CareTRIALOG: Margot Käßmann: „Ich wünsche mir, dass ich in Ruhe sterben kann“


Schonungslos ehrlich und aufrichtig in ihrem Handeln, hat die renommierte Theologin zuletzt mehrere sehr persönliche Krisen überstanden. Trotzdem – oder eben gerade deshalb? – ist sie beliebter denn je. Und beweist jetzt erneut ihre Stärken: Für die ARD-Themenwoche „Leben mit dem Tod“, die sich vom 17. bis 23.11. in Fernsehen, Radio und Internet dem Umgang mit Tod und Sterben widmete, hat Margot Käßmann – gemeinsam mit TV-Moderator Reinhold Beckmann und Kabarettist Dieter Nuhr – die Patenschaft übernommen. Wie es ihre überzeugte Art ist, steckt hinter diesem sozialen Engagement selbstverständlich viel persönliche Motivation.

Margot Käßmann (54) ist evangelisch-lutherische Theologin und Pfarrerin in verschiedenen kirchlichen Leitungsfunktionen. Die Mutter von vier Töchtern war u.a. Mitglied im ÖRK (1983–2002), Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages (1995–1999), Präsidentin der Zentralstelle für Recht und Schutz der Kriegsdienstverweigerer aus Gewissensgründen (2002–2011), Landesbischöfin der Evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers (1999–2010) und Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) (2009–2010). Im Februar 2010 trat sie nach einem polizeilich festgestellten Fehltritt von Bischofsamt und EKD-Ratsvorsitz zurück. Seit April 2012 ist sie „Botschafterin für das Reformationsjubiläum 2017“ im Auftrag des Rates der EKD und setzt sich auch weiterhin für unzählige soziale Projekte und die Kirche ein.

An den Sonntagen 25.11. und 2.12. (jeweils um 19.30 Uhr) läuft außerdem im ZDF ihre zweiteilige Dokumentationsreihe „Terra X: Bibelrätsel“.

Im Interview erläutert Margot Käßmann, warum das Reden über das Sterben so wichtig ist und welche Rolle dabei auch eine Patientenverfügung und eine Betreuungsvollmacht spielen.

Frau Käßmann, Sie sind Patin der ARD-Themenwoche „Leben mit dem Tod“. Wie lange haben Sie überlegt, bis Sie für dieses Projekt zugesagt haben?
Nicht lange, denn ich finde das ist eine sehr kluge Idee! In der Bibel heißt es: Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden.

Warum finden Sie es wichtig, sich mit Tod und Sterben zu beschäftigen?
Weil der Tod uns alle betrifft, die meisten Menschen sich aber scheuen, darüber zu sprechen. Die ARD-Beiträge in der Themenwoche können Menschen ermutigen, ins Gespräch zu kommen zu einem Thema, dem sie sonst ausweichen.

Reden wir in Deutschland genug über das Thema Tod und Sterben?
Nein. Als Pfarrerin habe ich oft erlebt, dass Menschen hilflos und schockiert sind, wenn sie mit dem Sterben konfrontiert werden. Sie bereuen dann, mit den Angehörigen nicht darüber gesprochen zu haben, da gibt es viel Trauer um Ungesagtes, Ungetanes, das vermieden werden könnte.

Wenn Sie den Tod zeichnen müssten, wie sähe er Ihrer Meinung nach aus?
Nach meiner Erfahrung ist Sterben so individuell wie Geborenwerden. Der Tod kann ein sanfter Hauch sein, eine Hand, die trägt, aber auch brutal und gewalttätig wie der Sensenmann auf manchen mittelalterlichen Bildern.

Wie gehen Sie persönlich mit Trauer um?
Da gibt es kein Konzept, das ist doch immer wieder anders! Ich weine. Gehe in die Kirche und zünde eine Kerze an. Ich spreche darüber. Auch mit Gott. Oder schweige.

Sprechen Sie mit Ihrer Familie oder im Freundeskreis über den Tod?
Der Krebstod des Mannes meiner besten Freundin vor neun Jahren, der auch Patenonkel meiner jüngsten Tochter war und den ich beerdigt habe, hat viele intensive Gespräche ausgelöst. Außerdem war mir wichtig, eine Patientenverfügung und eine Betreuungsvollmacht auszufüllen und beglaubigen zu lassen und mit meinen Kindern darüber zu sprechen, wie ich mir vorstelle, beerdigt zu werden. Ich habe oft erlebt, dass Menschen mit den Entscheidungen, die im Sterbefall anstehen, völlig überfordert sind.

Wer kann besser mit dem Tod umgehen, Kinder oder Erwachsene?
Die Frage ist: Wagen Erwachsene mit Kindern über den Tod zu sprechen? Wenn sie das tun, können Kinder manchmal ganz neue Gesichtspunkte einbringen, weil sie unbefangener sind. Mir ist wichtig, dass Kinder nicht weggeschickt werden, sondern dabei sind, Abschied nehmen können, fragen dürfen, die Rituale kennen lernen. Wer sie abschottet, löst in ihnen mehr Ängste aus, als dass es Schutz wäre. Kinder haben ja viele Fragen! Geschichten können solche Gespräche ermöglichen, ich denke an Jostein Gaarders Buch „Hinter dem Spiegel ein dunkles Bild“ oder auch Astrid Lindgrens „Die Brüder Löwenherz“.

Fürchten Sie sich vor Ihrem Tod oder vor dem Sterben?
Keinerlei Angst zu haben wäre wohl merkwürdig. Ich erinnere mich an die Geburten meiner Kinder: Du weißt nicht, wie es wird und dieses Unkontrollierbare irritiert. Ich wünsche mir, dass ich in Ruhe sterben kann und nicht in der Dramatik eines Unfalls oder der Hektik einer Krankenhaussituation. Als ich vor Jahren eine Krebsdiagnose hatte, hat das bei mir eher eine tiefe Ruhe ausgelöst als Angst und Hektik. Das wünsche ich mir auch für den Todesfall.

Bereiten Sie sich auf Ihren Tod vor?
Ja, indem ich geklärt habe, was ich vorab klären kann und mit den Menschen, die mir am wichtigsten sind im Leben, darüber gesprochen habe.

Welchem Thema würden Sie lieber aus dem Weg gehen, wenn es ums Sterben geht – und über welches Thema wüssten Sie gern mehr?
Diese letzten Entscheidungen für andere zu treffen, finde ich schwer. Wenn ein Mensch stirbt, weil er keine Nahrung und Flüssigkeit zu sich nimmt: Magensonde ja oder nein? Selbst wer vorher klar dagegen entschieden hat, kommt in ethische Konflikte. Und mir wäre wesentlich lieber, vor meinen Kindern zu sterben, weil „verwaiste Eltern“ die Reihenfolge umkehren, sie haben es besonders schwer, finde ich.

Was würden Sie gern am Umgang mit Tod und Sterben in Deutschland ändern?
Ich empfinde eine große Befangenheit auch durch den Verlust an Ritualen. Viele wissen nicht, dass Menschen zu Hause sterben können, ausgesegnet werden. Auf dem Friedhof sind viele völlig verkrampft, weil sie so selten dabei waren. Aber Rituale geben auch Halt, gerade wenn unsere Gefühle uns überwältigen. Ein Vaterunser sprechen, am offenen Sarg, das können nicht mehr alle.

Welche Rolle spielt für Sie Glaube und Religion beim Thema Tod und Sterben?
Für mich ist das entscheidend. Ich glaube, dass Gott mich hält im Leben, im Sterben und über den Tod hinaus. In der Bibel heißt es, dass in Gottes Zukunft alle Tränen abgewischt sein werden und Not, Leid, Geschrei und auch der Tod ein Ende haben. Darauf vertraue ich.

Wie sieht für Sie „schönes Sterben“ aus? Gibt es das?
Das habe ich mehrfach erlebt. Ich erinnere mich an ein Hospiz, in dem ich dabei war, als eine alte Mutter starb, die Tochter hielt ihre Hand. Sie atmete ein und aus und dann nicht mehr. Da war ein bewegendes Gefühl im Raum: Die Mutter hatte die Tochter bei der Geburt ins Leben hinein geleitet und die Tochter ihre Mutter aus diesem Leben hinaus. Da hatte der Tod etwas von Schönheit und Erlösung.

Darf man über den Tod Witze machen?
Auf jeden Fall! „Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“, sagt der Apostel Paulus. Und Martin Luther meinte, das Evangelium könne nur mit Humor gepredigt werden. Er schreibt an einen Mann, der sich mit Selbstmordgedanken trägt: „Lieber Teufel, kannst du mir nicht näher kommen, so lecke mich und so weiter, ich kann Deiner jetzt nicht warten.“

Müssten Sie sich jetzt entscheiden: Was soll auf Ihrem Grabstein stehen?
Mein Name, mein Geburts- und Sterbedatum und ein Kreuz. Vielleicht noch: „Der Tod ist kein hoffnungsloser Fall.“

Was soll von Ihnen in Erinnerung bleiben nach dem Tod?
Dass ich glücklich war über meine vier Töchter und meine Enkelkinder. Und dass für mich der christliche Glaube die tragende Kraft war in den Höhen und Tiefen des Lebens.

Was möchten Sie unbedingt tun, bevor Sie sterben?
Ich hatte ein sehr gutes Leben als Frau, die nach 1945 in Westdeutschland geboren wurde. Dafür bin ich dankbar und habe nicht den Eindruck, irgendetwas versäumt zu haben.
Quelle: www.caretrialog.de

Weitere Informationen:
www.caro-werke.de
www.caretrialog.de
www.radioberlin.de
(Die Links wurden am 25.11.2012 getestet.)

Bildunterschrift: Margot Käßmann. Foto: ARD/Paul Schirnhofer