Die deutsche Sprache habe ich im Kindergarten gelernt. Noch heute sprechen wir in München zu Hause bei meinen Eltern italienisch – das haben wir nie aufgegeben.

War Deutschland für Sie nicht sehr ungewohnt und hat man es Sie damals als Kind spüren lassen, das Sie Ausländerin waren?
Ich erinnere mich, dass ich als Kind oft geweint habe, wenn im Winter Schnee lag, und meine Eltern kein Geld hatten, um mir Stiefel zu kaufen. Ausländerfeinlichkeit – das habe ich oft zu spüren bekommen. Damals galten wir ja noch als sogenannte Gastarbeiter. Besonder schmerzhaft empfand ich als ich etwa acht Jahre alt war und um die Mittagszeit eine Schulfreundin besuchte. Anstatt man mich gebeten hätte, am Essen teilzunehmen – bei uns in Italien ist so etwas völlig selbstverständlich – musste ich allein im Flur warten, bis die deutsche Familie mit dem Essen fertig war.

Sie haben nach der Hauptschule sofort zu arbeiten begonnen – war das ihr persönlicher Wunsch?
Nein, wirklich nicht! Mein Vater und meine Mutter hatten sich hier in München inzwischen zwei Eisdielen und ein Restaurant aufgebaut. Damals war es selbstverständlich, dass ich als Tochter – im Gegensatz zu meinem Bruder – keine weitere besondere Ausbildung bekam, sondern ich musste in den elterlichen Betrieben sofort mitarbeiten.

Wie war das Verhältnis zu Ihrer Mutter, zu Ihrem Vater?
Also, ich liebe meine Mutter, weil sie für mich immer sehr viel Verständnis hatte und heute noch hat, sie war immer sehr liebevoll zu mir. Meinen Vater habe ich nie so richtig gemocht. Er war sehr streng zu mir, ich durfte nicht lernen, was ich wollte. Dabei wäre ich so gerne Dolmetscherin für Deutsch-Italienisch und Englisch geworden, stattdessen hieß es für mich: arbeiten, arbeiten, arbeiten. Als dann meine Mutter sehr krank wurde, konnten wir unsere Betriebe nicht mehr weiterführen. Da musste ich mir dann einen anderen Arbeitsplatz suchen.

Sie sind berufstätig und alleinerziehende Mutter eines heute 15-jährigen Sohnes. Wie ist das Verhältnis zwischen Mutter und Sohn?
Mein Sohn Roberto interessiert sich sehr für das Fach Elektronik. Auch er wächst – so wie ich – zweisprachig auf. Er durchläuft jetzt so die Entwicklungsphase zwischen ´kleiner Sohn´ und bereits ´erwachsen sein´. Für ihn bin ich Mutter und Vertrauensperson in einem. Wir verstehen uns echt super und führen ein harmonisches Leben. Trotzdem versuche ich, zu ihm streng und energisch zu sein.

Wie sieht Ihr Lebensziel aus?
Ich habe Heimweh nach Italien und werde vielleicht in einigen Jahren zurückkehren; vor allem auch deshalb, weil es mir nicht möglich ist, von der Rente hier in Deutschland zu leben.

Das Gespräch führte Brigitte Karch