Ernie Egerer: “Nah am Menschen sein, aktiv zuhören und genau beobachten!”


Ernie Egerer war auf Wunsch ihres Mannes von Anfang an in der Familienbrauerei mit tätig. Daran änderte sich auch nichts durch die Geburt ihrer beiden Söhne. Voller Elan und Einsatzfreude gelang es ihr, die Werbeabteilung des Hauses aufzubauen, sie erreichte damit eine beachtliche Breitenwirkung nach außen. Mittlerweile schickt sich die nächste Generation an, die Geschicke der Familienbrauerei in die Hände zu nehmen.

Bereits mehr als 30 Jahre praktizierte die Unternehmerin ganz unkonventionell eine familienfreundliche Arbeitswelt, und zwar im wesentlichen von der Verantwortung getragen, eine “Mitarbeiternahe Führung” zu gewährleisten. Damit handelte Ernie Egerer auf ganz spezifisch mütterlich-fürsorgliche Weise für die ihr anvertrauten Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter und ermöglichte ihnen so die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, und zwar schon lange bevor dies heute zum vielzitierten Schlagwort wurde. Ein weiteres Motto lautet: “Nah am Menschen sein, aktiv zuhören und genau beobachten” – ein Credo, das Ernie Egerer auch außerhalb des Betriebs zu ihrer überzeugten Lebenseinstellung machte.

Sie ist Trägerin des Bundesverdienstkreuzes und wurde mit dem Bayerischen Frauenförderpreis 2000 ausgezeichnet. Ihr sozial-politisches Engagement ist äußerst vielseitig. So ist Ernie Egerer auf Landkreisebene beispielsweise im Pfarrgemeinderat von Großköllnbach tätig. Sie fungiert als 1. Vorsitzende in der Katholischen Erwachsenen Bildung (KEB) und rief den 2. Damen Lions Club in Bayern ins Leben. Gleichwohl ist Ernie Egerer Ideengeberin der sozialen Einrichtung “Kommunalen Familientisch” in Pilsting, wo sie zusammen mit zehn Frauen vom Frauenbund und der Frauenunion einmal wöchentlich 56 Personen verköstigt. Die agile Unternehmerin engagiert sich im Kreuzbund und bietet Reisen nach Polen zur Völkerverständigung an.

Ernie Egerer zeigt sich im Gespräch mit brikada als eine kluge, herzensgebildete Frau. Ihr schalkhaftes Lächeln verraten sie als humorvolle Gesprächspartnerin. Ihr respektvoller Umgang mit Menschen und ihre mit unverstellten christlichen Werten angereicherten Lebensansichten zeugen von Achtung und tätiger Nächstenliebe den Mitmenschen gegenüber. Gleichwohl gelingt es ihr mit sensiblem Einfühlungsvermögen, die Kümmernisse anderer Menschen zu erfassen und lindern zu helfen. Ihren drei Enkelinnen ist sie eine liebevolle Großmutter.

Sie haben sich über Jahrzehnte hinweg im besonderen Maße für die Belange Ihrer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eingesetzt. Das Bundesverdienstkreuz am Bande, aber auch die Verleihung des Bayerischen Frauenförderpreises 2000 waren sichtbare Anerkennungen. Wie ist es Ihnen gelungen, den Arbeitsalltag in ihrem Unternehmen familienfreundlicher zu gestalten?
Mir war bewusst, zu welchen Problemen es führen kann, wenn Familien- und Arbeitswelt nicht im Einklang stehen, deshalb konnte ich in unserer Brauerei zahlreiche Neuerungen einführen. So dürfen Väter, die in unserem Betrieb als Verkäufer bei dem Getränke-Heimdienst tätig sind, während der Schulferien ihre Kinder im LKW mitnehmen. Beide sind somit häufiger zusammen, und das Kind lernt den Arbeitsbereich des Vaters kennen. Oder: Wenn eine Ehefrau sich weiterbilden möchte, erhält der Vater von uns die entsprechende Freistellung. Desweiteren kann ein Elternteil bei schwer erkrankten Kindern daheim bleiben und sich der Pflege widmen. Zudem habe ich mehrere Telearbeitsplätze eingerichtet, so dass die Frauen ihre Aufgaben von zu Hause erledigen können. Zu den Neuerungen gehörte etwa auch eine Meditationsgruppe für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter oder die Gründung eines betriebseigenen Fußballclubs, die “Grokj Kickers”. Um all diese Prozesse optimal begleiten zu können, habe ich extra eine dreijährige berufsbegleitende Ausbildung zur Familien- und Paartherapeutin absolviert.

Wie viele Frauen und Männer arbeiten in der Brauerei und wie hoch ist der Frauenanteil?
Zur Zeit sind in der Brauerei rund 210 Mitarbeiter beschäftigt, davon sind “nur” 29 Prozent weiblich. Dieser relative geringe Anteil von Mitarbeiterinnen resultiert daher, dass es sich in einer Brauerei überwiegend um für Frauen zu schwere körperliche Arbeit handelt. Dennoch haben wir zum Beispiel eine Mitarbeiterin, die den Fuhrpark leitet und sich als fast 60-jährige in dieser Männer-Domäne bestens durchzusetzen versteht. Zudem sind bei uns eine Brauerin und Gabelstaplerfahrerinnen beschäftigt. Wir haben in unserem Betrieb die Arbeitszeitflexibilisierung eingeführt. Das heißt es gibt bei uns einen 2- bis 3-Schichtbetrieb. Das ermöglicht unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, dass sie selbst bestimmen können, welche Schicht sie übernehmen. Damit können sie ihre häuslichen Belange wie etwa Kinder rechtzeitig zum Kindergarten oder zur Schule zu bringen, pflegebedürftige Eltern zu versorgen, Einkäufe oder Erledigungen, die nur zu bestimmten Zeiten getätigt werden können, ohne Stress bewältigen. Dieses Arbeitszeitmodell hat sich bestens bewährt.

Spielt die Alkoholproblematik, ein in der Öffentlichkeit nur verschämt erwähntes Thema, in Ihrem Bereich eine besondere Bedeutung?
Nein, Alkoholismus ist kein spezielles Thema in unserer Brauerei. Es ist vielmehr ein Suchtproblem, das sehr viel mehr verbreitet ist, als gemeinhin angenommen. Wir arbeiten mit dem Kreuzbund, einer Selbsthilfe und Helfergemeinschaft für Suchtkranke und Angehörige, sehr intensiv zusammen und gliedern auch ehemalige Suchtkranke in unserem Betrieb wieder ein.

Wie sieht bei Ihnen ein ganz normaler Arbeitstag aus?
Eigentlich ist jeder Tag anders. Ich stehe um 7.00 Uhr auf und bin oftmals noch bis tief in die Nacht hinein tätig. Aber dadurch, dass seit einiger Zeit die Betriebsübergabe erfolgt, ziehe ich mich Schritt für Schritt in einen gewissen Ruhestand zurück.

So ein Generationswechsel innerhalb eines Familienbetriebes verläuft ja nicht immer reibungslos. Fällt es Ihnen schwer, auf das aktuelle, oftmals auch sehr hektische und zugleich doch befriedende Tagesgeschäft zu verzichten?
Nein, ich stehe in Liebe und Respekt zu meinem Sohn Franz, der den Betrieb übernimmt. Ich stehe ihm gerne zur Seite, und ich werde ihn unterstützen und mit begleiten. Aber ich nehme mich ebenso zurück, wo es nur geht. Ich denke und handle da eher selbstlos. Nicht ich stelle mich in den Vordergrund des Unternehmens, sondern ich fühle und denke nach dem Motto: Jeder sollte in seinem Bereich und im Rahmen seiner Möglichkeiten tätig sein. Bislang läuft alles sehr gut.

Wo liegen schwerpunktmäßig Ihre derzeitigen Aktivitäten?
Seit Verleihung des Bayerischen Frauenförderpreises im Jahr 2000 bin ich ständig ehrenamtlich unterwegs. Ich gehe in Betriebe und halte Vorträge, um aufzuzeigen, zu welchen familienfreundlichen Maßnahmen die jeweiligen Betriebe greifen können. Das Ziel ist es ja, ein gutes Arbeitsklima zu schaffen, damit Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Arbeits- und Familienleben besser vereinbaren können. Wichtig ist es auch, mit familienfreundlichen Initiativen Nachwuchskräfte ans Unternehmen zu binden oder Fachkräften einen interessanten Arbeitsplatz zu bieten. Immer aber sind mir die Menschen wichtig.

Gibt es Aufgaben, die Sie nicht so gerne machen?
Danach bin ich nie gefragt worden, den Luxus habe ich nie gehabt. Vielmehr habe ich erledigt, was gemacht werden musste.

Was unternehmen Sie in Ihrer Freizeit?
Lacht herzlich Wenn ich Freizeit brauche, dann muss ich sie mir nehmen. Ich bin vor allem sehr ruhebedürftig und gehe mit Vorliebe in die Berge zum Wandern oder lese gerne. Ab und an bin ich auch noch künstlerisch tätig. Dann nehme ich meine Farben in die Hand und lasse meine Phantasie schweben, wenn ich zum Beispiel Collagen erstelle. Seit Jahren sammle ich schöne alte Dinge, alles mit dem Hintergedanken, eines Tages ein Brauereimuseum zu eröffnen. Und natürlich stehen meine Familie und meine Enkelkinder in meinem Lebensmittelpunkt.

Haben Sie ein Lebensmotto?
Leben und leben lassen ” dieses Motto bedeutet mir sehr viel; denn es ist für mich vor allem wichtig, im christlichen Glauben verankert zu sein. Ich weiß und spüre, dass eine große Kraft da ist, die einen führt und zur Seite steht, und mir hilft, den Glauben an das Gute im Menschen nicht zu verlieren.

Was denken Sie über das Altern?
Zurückblickend war ich als junge Frau sehr belastet durch verschiedene Krankheiten meines Mannes und meiner Eltern. Es gab eine Zeit wirtschaftlicher Probleme, und auch die Kindererziehung brachte manche Herausforderungen mit sich. Jetzt im Alter verspüre ich mehr Gelassenheit. Ja, ich genieße es regelrecht, manche Belastungen nicht mehr tragen zu müssen. Zudem leiste ich mir eine eigene Meinung ” das ist sicherlich auch ein nicht zu unterschätzender Vorteil des Alterns.

Würden Sie etwas anderes machen, wenn Sie nochmals vor der Berufswahl stünden?
Das ist zwar eine sehr spekulative Frage. Dennoch, ich würde vielleicht meinen Beamtenberuf als Kunsterzieherin nicht aufgeben und von vornherein eine berufliche Gleichstellung anstreben. Als Frau muss man sich nämlich immer erst seine Gleichstellung erarbeiten, als Mann hat man es in dieser Hinsicht leichter. Alles in allem: ich bin froh und zufrieden, dass das Leben so optimal ist, wie es ist. Und: Ich genieße den Kinder- und Enkelkinder-Genuss!

Das Interview führte Brigitte Karch